Behinderte Menschen sollen gleichberechtigt teilhaben können
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Kretschmann
Stuttgart (kobinet) Mit der Übergabe von Vorschlägen des baden-württembergischen Landes-Behindertenbeirats zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an den Ministerrat ist heute eine weitere Etappe auf dem Weg zur Inklusion in Baden-Württemberg erreicht worden.
Die Vorschläge sind das Ergebnis eines breit angelegten Beratungsverfahrens. Sie wurden unter dem Vorsitz des baden-württembergischen Landes-Behindertenbeauftragten Gerd Weimer in vier Regionalkonferenzen von Betroffenen und deren Angehörigen sowie Vertretern aller in der Hilfe für Menschen mit Behinderungen maßgeblichen Akteure erarbeitet. Der Bericht enthält Handlungsfelder, Ziele und Maßnahmen für die Bereiche Bildung und Erziehung, Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Barrierefreiheit, Kultur/Freizeit/Sport und Persönlichkeitsrechte und soll der Landesregierung eine inhaltliche Orientierung bei der Erstellung des Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bieten. Für den Aktionsplan muss jedes Ministerium in eigener Verantwortung ressortspezifische Vorschläge entwickeln. Das Sozialministerium übernimmt die Koordination und wird die Gesamtkonzeption dem Ministerrat bis zum Sommer 2015 vorlegen.
"Wir wollen Baden-Württemberg zu einer inklusiven Gesellschaft machen, in der sich Menschen mit Behinderungen ebenso wie Menschen ohne Behinderungen vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen beteiligen können. Mit dem Landesaktionsplan schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass Menschen mit und ohne Behinderungen trotz unterschiedlicher Fähigkeiten gemeinsam in unseren Städten und Gemeinden leben, lernen, wohnen, arbeiten und die Freizeit verbringen können", erklärten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Sozialministerin Katrin Altpeter.
Regionalkonferenzen zur UN-Behindertenrechtskonvention
Dem Kabinett übergeben und vorgestellt wurde der Bericht des Landes-Behindertenbeirats von Gerd Weimer, dem unabhängigen Beauftragten der Landesregierung für die Belange für Menschen mit Behinderungen. Seinen Angaben zufolge haben ca. 700 Personen daran mitgearbeitet. "Unsere Vorschläge an die Landesregierung stehen beispielhaft für die notwendigen Veränderungen im Denken und Handeln in allen Politikfeldern im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention", so der Landes-Behindertenbeauftragte. Er erklärte, dass es ihm wichtig war, in einem bundesweit einmaligen Beteiligungsprozess zur Vorbereitung eines Aktionsplans zuerst die betroffenen Menschen als Experten in eigener Sache zu Wort kommen zu lassen. "Die vielfältigen Anregungen und Impulse machen deutlich, dass Inklusion als unteilbares Grund- und Menschenrecht weit über den klassischen Bereich der Sozialpolitik hinausgeht. "Exekutive und Legislative sind in gleicher Weise gefordert, ihr Handeln im Lichte der UN-Konvention zu reflektieren", betonte Gerd Weimer.
Inklusion als Aufgabe der gesamten Landesregierung
Ministerpräsident Kretschmann sagte, dass die Verwirklichung der Inklusion eine Aufgabe der gesamten Landesregierung ist. "Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention betrifft alle Lebensbereiche von Menschen mit Behinderungen." Sozialministerin Altpeter erklärte, dass insbesondere die Kommunen durch die vollständige gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen vor großen Herausforderungen stünden. "Umgesetzt wird Inklusion in den Gemeinden, dort, wo die Menschen leben und zuhause sind", betonte Katrin Altpeter. Deshalb richteten sich die Vorschläge des Landes-Behindertenbeirats sowohl an die Landesregierung als auch an die Verantwortlichen in den Kommunen, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft sowie an den Bund. Landes-Behindertenbeauftragter Gerd Weimer wies darauf hin, dass es in allen Bereichen und auf allen Ebenen darauf ankommt, dem zentralen Anliegen der UN-Konvention nach Beteiligung von Menschen mit Behinderungen gemäß der Prämisse "Nichts über uns ohne uns" zu entsprechen.
