Wi(e)der Peter Singer

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Propagandagrafik der Nazis: Hier trägst du mit
Propagandagrafik der Nazis: Hier trägst du mit
Bild: Archiv Gedenkstätte Grafeneck

Darmstadt (kobinet) Der australische "Euthanasie"-Philosoph Peter Singer taucht wieder einmal in Deutschland auf, um sich nach seinen Auftritten in Frankfurt im Jahr 2011 (kobinet-nachrichten vom 03.06.2011 und vom 04.06.2011) aus dem Umfeld der Giordano-Bruno-Stiftung erneut einen Ethik-Preis für "Strategien zur Verminderung von Tier-Leiden" überreichen zu lassen. "Aus diesem Grund haben wir eine Stellungnahme als offenen Brief an die VeranstalterInnen der Preisverleihung verfasst", schrieb Alex Czarnetzki vom AStA-Referat "Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik" der EH Darmstadt an die kobinet-nachrichten, die wir nachstehend ungekürzt veröffentlichen:

Offener Brief an
Förderverein des Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidminderung
Dr. phil. Melanie Joy
Dr. med. Walter Neussel
Dr. phil. Michael Schmidt-Salomon
Stefan Bernhard Eck, MdEP
Urania e.V.

"Mit Empörung und Entsetzen müssen wir im 70. Jahr der Befreiung vom Nationalsozialismus zur Kenntnis nehmen, dass Sie Peter Singer durch die Preisverleihung des Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidminderung 2015 erneut eine Plattform zur Verbreitung seiner Positionen in Bezug auf (schwer) beeinträchtigte Menschen bieten. Zu der von Adorno formulierten Forderung, dafür Verantwortung zu tragen, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, stellte Bundestagspräsident Thierse in einer Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 1999 fest, dass sich diese Forderung in der Bürgergesellschaft an jeden einzelnen von uns richtet. Vor dem Hintergrund einer Tradition der Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung beeinträchtigter Menschen, die ihre Wurzeln weit vor der NS-Herrschaft hat und deren Denktradition bis heute nicht überwunden ist, die jedoch mit etwa 250.000 "Euthanasie"-Opfern und noch weit mehr Opfern von Zwangssterilisationen und dergleichen mehr dort ihren barbarischen Höhepunkt hatte, kann festgestellt werden: Peter Singer wird mit seinen Positionen dieser Verantwortung nicht gerecht, im Gegenteil! Unser scharfer Protest richtet sich daher gegen seine 'Ideologie der Ungleichwertigkeit', die Menschen mit (schweren) Beeinträchtigungen das Lebensrecht abspricht und die Denktraditionen, die zu Auschwitz und Hadamar geführt haben, nicht überwindet.

Unser Protest ist dabei ganz und gar nicht gegen das Vorhaben gerichtet, Strategien zur Tierleidminderung zu entwickeln, diese philosophisch zu begründen und praktisch umzusetzen. Im Gegenteil unterstützen wir die Bemühungen der Tierrechtsbewegung, Tieren Rechte zuzusprechen, welche ihrer Würde als Lebewesen gerecht werden. Die dringende Notwendigkeit dieser Bemühungen lässt sich beispielsweise in den Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ablesen, nach denen zwischen 2000 und 2013 die Zahl der jährlichen Tierversuche in Deutschland um dramatische 69% auf 2,9 Millionen angewachsen ist und die 'Ertragsmenge' an Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch bei jährlich 8 Milliarden (!) Kilogramm liegt.

Wir protestieren jedoch gegen Singers inhumane, mit den Grund- und Menschenrechten nicht zu vereinbarende Kehrseite in seinem Bemühen um die Begründung von Tierrechten.

