Alles über uns ohne uns in den Parlamenten?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Porträt von Ottmar Miles-Paul
Porträt von Ottmar Miles-Paul
Bild: omp

Kassel (kobinet) "Nichts über uns ohne uns", dieser Slogan schallte in den letzten beiden Wochen bei den bundesweit über 500 Aktionen zum Europäischen Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen über die Plätze und Straßen. Doch das, was dahinter steckt, nämlich die gleichberechtigte Beteiligung behinderter Menschen in sämtlichen gesellschaftlichen Prozessen scheint in den Parteien und Parlamenten noch längst nicht angekommen zu sein. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul hat sich Gedanken über den herrschenden Geist in der Behindertenpolitik alla "Alles über uns ohne uns" gemacht.

Kommentar von Ottmar Miles-Paul

Während behinderte Menschen nicht müde werden, die UN-Behindertenrechtskonvention hoch zu halten und die gleichberechtigte Beteiligung behinderter Menschen bei allen sie betreffenden Belangen einzufordern, herrscht in den Parlamenten in Deutschland nach wie vor der alte Geist. Hier wird weitgehend alles über uns ohne uns entschieden. Gab es bisher noch in einigen Landtagen oder im Deutschen Bundestag hier und dort noch jemanden aus den Reihen der Behindertenbewegung, die den Einzug ins Parlament geschafft haben, wird die Luft nun immer dünner. In Thüringen wurde Maik Nothnagel bei den Linken abgemeiert und kam nur als Nachrücker nach einiger Zeit wieder in den Landtag. Bei der Aufstellung der Liste für den Bundestag hatte er jedoch keine Chance. Horst Frehe und Andreas Jürgens von den Grünen haben immerhin den Sprung aus den Landesparlamenten in Bremen und Hessen in verantwortliche Positionen in der Verwaltung geschafft, aber ohne, dass ihnen andere behinderte Menschen in die Parlamente nachgefolgt wären. Horst Frehe wirkt nun als Staatsrat in Bremen und Andreas Jürgens als Erster Beigeordneter beim Landeswohlfahrtsverband in Hessen.

Und selbst Ilja Seifert, der es über Jahre hinweg als einziger behinderter Mensch aus den Reihen der Behindertenbewegung geschafft hatte, in den Deutschen Bundestag gewählt zu werden, wurde von den Linken in Sachsen dieses Mal nur auf Platz 10 auf der Liste gewählt und hat damit äußerst geringe Chancen wieder in den Bundestag zu kommen. Im neuen Deutschen Bundestag droht also die Stimme behinderter Menschen, die mit der Behindertenbewegung verbunden sind, weiter zu versiegen, denn in keiner Partei ist zu erkennen, dass jemand anderes den Platz von Ilja Seifert einnehmen könnte. Was noch bleibt sind einige Landtage in den neuen Ländern, wo noch wenige Abgeordnete von den Linken in den Landesparlamenten sitzen. Auch bei der SPD ist trotz der offiziellen Anerkennung von Selbst Aktiv als Arbeitsgruppe in der Partei der Einzug eines behinderten Menschen aus den Reihen der Behindertenbewegung längst noch nicht in Sicht. Mit Klaus Wiesehügel wurde nun gar ein Vollblutgewerkschafter für den Bereich Arbeit und Soziales ins Schattenkabinett berufen, der mit Behindertenpolitik bisher nichts am Hut hatte. Bei den Piraten gibt es Hoffnungen, dass mit Julia Probst die erste gehörlose Abgeordnete in den Bundestag einziehen könnte. Sie erreichte Listenplatz drei in Baden-Württemberg und hätte gute Chancen, wenn die Partei den Sprung über die fünf Prozent Hürde schaffen würde, was nach den bisherigen Wahlumfragen jedoch fraglich ist, die die Piraten zwischen zwei und drei Prozent auf Bundesebene sehen. Der contergangeschädigte Stefan Fricke hatte es 2012 geschafft, für die Piraten in den nordrhein-westfälischen Landtag einzuziehen.