Viele Maßnahmen zur Umsetzung der Inklusion laufen bereits
Sozialministerin Katrin Altpeter wies darauf hin, dass die Landesregierung bereits viel unternimmt, um die Inklusion in Baden-Württemberg voranzubringen. So habe das Land den Aufbau einer beim Städtetag angesiedelten "Kommunalen Beratungsstelle Inklusion" ermöglicht, die die Kommunen dabei unterstützen soll, passgenaue regionale Konzepte zu erstellen und umzusetzen. Durch die Novellierung der Verwaltungsvorschrift zur Investitionsförderung von Behinderteneinrichtungen habe man im Land außerdem die Voraussetzung dafür geschaffen, verstärkt inklusive gemeindeorientierte Wohnangebote zu fördern. Allein 2013 hätten dafür rund 16,3 Millionen Euro aus Haushaltsmitteln des Landes und Ausgleichsabgabemitteln zur Verfügung gestanden.
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe im Land habe das Land weitere 300.000 Euro bereitgestellt, um sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention weiterqualifizieren zu können. Mit dem Förderprogramm "Impulse Inklusion" fördere das Sozialministerium zudem innovative Projekte, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen in Baden-Württemberg voranbringen sollen. In diesem Jahr stünden dafür rund eine Million Euro für Initiativen zur Verfügung, die Menschen mit Behinderungen auch Lebensräume zugänglich machten, die ihnen bisher nicht oder nur schwer zugänglich seien – zum Beispiel Sportvereine, politische Parteien oder Urlaubsangebote.

Von Gotthilf Lorch
Liebe Regierung Baden-Württemberg,
also zu den Aussagen in diesem Bericht muss ich nun doch ein paar Sachen bemerken.
Anfangen möchte ich mit der Frage, von welchem Landes-Behindertenbeirat hier die Rede ist. Soweit ich weiß, ist das ein Personenkreis von Menschen, die noch in der alten CDU/FDP Regierung, vom ehemaligen Möchtegern-Behindertenbeauftragten Hillebrand benannt wurde. Seither hat dieses Gremium zwar fleißig getagt, aber legitimiert oder benannt ist es nicht geworden. Denn schließlich warten wir auch nebenbei ganze 2 Jahre auf die Eckpunkte des zu novellierenden Landesgleichstellungsgesetzes in Baden-Württemberg. Die sind zwar vor ein paar Wochen herausgekommen – ohne Beteiligung von Menschen mit Behinderungen außerhalb der Behinderten-LAG`s der Regierungsparteien – und auch gleich wieder in der Versenkung verschwunden zur Beratung in den Ministerien, wieder ohne Beteiligung von Menschen mit Behinderungen.
Der Aktionsplan soll nun, nach sehr unterschiedlichen Regionalkonferenzen ebenfalls von den Ministerien weiterentwickelt werden. Und nicht mal angefangen, fehlt schon eines der wichtigsten Handlungsfelder – die Mobilität. In einem Gespräch mit Akteuren des Sozialministeriums, Herrn Weimer und dem Runden Tisch Baden-Württemberg wurde darauf hingewiesen. Auch darauf, dass Mobilität in allen anderen Bereichen immer wieder ein wichtiger Faktor ist, der als eigener Punkt eine große Rolle spielen muss. Das wurde nun leider doch nicht beachtet.
Und wie wird die Beteiligung für Menschen mit Behinderung dann sein bis zum Sommer zum Sommer 2015 ? Gibt’s die auch für Nicht-GRÜNE und nicht-SPD`ler ?
Beinahe frech - entschuldigen sie bitte, Frau Altpeter – finde ich das aufgreifen der Novellierung der Verwaltungsvorschrift zur Investitionsförderung von Behinderteneinrichtungen und die Aufbringung von alleine 16,3 Mio. Euroe alleine 2013. Ist doch gerade dieses Geld die Ursache, dass Exklusion weiter und künftig mit ewig gestrigen Pflegeheimen zementiert wird - nur etwas kleiner und in Wohngebieten, aber weder von der Nachbarschaft besucht noch mit den künftigen BewohnerInnen geplant und gestaltet.
Damit aber nicht alles negativ bleibt, möchte ich doch das Förderprogramm "Impulse Inklusion" loben. Wenn sich daraus wirklich inklusive kleine Welten in ganz Baden-Württemberg entwickeln, von der Gaststätte, über Arbeitsplätze auf dem 1. Arbeitsmarkt bis hin zu Beteiligung in Vereinen und beim Sport – das ist dann schon eine Tolle Sache. Nur bei der Politbeteiligung muss noch viel getan werden. Schließlich kenne ich bisher kein einziges barrierefreies Polit-Büro – von keiner Partei !