Mut zur Inklusion gemacht
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Michael Dickas-Henkel
Kassel (kobinet) "Mut zur Inklusion machen" lautet der Titel eines Projektes, das die Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten Mensch Zuerst mit Unterstützung der Aktion Mensch durchführt. Vor kurzem fand der letzte von insgesamt sechs Schulungskursen für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Kassel statt. Dabei wurde deutlich, dass sich einiges bei den TeilnehmerInnen seit Beginn des Schulungskurses im Dezember 2013 getan hat.
"Wie oft müssen wir hören: 'das geht nicht', 'das kannst du nicht' oder 'Inklusion ist nicht möglich'. Mit diesem Projekt möchten wir aufzeigen, dass eben doch vieles möglich ist, wenn man sich dafür auf den Weg macht. Vor allem wollen wir aber die behinderten Menschen selbst stärken, an sich zu glauben, etwas zu verändern und vor allem auch anderen Mut zu machen", erklärte Stefan Göthling nach Abschluss des Schulungskurses in Kassel. Dabei weiß Stefan Göthling selbst, wie wichtig Mutmacher und Menschen, die an einen glauben und einen unterstützen sind. Viele Jahre hat er selbst in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet. Als er sich verändern, den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wagen wollte, wurde nicht nur versucht, ihm dies auszureden, sondern ihm zum Teil auch noch größere Steine in den Weg gelegt. Stefan Göthling hat es geschafft und wirkt nun schon seit vielen Jahren als Geschäftsführer von Mensch Zuerst und verändert an vielen Stellen das Bewusstsein.
Ein ähnlicher Aufbruch war auch beim letzten Schulungskurs des Projektes zu spüren. Ein Mann mit sehr hohem Unterstützungsbedarf und Bedarf an Kommunikationsunterstützung hat es beispielsweise geschafft, nach vielen Jahren in einer Großeinrichtung draußen am Rande der Stadt in eine kleine Wohngruppe mitten in der Stadt zu ziehen und spricht nun endlich davon, nach Hause zu fahren. Andere sind damit beschäftigt, bei sich vor Ort Selbstvertretungsgruppen zu gründen und haben in den letzten Monaten eine Reihe von Aktivitäten durchgeführt, um die Selbstvertretung behinderter Menschen zu stärken. Für März 2016 ist in Uder eine große Abschlusstagung des Projektes geplant, bei der nicht nur die Ergebnisse der verschiedenen Aktivitäten der KursteilnehmerInnen vorgestellt werden sollen, sondern auch darüber geredet wird, was es für eine gute Selbstvertretung von Menschen mit Unterstützungsbedarf braucht.
"Viel zu schnell ist man dabei zu sagen, die können nicht für sich selbst sprechen. Wir möchten Wege gehen, dass trotz aller Herausforderungen dennoch versucht wird, hinzuhören, was die Menschen wollen und brauchen und dass in ihrem Sinne gehandelt wird. Diese Art von Selbstvertretung braucht eben auch eine gute Unterstützung und dafür lohnt es sich zu kämpfen", erklärte Stefan Göthling.

Von Gisela Maubach
Richtig - anstatt die Argumente gegen die Einrichtungsgebundenheit der Eingliederungshilfe für Menschen "mit sehr hohem Unterstützungsbedarf" endlich aufzugreifen, wird der "beschützte Rahmen" für diesen Personenkreis kommentarlos geschluckt.
Und diejenigen, die das schlucken und trotzdem Inklusion auf die eigenen Fahnen schreiben, begründen diesen Ausschluss dann auch noch mit dem fehlenden Selbststärkungswillen bei Hilfebedürftigkeit ("Viel zu schnell ist man dabei zu sagen, die können nicht für sich selbst sprechen").
Wie war das noch mit dem "miteinander statt gegeneinander"?
Dafür müsste aber erstmal zugegeben werden, dass der Personenkreis der Nicht-Mitteilungsfähigen überhaupt existiert. Solange suggeriert wird, dass denen nur der Mut zu mehr Selbständigkeit fehlt, kann es auch kein Miteinander geben, weil sie auf eben diese Weise ausgeschlossen werden!
Von nurhessen
Ich würde behaupten, dass man diejenigen Menschen, die auf hohen Unterstützungsbedarf angewiesen sind, unterstellt, sie wollten sich nicht „verselbständigen“. Und dies sei natürlich die Schuld der „klammernden Angehörigen“, die nicht loslassen könnten. Ein allgegenwärtiger Topos! Wenn man wüsste, wohin man loslässt, in diesem unseren Land, wäre es ja schon fortschrittlich. Aber man weiß als Angehöriger eben nicht, wohin man loslässt. Für Rollstuhlfahrer kann ich behaupten, dass man sie immer nur in ihren Rollstuhl „loslässt“, „fesselt“, außer den obligaten 45Minuten/KG/ Woche oder Ergo…
Von Gisela Maubach
Zitat aus dem Beitrag:
"Viel zu schnell ist man dabei zu sagen, die können nicht für sich selbst sprechen".
Ich finde es ausgesprochen bedenklich, wenn im vorliegenden Beitrag von Menschen "mit sehr hohem Unterstützungsbedarf" die Rede ist, die nur sich "selbst stärken und an sich zu glauben" müssten, um "etwas zu verändern und vor allem auch anderen Mut zu machen".
Anderen? Anderen Menschen "mit sehr hohem Unterstützungsbedarf"???
Angesichts der Tatsache, dass das Ausgegrenztsein derjenigen Menschen, die wirklich nicht für sich selbst sprechen können, in aller Regel nicht thematisiert wird, wird in diesem Beitrag sogar noch suggeriert, dass gar keine Behinderungen existieren, bei denen die betroffenen Menschen niemals in der Lage sein werden, für sich selbst zu sprechen.
Und diesen Menschen fehlt es nicht an Mut, um Inklusion "möglich" zu machen, sondern das Ausmaß ihrer Behinderung verleitet den Gesetzgeber und die Kostenträger dazu, eben diese Hilflosigkeit und die Belastung der Angehörigen auszunutzen, um ihre Inklusion zu verhindern.
Selbstvertretung braucht tatsächlich eine "gute Unterstützung", aber wenn man denjenigen, die tatsächlich nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen, auch noch unterstellt, dass ihnen nur der Mut zur Inklusion fehlt, dann fehlt in der deutschen Behinderten-Selbsthilfe etwas ganz anderes - nämlich die Akzeptanz, dass die Formulierung "sehr hoher Unterstützungsbedarf" auch sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann . . . . und dass Menschen mit schwersten Schädigungen des Gehirns nicht nur der "Mut" fehlt.
Man würde ja auch nie auf die Idee kommen, denn Rollifahrern zu erklären, sie sollten sich "selbst stärken und an sich glauben, etwas zu verändern und vor allem auch anderen Mut machen", um damit laufen zu lernen.