Sorge über geringen Stellenwert der Behindertenpolitik
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Rolf Barthel
Berlin (kobinet) Der scheidende Landesbehindertenbeauftragte von Berlin, Dr. Jürgen Schneider, macht sich seit längerem Sorgen über den geringen Stellenwert der Behindertenpolitik. Die Erklärung der Bundeskanzlerin zum Wahlsieg von Donald Trump mit der fehlenden Erwähnung behinderter Menschen ist für ihn nur ein Beispiel schwindender Solidarität.
"Da ich mir ja grundsätzlich seit längerem Sorgen über den Stellenwert von Behindertenpolitik und wachsender sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft mache, die wiederum unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft ungleich betrifft, ist meine Sensibilität gegenüber Diversity-Verlautbarungen zunehmend gewachsen. Die fast ausschließliche Konzentration auch der sogenannten fortschrittlichen Kräfte auf den soziokulturellen Minderheitenschutz (siehe bisherige Ergebnisse zum Berliner Koalitionsvertrag), häufig ohne Nennung von Menschen mit Behinderung empört mich. Soziokultureller Minderheitenschutz ist absolut wichtig, aber gerade für Menschen mit Behinderung, die Nachteilsausgleiche brauchen, nicht hinreichend. Jetzt werden Menschen mit Behinderung auch noch von höchster Stelle sogar aus der soziokulturellen Wahrnehmung herausgenommen und damit weiter marginalisiert", schrieb Dr. Jürgen Schneider als Reaktion auf die Erklärung von Bundeskanzlerin Merkel zum Wahlsieg von Donald Trump.
"Deutschland und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, dem Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, eine enge Zusammenarbeit an", so Angela Merkels Botschaft an Donald Trump. "Bleiben Menschen mit Behinderung deshalb unerwähnt, weil sie darauf vertraut, dass die bereits vorhandene Verankerung der menschenrechtlichen Ansprüche von Menschen mit Behinderung in der amerikanischen Gesetzgebung auch unter Donald Trump Bestand hat und in Deutschland ein nach ihrer Meinung gutes Bundesteilhabegesetz unmittelbar bevorsteht? Oder wertet sie die Entgleisung von Donald Trump gegen den behinderten Kolumnisten Charles Krauthammer im Juli 2015 und gegen den behinderten Journalisten Serge Kovaleski im November 2015 als weniger gravierend als seine Äußerungen zu anderen Minderheiten. Jedenfalls ist es mehr als auffällig, dass ausgerechnet Menschen mit Behinderung in der Aufzählung aller Diversity-Gruppen, die sogar über den Artikel 3 des Grundgesetzes hinausgeht, nicht vorkommen, deren Würde doch die Basis der künftigen Zusammenarbeit bilden sollen", schrieb dazu Dr. Jürgen Schneider.
In den USA richten sich die Behindertenrechtsorganisationen auf schwere Zeiten in Sachen Behindertenrechte ein. Hatten sie bereits vor der Wahl vor den Plänen von Donald Trump gewarnt, so richten sie sich nun auf harte Zeiten ein. Der Disability Rights, Education and Defense Fund (DREDF) mit Sitz in Berkeley, Kalifornien, hat nach der Wahl von Donald Trump erklärt, dass es nun gelte besonders wachsam in Sachen Menschenrechte behinderter Menschen zu sein. Die Organisation, die hart für die Verabschiedung des US-amerikanischen Antidiskriminierungsgesetzes (American with Disability Acts) gekämpft hatte, erklärte, dass es nun umso wichtiger sei, für die Rechte behinderter Menschen zu kämpfen und sich Koalitionspartner in anderen Bewegungen zu suchen.

Von Gisela Maubach
@ nurhessen
Die Frage ist nicht nur, wo Behinderte auf Dauer Koalitionspartner finden können - sondern wo alle (!) Menschen mit Behinderung auf Dauer Koalitionspartner finden können.
Während arbeitsfähige Menschen bereits politische Unterstützer haben, wird sogar im Antrag der NRW-Landtagsfraktionen der SPD und der GRÜNEN zum Bundesteilhabegesetz kein Änderungsbedarf bei der Vorrangigkeit der WfbM vor der Sozialen Teilhabe gefordert.
Es wird lediglich eine "spürbare Erhöhung des Freibetrages" für Werkstattbeschäftigte bei der Anrechnung in der Grundsicherung gefordert.
Damit soll es beim Dumpinglohn der Werkstätten bleiben, so dass diejenigen, die das Arbeitsergebnis der Werkstätten erwirtschaften, in der Grundsicherung festgehalten werden.
Und die nicht arbeitsfähigen Menschen würden in den Werkstätten gehalten, weil sie ausschließlich mit diesem erhöhten Freibetrag die Chance auf einen erhöhten Lebensunterhalt haben.
Für nicht-arbeitsfähige Menschen wird die Verknüpfung von existenzsichernden Leistungen mit der Sondereinrichtung offensichtlich akzeptiert - ganz abgesehen davon, dass auch die Vorrangigkeit der Sondereinrichtung als solcher akzeptiert wird.
Da hilft es diesem Personenkreis herzlich wenig, wenn die "Koalitionspartner" für die arbeitsfähigen Menschen mit Behinderungen öffentlichkeitswirksam Verbesserungen fordern.
Von nurhessen
Die Frage ist nur, wo Behinderte auf Dauer Koalitionspartner finden können; d.h. auch in schlechten Zeiten. Denn alle anderen „Diversity“- Gruppen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht auf ständige Assistenz und/oder Hilfe angewiesen sind. Sie sind auch ohne äußere Hilfestellung nach den Maßstäben einer Leistungsgesellschaft leistungsfähig, seien es Migranten, Menschen unterschiedlicher Religion oder Hautfarbe oder unterschiedlicher sexueller Orientierung… Das ist der entscheidende Unterschied.
Von versteh_gar_nix_mehr
Ein Beitrag mit Stand vom 23.10.2015
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, was auf der Seite des Auswärtigen Amtes zu unseren Rechten zu lesen ist und dass noch in leichter Sprache!
Ein Vertrag über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Menschenrechte/LeichteSprache/Behinderungen_Menschenrechte.html?nn=344910
Bei den ganzen Meldungen der letzten Tage und Wochen könnte man meinen, alles dient der Sache und Propaganda?
Nun ist auch klar, warum das Ausland gelegentlich so neidisch ist bei den ganzen Rechten die wir haben. Nur die wenigsten finden gelegentlich die Nadel im Heuhaufen und wenn, dann zu einem Preis welcher manchmal den Verkauf der eigenen Würde beinhaltet.
Von Signe
Mich wundert es, dass sich der Behindertenbeauftragte aus Berlin, J. Schneider, über das Behindete ignoierende Gebaren der Merkel wundert.
Von Signe
Frau Merkel, als Chefin aller Bundesminister/innen, blendet Menschen mit Behinderung _bewusst_ aus. Das hat die Frau mehrfach gezeigt und, wie jetzt wieder, wiederholt bewiesen.
Für Frau Merkel sind Behinderte persona non grata. Das ist nicht erst seit kurzem so, sondern wohl eine Lebenseinstellung der Merkel. Gut, das zuletzt geschriebene ist eine Annahme von mir, dass es so ist, dass Merkel Behinderte als persona non grata wertet und sie deshalb ignoriert und aus der Öffentlichkeit verbannt hat. Denn _ebenfalls_ an ihren Worten muss Frau Merkel gemessen werden. Und da hat die Merkel (vorsätzlich oder nicht vorsätzlich, das sei hier dahingestellt) grandios _versagt_.