Wie wichtig es ist, dass behinderte Menschen selbst in den Parlamenten präsent sind, sieht man überall dort, wo Behindertenpolitik kaum stattfindet bzw. wenig authentisch vertreten wird. Bei allem guten Willen so mancher SozialpolitikerInnen in den unterschiedlichen Parteien, die sich hin und wieder zu Wort melden, können wir uns damit nicht zufrieden geben. Denn während engagiert über die Frauenquoten in der Politik und in Unternehmen diskutiert wird, wird gnadenlos darüber hinweggegangen, dass es in den Parteien und Parlamenten unzählige behindertenfreie Zonen gibt. UN-Behindertenrechtskonvention hin oder UN-Behindertenrechtskonvention her - und von Solidarität vonseiten von Frauen oder anderer benachteiligter Gruppen ist nicht viel zu spüren. So bleibt es also an uns selbst, dafür zu sorgen, dass sich dies ändert und dass mehr behinderte Menschen den Sprung in die zentralen Positionen der Parteien und in die Parlamente schaffen. Dass dies nicht einfach ist, dass dies unendlich viel Energie erfordert, ist all denjenigen klar, die wissen, wie hart das politische Geschäft ist. Dass wir dafür aber auch Unterstützung aus den Parteien brauchen, dass müssen diese endlich verstehen lernen. Denn das Wählerpotential von behinderten Menschen und ihren Angehörigen ist nicht unbeträchtlich. Es gilt also den Blick nicht nur auf die Programmatik der einzelnen Parteien, sondern auch auf deren Handeln in Sachen gleichberechtigte Beteiligung behinderter Menschen zu richten. Und da gibt es noch verdammt viel zu tun.

Lesermeinungen zu “Alles über uns ohne uns in den Parlamenten?” (5)

Von Sven Drebes

Solange "wir" uns nur mit behindertenpolitischen Themen befassen, machen wir es den "Anderen" auch zu leicht, uns auf die hinteren Plätze zu setzen. Wir müssen auch in andere Gruppen der Parteien - Innenpolitik, Wirtschaft, Kultur, Bildung ... - gehen und dort mehr tun als die Interessen von Menschen mit Behinderungen vertreten. Erst dann kommen "wir" in den Parteien an.komplett an.
Auch das zeigt das Beispiel der Frauen - und das von Ilja Seifert, der ja sowohl die Behindertenbewegung in der Limken als auch die Linke in der Behindertenszene vertritt.

Von Arnd Hellinger

Ob hier nicht doch eine - zeitlich befristete - "Krüppelquote" für von Parteitagen zu vergebende Mandate und Listenplätze hilfreich wäre? Die Frauen hatten mit dieser "Lösung" ja durchaus beachtliche Erfolge...

Von Lina

Ich finde es schlimm, dass Behinderte keine Rechte haben. Da werden irgendwelche Konventionen beschlossen, die Kanzlerin will sich um alles kümmern ( wie immer und überall ohne Folgen ) , und nichts ändert sich.

Von behindertenrecht

Das Menschenrechte so hart erkämpft werden müssen und immer noch nicht selbstverständlich - für Alle Menschen - sind, ist ein Skandal !

Von Torsten

Der Zeitgeist meint es nicht gut mit den Schwachen in dieser Gesellschaft. Materielle Sicherheit steht an erster Stelle. "Alles über uns ohne uns" und "immer höher immer weiter" ist das Motto.
Fast alle Parteien sind an einer Änderung nicht interessiert, ihre Wähler haben sich in dieser (Leistungs - ) Gesellschaft gut eingerichtet.
Die wenigen, die diese Verhältnisse in Frage stellen, sind lästig. Die Alternativen zum liberalen Zeitgeist beschreiben. Sie fordern statt einer liberalen eine wirklich soziale Gesellschaft, in der alle Menschen ihren Platz haben. Sie wollen eine inklusive Gesellschaft, in der Verteilungskämpfe der Vergangenheit angehören. Behinderte machen die Notwendigkeit dieses Wechsels besonders sichtbar. Ilja Seifert steht für diesen Wechsel. Er gehört der Partei an, die als einzige diesen Zeitgeist in Frage stellt. DIE LINKE wird weiter fragen. Diese Partei steht für einen echten Interessenausgleich. Die Landesarbeitsgemeinschaft Selbstbestimmte Behindertenpolitik Hessen hat auf ihrer Homepage http://www.lag-sbh.de/ Möglichkeiten dargestellt, wie wir uns als Behinderte wehren können. Wir stellen Fragen und sind lästig. So lange, bis das "Nicht ohne uns über uns" in dieser Gesellschaft selbstverständlich ist.