Widerstand ist angesagt

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Ottmar Miles-Paul
Ottmar Miles-Paul
Bild: omp

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Kassel (kobinet) Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Die knallharten FinanzpolitikerInnen der Bundesregierung und Regierungskoalition haben den wohlmeinenden SozialpolitikerInnen wieder einmal das Wasser abgegraben, bzw. werden dies am Mittwoch bei der Sitzung des Bundeskabinetts tun. Denn die versprochenen fünf Milliarden Euro für die Kommunen im Rahmen der Eingliederungshilfereform sollen aus dem Etat des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales herausgelöst und in andere Bereiche verschoben werden. Obwohl im Koalitionsvertrag die Koppelung der Entlastung der Kommunen mit der Schaffung eines Bundesteilhabegeldes verankert ist, schert sich die Regierung und Koalition keinen Deut um ihr Geschwätz von gestern und zwingt uns eine Reform ohne finanziellen Spielraum auf.

Dass angesichts dieser bereits schon seit längerem am Horizont sichtbaren Wendung in Sachen Bundesteilhabegesetz denjenigen, die sich seit Monaten die Köpfe um eine längst überfällige Reform heiß reden, der Kamm schwillt, ist mehr als verständlich. Bot die zugesagte Entlastung der Kommunen durch die Reform der Eingliederungshilfe und die Schaffung eines Bundesteilhabegesetzes doch endlich einmal kreativen Spielraum für längst überfällige Reformen. So schien ein Bundesteilhabegeld und damit die Stärkung der Selbstbestimmung behinderter Menschen, die Abkehr von der Anrechnung des Einkommens und Vermögens und das Öffnen so mancher Tür aus den Sonderwelten hinaus, in greifbarer Nähe.

Doch wenn wie geplant am Mittwoch das Bundeskabinett die Eckwerte für den Haushalt für die nächsten Jahre beschließt, werden diese Milliarden aller Voraussicht nach weg sein. Sie fließen dann aus dem Sozialbereich in andere Bereiche, wie in ein Investitionsprogramm für die Kommunen, so dass von einer Entlastung der Sozialetats keinerlei Rede mehr sein kann. Gepaart mit der Maßgabe, dass die Gesetzesreform keine neue Kostendynamik auslösen darf, werden so manche Träume schnell zu Schäumen, und diejenigen, die sich für die Selbstbestimmung, Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen einsetzen, noch mehr in die finanzielle Enge getrieben. 

So lobenswert und vorbildlich in Sachen Beteiligungskultur der begonnene Reformprozess auf der einen Seite war, so brutal und brüskierend ist das Vorgehen der Regierungskoalition und der anderen Kabinettsmitglieder auf der anderen Seite. Genau mit solchen Aktionen schreckt man Bürgerinnen und Bürger von der Mitwirkung in der Politik und an Beteiligungsprozessen ab. Wie ein Ritter ohne Land stehen nun all diejenigen da, die sich für eine wirkliche Reform einsetzen und so berechtigt ist auch der Ärger, der sich über diese Politik breit macht.

Schließlich darf man nicht vergessen, dass die Reform der Eingliederungshilfe schon ein alter Hut ist, die schon seit vielen Jahren gefordert wird und eigentlich in der letzten Legislaturperioden erfolgen sollte. Damals wurden wir mit den Rufen aus Bayern und letztendlich durch den Beschluss, die Reform der Eingliederungshilfe an den Transfer von fünf Milliarden Euro pro Jahr an die Kommunen zu verbinden, vertröstet und die Untätigkeit der schwarz-gelben Regierungskoalition kaschiert. Nun kurz vor der Zielgeraden für ein Bundesteilhabegesetz gilt dieses Gerede plötzlich nichts mehr und auch von den Bayern ist kein Hauch eines Zwischenrufes zu vernehmen, die sonst so manche Veränderung äußerst selbstbewusst blockieren. Also alles nur Schau, um letztendlich das Geld in imagestärkere Projekte pumpen zu können?

