Walter Maria Schubert und die Behindertenbewegung
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Privat
Frankfurt (kobinet) Georg Gabler vom Frankfurter Club Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF) ist tief mit der Behindertenbewegung verwurzelt und beschäftigt sich viel mit der Geschichte dieser Bewegung. Der Tod von Walter Maria Schubert hat den erfahrenen Hasen der Behindertenbewegung veranlasst, einen kritischen Rückblick auf die damaligen Entwicklungen und das Wirken von Walter Maria Schubert für die kobinet-nachrichten zu verfassen.
Bericht von Georg Gabler
Christa Schlett beschreibt in ihrem Buch "Krüppel sein dagegen sehr" von 1970 ihre erste Begegnung mit Walter Maria Schubert 1960: "Auf der Bank vor dem Eingang sass ein junger Mann 'umringt von fast allen Gästen'. Er wurde bewundert." So habe ich ihn auch kennengelernt. Er liebte es, umringt zu sein, von seinen Vertrauten und Bewunderern, seinen Groupies. Christa Schlett wurde allerdings kein Groupie, ich auch nicht.
Mit seinem Geburtsjahr 1932 gehörte er, der von seinen Freunden und Feinden nur "WMS" genannt wurde, zu den Älteren der Nachkriegsaktivisten. Er verkörperte die "junge" Behindertengeneration und wurde zum Mentor der Generation der betroffenen Spastikerkinder in den Elternorganisationen wie zum Beispiel dem Spastikerverein. Dort wurden die betroffenen Kinder zu Jugendlichen und versuchten der asymetrischen Eltern-Kind-Beziehung zu entkommen und in neuen Gruppen eine Beziehung auf Augenhöhe zu ihrer Umgebung zu praktizieren. WMS unterstützte diese Entwicklung mit Kraft und Leidenschaft. Die neuen Formationen gaben sich den Namen "Club Behinderter und ihrer Freunde" und WMS entwickelte sie zum bundesdeutschen Markenzeichen. Anfang der Siebziger Jahre wurde die "Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs" (BAG cbf) gegründet, mit WMS als deren Motor.
Über mehrere Jahre erschien das "cbf-Magazin", das diese Entwicklung eindrucksvoll dokumentiert. Es gab eine regelrechte Gründungswelle, 1975 auch in Frankfurt. Die BAG cbf errang sich zwischen den übrigen grossen Behindertenverbänden in Bonn politische Anerkennung. Deren politische Linie, nämlich hauptsächlich "Bewusstseinsbildung" durch "Aktive Partnerschaft" wurde überall sichtbar: selbstbewusst auf Augenhöhe mit seinen Mitmenschen leben.
Jetzt kommen Ernst Klee und Gusti Steiner ins Spiel. Sie hatten die Idee, im Rahmen von punktuellen Kristallisationspunkten wie lokalen Volkshochschul-Angeboten, jenseits von Vereinsstrukturen, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen. Der versierte journalistische Profi Klee brachte die Tätigkeit des lokalen Frankfurter Kurses "Bewältigung der Umwelt" erfolgreich in den Medien unter. Der Kurs wendete sich mit seiner Ansprache nicht so sehr an die nichtbehinderten Mitmenschen, sondern konfrontativ an die Politik, die die konkreten Barrieren abschaffen konnten und sollten. Dies geschah mit aufsehenerregenden Aktionen, die das gebührende Medienecho erhielten. So etwas mag WMS als zu agressiv empfunden haben. Das war nicht mehr seine "stille Kraft".
Gusti Steiner und Ernst Klee wollten aber politisch provozieren. Sie begannen dann seit 1978/79 erfolgreich mit einer Vernetzungsarbeit. In Frankfurt wurde ab 1978 dreimal die "goldene Krücke" der Behindertenfeindlichkeit verliehen. Das mobilisierte eine Basis behinderter Menschen in neuer Weise. Ende 1980 zog sich Ernst Klee aus der aktiven Behindertenarbeit zurück und begann mit seinen Forschungsarbeiten zur Euthanasie. Gusti Steiner in Dortmund baute ab Herbst 1979 kontinuierlich ein Netzwerk von behinderten und nichtbehinderten AktivistInnen auf, hin zu einem "bundesweiten Zusammenschluss gegen das UNO-Jahr der Behinderten 1981". Die BAG cbf und WMS als Person waren indes in den politikoffiziellen Vorbereitungsgremien zum Behindertenjahr 1981 eingebunden. Das war womöglich die Trennungslinie in der Politik der BAG cbf zu den neuen Kräften.
Im Mai 1980 fand in Frankfurt die bis dahin grösste Demonstration von behinderten und nichtbehinderten Menschen statt mit 5.000 TeilnehmerInnen. Es war der Protest gegen das skandalöse Urteil eines Frankfurter Reiserichters, der den Anblick behinderter Menschen als Minderung des Reisegenusses definierte. Der Frankfurter CeBeeF bekam zu dieser Veranstaltung massenweise Solidaritätsadressen von vielen Verbänden und Einzelpersonen. Die BAG cbf war nicht darunter. Die Störung der Eröffnungsveranstaltung zum Behindertenjahr 1981 und das sogenannte Krüppeltribunal im Dezember 1981 markieren den offiziellen Beginn der sogenannten Behindertenbewegung. WMS hielt sich fern.
