Gegen Selektion damals und heute

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Corinna Rüffer
Corinna Rüffer
Bild: B90/Die Grünen

Berlin (kobinet) Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus machte die Sprecherin für Behindertenpolitik der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Corinna Rüffer deutlich, dass jedes Leben wertvoll ist und wandte sich gegen Selektion - damals und heute.

"Unter den Opfern des Nationalsozialismus, derer wir heute gedenken, waren auch mehrere hunderttausend Menschen mit Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen. Ihnen ist unfassbares Leid und Unrecht angetan worden; sie wurden systematisch entrechtet und ermordet", schreibt Corinna Rüffer in einer heute veröffentlichten Presseinformation. "Die Abwertung behinderter Menschen durch die Nationalsozialisten und innerhalb der Gesellschaft war früh offensichtlich. Bereits im Juli 1933 erlies Hitlers Kabinett das 'Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses', das 1934 in Kraft trat. In dessen Folge wurden schätzungsweise 400.000 Menschen zwangssterilisiert, mehrere Tausend starben an den Folgen des operativen Eingriffs. Ab 1940 töteten die Nationalsozialisten während der so genannten Aktion T4 planmäßig etwa 300.000 behinderte und psychisch kranke Menschen."

Eugenisches Gedankengut – also die Vorstellung, man könne menschliches Erbgut und damit die Menschen selbst "verbessern" – war nach der Darstellung von Corinna Rüffer nicht nur in Deutschland populär. Doch nur im Nationalsozialismus habe es zu einem staatlich koordinierten Massenmord geführt. "In der zynischen Logik der NS-Ideologie wurde dieses Morden als 'Euthanasie' verschleiert und zu einem Akt der 'Erlösung' umgedeutet – für Menschen, deren Leben angeblich lebensunwert sei. Ich bin dankbar dafür, dass wir uns heute anders an diese Menschen erinnern können. Trotzdem tauchen eugenisch inspirierte Argumente noch immer auf. Die Debatten um pränatale Diagnostik zeigen: Viele Menschen glauben, sie könnten darüber urteilen, welches Leben mehr und welches weniger wert ist. Ein Leben mit einer Beeinträchtigung wird häufig unwidersprochen als leidvolle Existenz dargestellt. Das ist so falsch wie fatal. Wir Menschen sind verschieden und das ist eine große Bereicherung. Ziel unseres Handelns muss sein, die Gesellschaft so einzurichten, dass alle gleichberechtigt teilhaben können", erklärte Corinna Rüffer.

Lesermeinungen zu “Gegen Selektion damals und heute” (2)

Von EK

Hat sich wirklich so viel verändert seit "damals"?
Noch heute dürfen Menschen mit Behinderung (über das "Betreuungsrecht") sterilisiert, eingesperrt, "fixiert" und "ruhig gestellt" werden. Noch heute herrscht Gewalt, Isolation und sexueller Mißbrauch und Ausbeutung in "Einrichtungen". Studien und offizielle Berichte hierzu liegen zur Genüge vor. Die seit Jahren erwartete Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention verkommt zusehends zu einer Lobbyistenveranstaltung, denn anders als damals verdient man heute an lebenden Behinderten.

Von behindertenrecht

Zitat
Die Debatten um pränatale Diagnostik zeigen, viele Menschen glauben sie könnten darüber urteilen, welches Leben mehr und welches weniger wert ist .
Zitat Ende

Wie viele Menschen glauben sie könnten darüber urteilen, welches Keben mehr und welches weniger wert ist, wird vorallem in der Pflege deutlich und weniger bei der Genetik .
Denn Genetik hat sich im Gegensatz zur Pflegesituation nicht verschlechert und wendet die alten "Ansichten" längst NICHT mehr an, sondern kann vielen behinderten Menschen , gerade durch Erkennung oder Ausschließen einer möglichen Genveränderung, die Lebensituation erheblich verbessern und erst anhand dieser Wissenschaft konnten bereits viele hilfreiche Therapiien entwickelt werden .
Das bei der Pflegesituation oft nur Altenheime angesprochen werden, benachteiligt behinderte Menschen besonders .