Neue Werkstätten?

Veröffentlicht am von Christian Mürner

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Bild: omp

Bericht von Christian Mürner

Hamburg (kobinet) "Allen Diskussionsangeboten an die Werkstattträger zum Trotz fehlt bis heute eine offene, reflektierende und konstruktive Selbstkritik," schreibt Rainer Knapp, langjähriger Geschäftsführer einer Werkstatt. Die Feststellung der mangelnden Veränderungsbereitschaft der Werkstätten für behinderten Menschen ist nicht neu – angesichts der anhaltenden und oft wiederholten Kritik aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung.

Ziemlich neu ist aber diese "Insiderkritik“ aus einem gerade erschienenen Buch (siehe http://www.bhponline.de/html/5100-publikationen.php). Prompt kam die Reaktion der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen, dem Zusammenschluss der Träger der Werkstätten. Dessen Vorstand wies die Vorschläge für eine grundlegende Reform als ungerechtfertigte Anklage zurück.

Diese Auseinandersetzung verdient Aufmerksamkeit. Das Buch der Autoren Heinrich Greving, Ulrich Scheibner, Rainer Knapp und Bernhard Sackarendt enthält eine differenzierte Darstellung der Entwicklung der Werkstattkonzeption, verallgemeinert also nicht, denn Werkstatt ist nicht gleich Werkstatt, es gibt unterschiedliche Ansätze, aber oft auch ein geschöntes Selbstbild.

Die Autoren schlagen u.a. aufgrund der Gesetzeslage wie des UN-Übereinkommens über die Rechte der Menschen mit Behinderung eine Änderung der Bezeichnung in „Werkstätten zur Teilhabe am Arbeitsleben (WTA)“ vor und sprechen auch das Ziel des Mindestlohns in Werkstätten an. Sie betonen, dass politisch komplizierte Probleme im Zusammenhang der Sozialversicherungsthematik zu lösen sind. Doch das Verharren auf Sondereinrichtungen erschwert die Teilhabe von heute mehr als 300.000 Beschäftigten.

Lesermeinungen zu “Neue Werkstätten?” (3)

Von Beamtenschreck

Komisch für mich ist, dass immer dann, wenn der eine oder auch andere seine Aufgabe verlässt, bedenken am System der Werkstätten auftreten. Solange aber die Werkstätten ihr tägliches Brot garantieren, stellen die wenigsten Missstände fest und tun alle so, als wären die Werkstätten, dass beste, was uns behinderten Menschen an Hilfe und Unterstützung zuteil würde.

Wie heißt ein tolles Sprichwort, wer sägt sich schon gern den Ast ab auf welchem er gesichert sitzt?

Von Gisela Maubach

Aus dem Grußwort des Präsidenten der IGhB zur momentan stattfindenden Bundesfachtagung des Berufs- und Fachverbandes Heilpädagogik:

"Heilpädagogik war schon immer inklusiv, was ändert sich also? Ist in Zeiten der UN-BRK ein anderes heilpädagogisches Verständnis gefragt? Ist unsere Wissenschaft künftig anders zu betreiben?"

Heilpädagogik war schon immer inklusiv???
Na prima - dann muss das jetzt nur noch den Kostenträgern erklärt werden, die das Geld dafür nur einrichtungsgebunden rausrücken . . .

Von Gisela Maubach

Da Rainer Knapp Werkstatt-Geschäftsführer in Sindelfingen war, wäre die Info hilfreich gewesen, ob bei der Darstellung der Entwicklung der Werkstattkonzeption auch auf die Konzeption in NRW eingegangen wird, wo auch Menschen in den Werkstätten untergebracht werden, die keine wirtschaftlich verwertbare Arbeit leisten können (was von Sozialhilfe-Trägern auch für die anderen Bundesländer gefordert wird).

Dies ist vor dem Kauf des Buches auch deshalb wissenswert, weil Rainer Knapp in einem Interview mit www.industrieanzeiger.de auf die Frage, welche Vorteile die Werkstatt für Kunden bietet, folgendes erklärt hat:

"Außerdem haben Auftraggeber mit mehr als 20 Beschäftigten, die weniger als fünf Prozent ihrer Belegschaft mit schwer behinderten Mitarbeitern besetzt haben, einen zusätzlichen geldwerten Vorteil: Sie können 50 Prozent unserer Arbeitsleistung auf die gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsabgabe anrechnen und sparen so bares Geld."