Die Optimisten, die für eine echte Reform der Behindertenpolitik eintreten und daran glauben, werden also dieser Tage auf eine harte Probe gestellt und kräftig herausgefordert. Denn die Menschenrechte behinderter Menschen und die viel proklamierte Inklusion scheinen in diesem Land wenn es darauf ankommt, nicht viel wert zu sein. Aus der hochbeschworenen großen Reform im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention kann unter solchen Rahmenbedingungen wahrscheinlich nur ein kleines Reförmchen herauskommen, das wie so oft nur etwas an den Rändern ändert, im Kern aber an der Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter Menschen vorbei geht. Wie so oft zuvor. Und all diejenigen, die von diesem Aussonderungssystem sehr gut leben, können sich wieder einmal zurück lehnen, an ihrem mittelalterlichen Verständnis in Sachen Behindertenhilfe dürfte nicht sonderlich stark gerüttelt werden. Hoch leben unsere entmündigenden und ausgrenzenden Sonderwelten mit ihrem schönen Mäntelchen der Wohltätigkeit. Und dies besonders kurz vor der Staatenprüfung Deutschlands durch die Vereinten Nationen in Sachen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Genf.

Wenn sich nicht doch noch der Wind dreht und vielleicht durch mutige PolitikerInnen verhindert wird, dass eine historische Chance für uns behinderte Menschen vermasselt wird, könnte am Ende vielleicht doch noch ein Bundesteilhabegesetz heraus kommen, das diesen Namen verdient. Doch dieser Kampf ist nun, nicht zuletzt dank der ausgezeichnet "Solidarität" unseres Finanzministers Wolfgang Schäuble, viel härter geworden, als wir dies in unseren schlimmsten Befürchtungen vermutet haben. Damit dürfte auch klar sein, dass die Aktivitäten beim diesjährigen Europäischen Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen um den 5. Mai herum auf die Durchsetzung des Bundesteilhabegesetzes fokusiert sein müssen und nicht bei der von der Aktion Mensch proklamierten bloßen "Begegnung" bleiben dürfen. Auf geht's also in die nächste Runde, denn nach wie vor gilt: "Für ein gutes Bundesteilhabegesetz".

Lesermeinungen zu “Widerstand ist angesagt” (12)

Von Sven Drebes

Hallo Krümel,

wenn das Gesetz 2016 verabschiedet wird, müsste 2018 (oder später) ein neues Gesetz beschlossen werden, wenn die Bundesregierung die 5 Miliarden jährlich "zurück haben" wollte. Diesem hypothetischen Gesetz müssten dann wieder die Länder im Bundesrat zustimmen. Und wenn die Länder Geld abgeben sollen, auch wenn es das der Kommunen ist, hört in der Regel die (Partei-)Freundschaft auf.
Gefährlich wird es eher, wenn die Ausgaben der Kommunen / Länder wieder 15 Milliarden € erreichen.

Von Krümel06

Lieber Herr Drebes !
Was machen Sie wenn die neue Bundesregierung 2017 beschließt diese Gelder umzuschichten um z.b.neues Kriegsspiel-
zeug zu kaufen und dafür die Einführung des Bundesteilhabe-
gesetzes auf den Sanktnimmerleinstag verschiebt,denn es wäre nicht das erste mal,das die Politiker die Sozialkassen plündern,wenn sie Gelder brauch-über die Brücke geh ich nich

Von Gerti

@ Sven Drebes:
Sie schreiben: "... Laufe des Jahres 2916 ...
Dann werden wir uns alle als Methusalems begegnen und auf das (ominöse) Gesetz zur sozialen Teilhabe anstoßen.

Von Johann

@ Sven Drebes: Vielen Dank vorab. Ich muss mich einlesen.

