Fachtagung zum Bundesteilhabegesetz der Linken

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Katrin Werner
Katrin Werner
Bild: Irina Tischer

Am Freitag, den 9. September 2016, veranstaltete die Bundestagsfraktion Die Linke eine Fachtagung zum geplanten Bundesteilhabegesetz. Die Bundestagsabgeordnete und behindertenpolitische Sprecherin der Fraktion Katrin Werner führte durch die Tagung.

"Die berechtigten Forderungen von Verbänden, Selbstvertretungsorganisationen, Gewerkschaften, Schwerbehindertenvertretungen sowie der Wissenschaft wurden zwar angehört, blieben jedoch weitgehend unberücksichtigt. Seit der Veröffentlichung des Entwurfs überschlagen sich die Ereignisse: Enttäuschung, Ärger, Verwunderung, Solidarität, vielfältige und kreative Proteste sowie klare Positionierungen seitens der Zivilgesellschaft, aber verwirrende Äußerungen auf Seiten der Koalition und des Ministeriums“, hieß es in der Ankündigung der Fachtagung.

Der Fraktionsvorsitzende der Linken Dietmar Bartsch eröffnete die Veranstaltung "Teilhabe mit Links", auf der der aktuelle Stand des Bundesteilhabegesetzes zum Thema gemacht wurde. Die Eröffnungsrede von Dietmar Bartsch ist auf YouTube unter folgendem Link zu sehen:

https://youtu.be/KajH7NbsO9k

Eingeladen waren in einem ersten Podium zum Thema "Das Teilhabegesetz aus landespolitischer Sicht" Diana Golze, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in Brandenburg, Karola Stange, Mitglied des Thüringer Landtages und sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion und Andreas Bethke vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), sowie Andreas Vega, Vorstand des VbA-Selbstbestimmt Leben. Die Sozialministerin des Bundeslandes Brandenburg berichtete über die Proteste von Menschen mit Behinderung vor dem Potsdamer Landtag. Das Bundesland würde nicht ohne weiteres dem Gesetzesentwurf in der derzeitigen Fassung zustimmen. Insgesamt seien im Bundesrat über 100 Änderungsanträge eingegangen. Auch die Thüringer Landtagsabgeordnete Karola Stange formulierte große Zweifel an der Konformität des Gesetzesentwurfes zur UN Behindertenrechtskonvention. Wie sich der Bundesrat verhalten werde, sei jedoch im Moment völlig offen. Andreas Bethke vom DBSV erläuterte einige Kernpunkte aus juristischer Sicht und empfahl sich den sechs Kernforderungen des Deutschen Behindertenrates und anderer Verbände anzuschließen. Andreas Vega vom VbA-Selbstbestimmt Leben aus München appellierte an die Bundesländer, das Bundesteilhabegesetz zu verhindern. "Die Bundestagsabgeordneten wissen überhaupt nicht, worüber sie da abstimmen", sagte Andreas Vega.

Auf dem zweiten Podium ging es um die "Menschenrechtliche Bewertung der Teilhabedebatte". Teilnehmerinnen waren Dr. Sigrid Arnade von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), Harry Hieb vom Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz (NITSA), ebenso Elke Breitenbach, Mitglied und Sprecherin des Ausschusses für Arbeit, Soziales, Inklusion und Senioren der Linksfraktion, sowie weitere Politikerinnen der Partei. Sigrid Arnade referierte über die Widersprüche des Gesetzentwurfes aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Ebenso verdeutlichte sie die Unvereinbarkeit des Gesetzesentwurfes mit der UN Behindertenrechtskonvention. "Dieser Gesetzesentwurf enthält so viele Ungereimtheiten, die geändert werden müssten, dass das Gesetz in dieser Fassung unbedingt verhindert werden muss. Es würde uns um Jahrzehnte zurückwerfen und die Situation von Menschen mit Behinderung extrem verschlechtern." Harry Hieb hielt einen detaillierten Vortrag über die tatsächlichen Veränderungen der Anrechnung von Einkommen und Vermögen in dem Gesetzesentwurf und entlarvte die falschen Versprechungen aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Die behindertenpolitische Sprecherin der Linken Katrin Werner wies auf das parlamentarische Verfahren hin, dass aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Bundestag nicht aufgehalten werden könne. "Wir brauchen den Druck von der Straße, den können wir mit parlamentarischen Mitteln in den Bundestag einbringen und weitertragen", so die Bundestagsabgeordnete Katrin Werner.

Im Anschluss eröffnete der Linken-Abgeordnete Gregor Gysi mit einem Grußwort den abendlichen Ausklang, der mit Musik und einem kleinen Imbiss begangen wurde. Die Rede Gysis zum geplanten Bundesteilhabegesetz kann unter folgendem Link angesehen werden:

https://youtu.be/me2SUlLcHf8

 

Lesermeinungen zu “Fachtagung zum Bundesteilhabegesetz der Linken” (3)

Von soulsister

Danke für Euren Einsatz... und wir haben noch nicht gewonnen-bitte macht weiter

Von soulsister

gibts Filmchen oder so ...Youtube?

Von Christoph Warweg

Dr. Sigrid Arnade in voller Fahrt erleben zu können, war das Kommen schon Wert gewesen beim Fachtag der LINKEN im Deutschen Bundestag. Mit Temprament und bissiger Ironie geißelte sie das neue Bundesteilhabegesetz als Rückschritt, der die Behindertenrechte in Deutschland um Jahrzehnte zurückwerfen würde. Da die Erfahrung gelehrt hat, dass im parlamentarischen Verfahren, nur noch Nuancen in einem Gesetz geändert werden, so muss das ganze BTHG verhindert werden, meinte unter dem Beifall des Publikums Frau Arnade und forderte in der neuen Legislaturperiode ein neues und besseres Gesetz zu erarbeiten. Das sagt nicht irgendwer, sondern die Geschäftsführerin der Interessen-Vertretung Selbstbestimmtes Leben ist für Ihren Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen und von behinderten Menschen schon zweimal mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden und hat maßgeblich von deutscher Seite her an der Erstellung der UNO- Behindertenrechtskonvention mitgewirkt. Wenn diese Frau nun das geplante Gesetz ablehnt, weil es die Verabschiedung vom bisherigen Bedarfsdeckungsprinzip beinhaltet, den Zugang zu Leistungen enorm erschwert und den Vorrang der Pflege vor Eingliederungshilfe festschreibt, dann sollten auch die regierenden Poliker innehalten und nicht ein Gesetz durchpeitschen, was so von den Betroffenen keiner will. "So geht es nicht!", meinte auch Andreas Veaga, vom Verbund behinderte ArbeitgeberInnen, der aus München mit einem Assistenten angereist war.. Vega, der rund um die Uhr auf Assistenz angewiesen ist, berichtete wie er vor Jahrzehnten gegen alle Widerstände aus einem stationären Wohnheim ausgezogen ist , um eine selbstbestimmte WG zu gründen. Der Wegfall des Grundsatzes ambulant vor stationär, würde solche Möglichkeiten zukünftig noch mehr erschweren. Es ist den LINKEN um ihre behindertenpolitische Sprecherin Katrin Werner, zu danken, dass sie den AktivistInnen der Behindertenszene auf diesem Fachtag eine öffentlichkeitswirksame Bühne geboten haben.