Peter Singer ersetzt in seiner anti-speziesistischen Argumentationsfigur die Gattungsgrenze als Legitimation für die bevorzugte Berücksichtigung bestimmter (in diesem Fall menschlicher) Interessen durch einen Personen-Begriff, der zwar bestimmte Tiere einschließt, jedoch Ungeborene, Säuglinge und Menschen mit (schweren) Beeinträchtigungen ausschließt. Im Wesentlichen spricht er der Gruppe von Lebewesen höher einzustufende Werte, Würde und Rechte zu, denen er ein bestimmtes 'Maß an Bewusstsein' und die 'Fähigkeit zu sinnvollen Beziehungen mit anderen' [Singer (1982): Befreiung der Tiere, S. 40] zuerkennt. Für alle anderen, denen er diese Fähigkeiten abspricht – allen voran Menschen mit (schweren) Beeinträchtigungen – legitimiert er die Freigabe ihrer Tötung. Ob dies dann tatsächlich geschehen soll, hängt ab von äußeren Gründen, zum Beispiel vom Elternwunsch [vgl. vor allem Singer (1994): Praktische Ethik, Kap. 7]. Hier wird eine biologistische Weltanschauung Singers deutlich, die sich einerseits in einem Verständnis von Lebensqualität als quantifizierbar und gegeneinander abwägbar ausdrückt, und zum anderen im naturalistischen Dogma einer angenommenen Bildungsunfähigkeit (schwer) beeinträchtigter Menschen. In beiden Fällen werden die von ihm bewerteten Menschen und Sachverhalte völlig entkoppelt vom sozialen Zusammenhang, obwohl die führende Rolle des Sozialen längst bewiesen und die angeführten Dogmen widerlegt sind. Dementsprechend ist beispielsweise in der Präambel der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein Behinderungsverständnis als Wechselwirkungsverhältnis zwischen individueller Beeinträchtigung und verschiedenen Barrieren in Bezug auf die volle Teilhabe am Leben in der Gesellschaft formuliert worden. In diesem Sinne muss die Entwicklung von Wahrnehmung, Denken und Handeln eines jeden Menschen verstanden werden als entwicklungslogisch (d.h. erklärbar und verstehbar) in Bezug auf die gegebenen Bedingungen und als 'primär abhängig vom Komplexitätsgrad des jeweils anderen und erst in zweiter Linie von den Mitteln und Fähigkeiten des eigenen Systems' [Feuser (1995): Behinderte Kinder und Jugendliche zwischen Integration und Ausgrenzung, S. 128f.].

Die von den sozialen Bedingungen entkoppelnde Betrachtung beeinträchtigter Menschen und ihre Bewertung als andersartig und infolgedessen als gesellschaftlich 'nutzlos' und ethisch 'wertlos' zeugt von Rassismus, dessen Kern die Unterscheidung verschiedener Grade des Menschseins ist. Diese Ideologie von 'Ballastexistenzen' wurzelt als systematische 'Soziale Frage' bereits weit vor der NS-Herrschaft in nationalökonomischen Zusammenhängen des 18. und 19. Jahrhunderts und ist eng verwoben mit ökonomischen Verwertungsinteressen. Diese These wird unter anderem dadurch gestützt, dass Singer wiederholt Kosten für die Assistenz oder medizinisches Gerät für beeinträchtigte Menschen gegen die Kosten zur Verhinderung von Hunger und Sterben in den sogenannten Entwicklungsländern aufgerechnet hat. Auch hier wird die globale, systematische Produktion vertikaler ökonomischer Ungleichheiten verschleiert durch einen aus dem Kontext gerissenen Vergleich, bei dem das Leid der einen gegen die Kosten der anderen instrumentalisiert wird, damit die gesellschaftlichen Verhältnisse so bleiben können, wie sie sind.

Es wird also nicht nach den Bedingungen der Möglichkeiten gefragt, derer es bedarf, um den gesellschaftlichen Ausschluss beeinträchtigter Menschen zu überwinden, sondern diese werden – zunächst gedanklich, in der Folge dann auch praktisch – isoliert und als vermeidbare Unfälle betrachtet. Mit diesem Etikettenschwindel soll Behinderung verhindert werden und wird gerade dadurch – als sozialer Tatbestand der Be-Hinderung – mit verursacht. Die Diskussion muss also umgedreht werden von der Diskussion um Defizit und Defekt auf Lebenswirklichkeiten und zu gestaltende Möglichkeitsräume.