Von Sven Drebes

Hallo Johann und Krümel,

der Zeitplan (des BMAS) für das Bundesteilhabegesetz sieht laut diverser Reden von Andrea Nahles und Gabriele Lösekrug-Mölller (zuständige Parlamentarische Staatssekretärin) vor, das Gesetz im Laufe des Jahres 2916 durch Bundestag und Bundesrat zu bringen. Wann es dann in Kraft tritt, kann ich nicht sagen, denkbar wäre der 1.1. oder 1.7. 2017 oder diesekben Tage 2018, weil bestimmte geplante Teile (wie das Bedarfsermittlungsverfahren) bei der Umsetzung einiges an Zeit braucht. Da das Gesetz mit den Stimmen von Union und SPD verabschiedet werden wiird, ist es extrem unwahrscheinlich, dass die 2017 gewählte Regierung, an der mit ziemlicher Sicherheit mindeszens eine der Parteiem beteiligt sein wird, dieses komplizierte Gesetzespaket noch mal aufmacht. Diese Prognose geht ganz ohne Glaskugel.

Jetzt zum Finanzielllen:
Die Bundesregierung beschließt jährlich Finanzpläne für die folgenden 5 Jahre (zu finden auf der Website des Finanzministeriums). Die 2014 und diese Woche beschlossenen Finanzpläne sehen vor, die Kommunen ab 2018 um 5 Milliarden JÄHRLICH zu entlasten. Hier war bisher die Verknüpfung mit dem Teilhabegesetz, die jetzt gekappt oder gelockert wurde. Dagegen sollte es auch meiner Meinung nach Protest geben.
DANEBEN hat die Bundesregietung diese Woche beschlossen, den Kommunen 2015 bis 2018 ZUSÄTZLICH und EINMALIG INSGESAMT 5 Milliarden zu geben. Davon fließen 3,5 Milliarden in einen Investitionsfonds für (arme) Kommunen. Und diese 3,5 Milliarden sollten meiner Meinung nach zum Abbau von Barrieren genutzt werden.

Von lehmä

@krümel06
Das ist das Beste, was in letzter Zeit geschrieben wurde – jedenfalls musste ich mal seit langer Zeit lachen. Ist doch was – in diesen harten Zeiten!

Von Krümel06

Wenn der Herr Drebes schon weiss,daß das Bundesteilhabegesetz 2018 in Kraft tritt,möchte er doch bitte mal
in seine Glaskugel gucken,was wir 2017 für eine Bundesregierung
bekommen-die das Bundesteilhabegesetz dann auf 2022 wieder
verschieben.

Von Johann

Zitat Von Sven Drebes
Samstag, 21. März 2015 00:26

"Das Investitionsprogramm für Kommunen hat mit den (bisher) für das Teilhabegesetz vorgesehenen Milliarden nichts zu tun! ...
die "Teilhabegesetz-Milliarden" gibt es, auf welchem Weg auch immer, ab 2018 fließen."

Herr Drebes, mit Verlaub, reden wir vom selben Thema? Könnten Sie uns Ahnungslose etwas aufklären? (Hinweis auf Quellen genügt)

Von Sven Drebes

Das Investitionsprogramm für Kommunen hat mit den (bisher) für das Teilhabegesetz vorgesehenen Milliarden nichts zu tun! Das Programm geht von 2015-18, die "Teilhabegesetz-Milliarden" gibt es, auf welchem Weg auch immer, ab 2018 fließen.

Der 3,5 Milliarden dicke Investitionsfond ist vielmehr eine ziemlich große Chance zum Abbau von Barrieren. Also, ran an den Speck!

Von Gerti

Wenn Schäuble tatsächlich was an Behinderten (außer sich selbst) was liegen würde, hätte er das Geld im Bundeshaushalt längst bereitgestellt für Assistenz, wenigstens teilweise aus dem Bundeshaushalt finanziert.

Aber so, Schäuble muss sich nun gefallen lassen, als Geizhals und als Einer, der Behinderte zu hassen scheint, dass er ihnen das (finanzielle) Wasser abgräbt und abgraben lässt (in den entsprechenden Ministerien).

