Mittendrin auch im Alter
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Lebenshilfe
Berlin (kobinet) In den letzten Jahrzehnten gab es in Deutschland kaum alte Menschen mit geistiger Behinderung, eine schreckliche Nachwirkung der systematischen "Euthanasie"-Morde durch die Nationalsozialisten. Heute erreicht erstmals eine ganze Generation das Rentenalter. Die Lebenshilfe fordert im Vorfeld einer Tagung am 17. und 18. September daher mehr Teilhabe für Senioren mit geistiger Behinderung auch im Alter.
Die Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung sorge nach Informationen der Lebenshilfe für eine individuell höhere Lebenserwartung bei diesem Personenkreis: Frauen und Männer mit geistiger Behinderung in Deutschland werden so alt wie nie zuvor. "Wir Menschen mit geistiger Behinderung können heute sehr alt werden. Das ist gut", so der 56-jährige Joachim Busch, Bundesvorstandsmitglied und Mitglied im Rat behinderter Menschen der Lebenshilfe. "Doch wir wollen das Alter auch genießen, so wie andere auch. Dafür müssen wir in den Verbänden, in der Politik und in der Gesellschaft aber noch viel tun."
Wie kann umfassende Teilhabe für Seniorinnen und Senioren mit Behinderung gesichert und ausgebaut werden? Die Bundesvereinigung Lebenshilfe wird mit ihrer Veranstaltung am 17. und 18. September "Mittendrin – auch im Alter. Senioren mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft" ein bundesweites Forum zum Thema bieten. Die Tagung steht unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig, und findet in den Räumlichkeiten des Ministeriums in Berlin statt. Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek wird die rund 120 Fachleute und Interessierten aus Politik und Wissenschaft, Behindertenhilfe und Selbstvertretung begrüßen. Dr. h.c. Jürgen Gohde, Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe, ist einer der Hauptredner zum Thema Inklusion im Alter.
Zudem wird das Positionspapier der Lebenshilfe "Mittendrin – auch im Alter! Senioren mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft" mit einer deutlichen Beschreibung des Handlungsbedarfs vorgestellt: Gefordert werden etwa
- flexible Arbeitszeitmodelle in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung für den Übergang ins Rentenalter,
- eine Weiterentwicklung der Leistungs- und Vergütungsvereinbarungen für Senioren-Tagesangebote, damit diese "mittendrin", bedarfsgerecht und vielfältig sein können,
- die Möglichkeit, auch im Alter in der gewohnten Umgebung, z.B. im Wohnheim, bleiben zu können,
- eine unabhängige, individuelle Beratung für die Gestaltung dieser neuen Lebensphase,
- ein Leistungsrecht, das die Kombination von Eingliederungshilfe, Grundsicherung und Pflegeleistungen in vollem Umfang erlaubt.
"Wir brauchen eine Praxis der Leistungsgewährung, die Menschen mit Behinderung nicht diskriminiert, die eindeutig ist und die sich an den Teilhaberechten der UN-Behindertenrechtskonvention orientiert und ihr Wunsch- und Wahlrecht in den Mittelpunkt stellt", so Ulla Schmidt, Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. "Dabei steht viel auf dem Spiel für Menschen mit geistiger Behinderung: Werden sie ein Alter in Armut und Einsamkeit erleben – oder eines in Respekt und Selbstbestimmung, mitten in der Gesellschaft? Die Antwort sollte für uns alle klar sein." Die Tagung wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, von der DAK Gesundheit und von Aktion Mensch gefördert.