Singer bekam zuletzt in Deutschland vielfältige Möglichkeiten, diese Thesen auszubreiten, so unter anderem in Ausgabe 01/2014 des Philosophie Magazins und in zwei Sendungen des Hessischen Rundfunks vom 11. Und 19. Juni 2011. Anstelle einer kritischen Auseinandersetzung schloss der Moderator Herr Schmidt-Degenhardt mit seiner, die menschliche Würde antastender Abmoderation: 'Ich hab zwar gesagt, Artikel 1 bleibt das Schlusswort. Aber Tatsache ist, dass Sie alle darüber nachdenken sollten, ob wir das wirklich in der Tat in unserer Gesellschaft, a) uns, wie Herr Singer sagt, leisten können, und b) was es für uns in dieser Gesellschaft eigentlich bedeutet. Das heißt, der Vorhang zu, die Fragen offen'.

Mit dieser Art von unkritischer Begleitung Singers wird in besonderer Art und Weise dazu beigetragen, dieses inhumane Gedankengut wieder hoffähig zu machen.

Wir fordern Sie hiermit dazu auf, der in Singers Argumentation inhärenten rassistischen Kehrseite in Bezug auf Menschen, denen er vermindertes Glück für sich oder die mit ihnen in Verbindung stehenden Menschen unterstellt, keine weitere öffentliche Plattform zu bieten!"

Mit freundlichen Grüßen

Die über die Bundesfachschaftentagung (BuFaTa) ›Generation Inklusion‹ verbundenen Studierendenvertretungen AStA-Referat "Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik" der EH Darmstadt
Fachschaft Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover
Fachschaftsrat Sonderpädagogik der Universität Hamburg
Fachschaft Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund
Gebärdensprach-Fachschaftsinitiative der Humboldt-Universität zu Berlin
Fachschaft des Förderschwerpunktes "Geistige Entwicklung" der Universität zu Köln
Fachschaft des Förderschwerpunktes "Sozial-Emotionale Entwicklung" der Universität zu Köln
Fachschaftsvertretung Sonderpädagogik der Universität Landau
Fachschaftsrat Sonderpädagogik der Universität Rostock
Fachschaftsinitiative Sonderpädagogik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Fachschaftsrat Erziehungswissenschaften der Universität Leipzig

 

Diskussionsbeiträge dazu sind im kobinet Forum erwünscht.

 

Lesermeinungen zu “Wi(e)der Peter Singer” (9)

Von Michael W

Liebe Demonstranten gegen Peter Singers Ideen,
bitte belasst es morgen beim Demonstrieren und lasst euch nicht dazu überreden, mit aggressiven Methoden einen Philosophen am reden zu hindern. Ich will das Forum nicht zuspammen, also habe ich meine Gründe in einem Blog dargelegt. Wir sehen uns morgen :-) www.proredefreiheit.wordpress.com

Von Dagmar B

Schmidt-Salomon sagt ab.
http://hpd.de/artikel/11746?nopaging=1
Hat bissl gedauert,bis der gute Mann es begriffen hat,aber immerhin......

Von Alexander Drewes

Es ist doch immer wieder verblüffend, mit welcher Intensität die Jünger des Herrn Singer meinen, hier Propaganda für ihren Heilsbringer machen zu müssen. Haben Sie eigentlich nichts Besseres zu tun, als auch noch auf einem Forum, dass sich mit Materien eingeschränkte Menschen betreffend befasst, das Loblied auf Ihren Heiland singen zu müssen, der doch nach wie vor der These huldigt, dass - um einen hübschen Vergleich zu bringen (den er so nie bringen würde, das würde ja aufzeigen, was er eigentlich meint) - die Spartaner es damals schon richtig gemacht haben, als sie ihre Kinder, die nicht dem Anspruch auf ein gewisses Ideal genügten, einfach ausgesetzt haben sollen? Wer der These das Wort redet, dass man Menschen bis zu einem gewissen Alter, die Beeinträchtigungen aufweisen, ja ruhig umbringen könne, weil sie einer von Hrn. Singer definierten Personalität nicht genügen, macht sich natürlich besonders gut, wenn er sich um Affen sorgt. Manche Menschen - Hr. Singer ist einer davon - karikieren sich nahezu unentwegt in einer derart amüsanten Art und Weise, dass einem das Lachen im Halse stecken bleiben möchte, wenn man sich vergegenwärtigt, womit der Herr da seinen Schabernack treibt.