Wenn man selber mal in nächster Nähe von Schäuble gestanden und die Gelegenheit genutzt hat, mit dem Rollstuhlfahrer Schäuble im Gespräch zu sein, hat sich der Eindruck ergeben, dass Schäuble nicht viel Wert auf sein Äußeres zu legen scheint. Der Aktivrollstuhl, den Schäuble in meinem Beisein fuhr, war ein Uralt-Modell von Küschall. Wenn nun Schäuble mit so einem Uralt-Aktivrollstuhl unterwegs ist, kann er wohl nicht über seinen Geiz-Schatten (mit dem Uralt-Aktivrollstuhl) hüpfen, alsdass er anderen Schwerbehinderten eine zeitgemäße Bereitstellung von orth. Hilfsmitteln zuerkennt und dies sich finanziell bei den Krankenkassen (Krankenkassen in öffentlicher Körperschaft) auswirkt.

Auf die Finanzierung von der vom Bund getragenen Assistenz bei schwerstbehinderten Menschen würde das bedeuten, dass Schäuble sich wenigstens einmal zu der ordentlich ausfinanzierten Assistenz bekennen würde. Das passiert wohl aus dem Grund nicht, alsdass sich Schäuble eingestehen müsste, dass SEINE Lakaien aus dem Staatssäckel bezahlt werden und, es müsste eine komplette Änderung der Denkrichtung und persönlichen Haltung (hat Schäuble überhaupt eine?) bei Schäuble stattfinden, dass er ebensolche Leistungen, die er (auf die Assistenz bezogen) für sich selber reklamiert und die er nutzt, auch eben anderen, die in seiner kröperlichen Verfassung sind, finanziell mehr als zugesteht. Ich fürchte, es geht eher ein Kamel durchs Nadelöhr, alsdass bei Schäuble eine Änderung der Denkweise und Änderung der Meinung über Schwer(st)behinderte und Anerkenntnis einer freien Lebensweise der Schwer(st)behinderten einhergehen.

Tja, und wenn man bei A. Merkel ein Wort FÜR Schwer(st)behinderte erwarten könnte; aber Frau A. Merkel scheinen die Schwer(st)behinderten ebenso am Ar**h vorbeizugehen. Ein unmissverständliches Signal an die gleichsam Erbsen zählenden Mitarbeiter_innen in den Bundesministerien und landauf, landab bis zum Stadtkämmerer in 'Kleinsiehstenich' und bis zum Ortschaftsrat in 'Kleinsiehstenich'.
Wenn 'Oben' die Schwer(st)behinderten finanziell klein gehalten werden, warum sollen dann der Stadtkämmerer und der Ortschaftsrat in 'Kleinsiehstenich' anders vorgehen?

Von lehmä

Oder poetisch (lyrisch) mit Rilke:
Rainer Maria Rilke
Jetzt warten schon die roten Berberitzen
….
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen…

Von Beamtenschreck

Lieber Otmar Miles Paul,

egal ob man es Wortbruch oder anders nennt was momentan die Gemüter erregt, ist ein Ergebnis, welches eigentlich wenn man ehrlich ist, voraussehbar gewesen ist.

Solange unsere Politischen Vertreter es für wichtiger halten, dafür zu kämpfen, dass ein Institut in Berlin seinen Status A nicht verliert ( nur als Beispiel ) um international zu glänzen, können wir doch nicht erwarten, dass mit Taten zur Verbesserung von Lebensbedingungen behinderter Menschen, sich ein Politiker hier den Arsch aufreißt. Von was träumen hier eigentlich manche Nachts ? Wir sind die Opfer, nicht die Lobby egal wer sie vertritt, denn die wenigsten wollten bisher erkennen oder zugeben, dass auch sie am Verwirrspiel profitieren, wenn vieles so bleibt, wie manche es gern hätten.

der Beamtenschreck