Von kobinetter__deleted__112045

Zwei Fragen zum Text:
Was ist eine "biologistische Weltanschauung"? Bzw. was ist die Alternative?

Ist die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch (die ja wichtig sein muss, wenn aus "Menschsein" Grundrechte folgen) keine biologische (also inbesondere genetische) Festlegung?

Was bedeutet der Satz, dass "die führende Rolle des Sozialen längst bewiesen" sei? Haben Bewusstsein und soziale Interaktion keine biologischen Voraussetzungen?

Sollte die Antwort auf eine der beiden Fragen "nein" lauten, wieso sollten dann "Menschenrechte" nicht auch für fiktive Personen gelten?

Die (im Ergebnis durchaus nachvollziehbare) Argumentation, die hier ausgebreitet wird, scheint in Teilen einen Geist-Materie-Dualismus vorauszusetzen.

Wenn "ein bestimmtes 'Maß an Bewusstsein' und die 'Fähigkeit zu sinnvollen Beziehungen mit anderen'" nicht einmal im Prinzip (und nicht bloß nicht in der von Singer geforderten Ausprägung) erforderlich sind, um Rechte zuzuerkennen, hätte dann im Computer gespeicherte menschliche DNA auch Rechte? Oder eine imaginäre Person (z.B. ein Gott oder eine Romanfigur), die irgendwelchen Leuten wichtig ist und zu dem diese eine (einseitige) soziale Beziehung haben?

Läuft die hier geäußerte Kritik an Singer auf eine fundamentale Ablehnung eines naturalistischen Weltbildes hinaus? In diesem Fall glaube ich, dass sie dem Anliegen einen Bärendienst erweist (indem sie quasi die Akzeptanz von Supernaturalismus zur Voraussetzung erhebt, um für "Behindertenrechte" im beschriebenen Sinne argumentieren zu können).

Von Scherfo

Tod durch den Strang, so lautete das Urteil bei den Nürnberger Ärzteprozessen gegen die früheren NeuSSels und Singers. Man muss den Arzt nämlich an erster Stelle nennen, wenn es um das tödliche Selektieren der Verunwerteten, der In-validen, der Kranken geht. Als Notarzt kennt sich Dr. med. Neussel (Singer-Förderverein) mit dem Aussortieren ja aus.

Alle sind krank! Krankheiten vereinigt Euch! Schluß mit dem Aberglauben an HEIL und GeSSundheit!
Der Anfang ist längst schon gemacht: http://spkpfh.de/INVARIANTI_11_Thesen.htm#Gesundheit_heiligster_Wert

Von acz89

Danke für die ausführliche Auseinandersetzung mit den Halbwahrheiten und Vorurteilen, DanielH.

Von DanielH

Als Anhänger von Singers Ethik möchte ich mich für die kostenlose Werbung bedanken, die hier und auf anderen Portalen seit Wochen gemacht wird.

Der Satz "Jede PR ist gute PR" gilt gerade für eine Idee wie Singers Ethik, die in Deutschland (leider) einen Bekanntheitsgrad von unter 1% haben dürfte.

Der Artikel selbst besteht natürlich aus den üblichen Vorurteilen und Halbwahrheiten, die man von Singers "Kritikern" gewohnt ist.

Von Dagmar B

Zitat:


Auch hier wird die globale, systematische Produktion vertikaler ökonomischer Ungleichheiten verschleiert durch einen aus dem Kontext gerissenen Vergleich, bei dem das Leid der einen gegen die Kosten der anderen instrumentalisiert wird, damit die gesellschaftlichen Verhältnisse so bleiben können, wie sie sind.


Darum erfreuen sich Herrn Singers Thesen reger Beliebtheit ,vorzugsweise auch in Politikerkreisen und Ethikkommissionen.

Horizonte - Leben ist nicht gleich Leben... oder ?
https://www.youtube.com/watch?v=fg0vLxklURc

Von Dr. Theben

BRAVO an all die Fachschaften und Dank für Eure Solidarität!

Dr. Martin Theben
Berlin