Eine Gruppe oppositioneller Clubs versuchte in der Folge den Vorstand der BAG cbf abzuwählen. Das gelang nicht. Die örtlichen Clubs orientierten sich von nun ab mal in die eine, mal in die andere Richtung dieser politischen Strategien. In seiner unmittelbaren Umgebung, in Mainz und Rheinland-Pfalz, genoss WMS grosses Ansehen. Das schwand, als die damalige Mainzer Sozialdezernentin Malu Dreyer eine Rollstuhlfahrerin zur Mainzer Behindertenbeauftragten ernannte. Diese kam aus der "BAG-Opposition". Als Sozialministerin holte sie sich dann AktivistInnen der jüngeren, kämpferischen, Generation in ihr Haus.
In den 90iger Jahren fiel der BAG cbf ein grösseres Erbschaftsvermögen zu. Die BAG cbf investierte in neue MitarbeiterInnen und gute Programme, allerdings ohne dabei auf ihre Finanzen zu achten. Als es eng wurde, trat der Vorstand zurück. Ein neuer Vorstand versuchte die finanzielle Stabilisierung mittels der Errichtung einer Stiftung zu erreichen. WMS setzte alles daran, dieses Vorhaben zu vereiteln. Warum? Er hatte jedenfalls Erfolg damit. Einige Jahre später wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde (BAG cbf) insolvent und musste abgewickelt.werden. Das war es dann.
Walter Maria Schubert hat die BAG cbf aufgebaut und dann auch wieder abgebaut. Nachhaltig ist das nicht. Schubert wurde 2007 der Robert-Mächtler-Preis verliehen. Diese Tatsache wird erst interessant, wenn man die Nähe der Mächtler-Stiftung zur Giordano-Bruno-Stiftung erkennt. Diese Stiftung hat wiederum einen "sogenannten" Ethik Preis an Peter Singer verliehen. Aus seiner Preisrede wird Schubert zitiert: "Im Verhältnis zu dem, was ich in der Welt habe bewirken wollen, bin ich wohl der erfolgloseste aller Menschen." Hybris?
Trotz meiner ambivalenten Einschätzung des Wirkens von Walter Maria Schubert empfinde ich ihn als eine sehr wichtige Person in der Entwicklung des "Behindertenbewusstseins in Deutschland nach dem Krieg, wenn man dies als Kontinuum betrachtet.

Von Ingo Müller Baron
(Fortsetzung)
Ich lernte Walter ca. 1990 kennen und hatte das Glück und die Ehre als nichtbehinderter Mensch mit ihm gemeinsam im Rahmen der BAR-Arbeitsgruppe „Barrierefreie Umweltgestaltung“ zusammenzuarbeiten. Ich war damals relativ frisch aus dem Studium, in dem ich mich ausführlich mit dem Bereich Rehabilitation und Hilfen für behinderte Menschen beschäftigt hatte. Selbstverständlich hatte ich dabei auch von der Behindertenbewegung gehört und viel dazu gelesen. Aber tatsächlich viel davon begriffen hatte ich nicht.
Dann kam Walter Schubert! Er beeindruckte mich mit seiner kraftvollen, lebendigen, freundlichen, zugewandten und gebildeten Art, mit seinem feinen Humor, mit seinem hohen Fachwissen und mit seinem großen Engagement. Er war vor allem sehr entschlossen, dass sich in den Umweltbedingungen für behinderte Menschen dringend etwas ändern musste und dafür kämpfte er - oft im Stillen - , aber sehr wirkungsvoll.
In relativ kurzer Zeit änderte sich durch ihn und mit ihm mein Blick auf die Welt, er musste dazu nicht viel erklären, er war das anschaulichste Beispiel dafür, dass Behinderung kein medizinisches, sondern ein soziales Problem darstellt. Er brachte mir das aktiv und bewusst, aber ohne viele Worte, bei und war damit ein großartiger Lehrer für mich.
Walter hat vielen Menschen viel bedeutet. Er hat in seinem Leben sehr viel geschafft, sei es im menschlichen Umgang, sei es in seiner Unterstützung für einzelne behinderte Menschen, sei es durch sein Wirken für behinderte Kinder in Afghanistan oder sei es für das Ziel der Barrierefreiheit. Ich weiß aus unserer gemeinsamen Arbeit mit vielen anderen Mitstreiterinnen und Mitstreitern für barrierefreie Umweltgestaltung, dass wir diese Fortschritte, die wir heute in diesem Bereich haben, ohne sein jahrelanges Wirken so nicht erreicht hätten.
Walter Maria Schubert war ein großartiger Mensch!
Von Ingo Müller Baron
Als ich die Zeilen von Herrn Gabler las war ich erst einmal schockiert und ebenfalls geneigt, sofort wütend zu reagieren. Vor allem aus großem Respekt vor Walter und Anita Schubert kam mir eine öffentliche Auseinandersetzung zu diesem "Nachruf" vor der Beisetzung verfehlt vor.
Gestern haben wir Walter auf seinem letzten Weg begleitet und in einer würdevollen und bewegenden Trauerfeier verabschiedet! Nun denke ich, ist es an der Zeit zu reagieren. Was treibt einen Menschen dazu, auf einen gerade verstorbenen Mitmenschen einen solchen Nachruf zu verfassen und zu veröffentlichen? Darüber möchte ich nicht wirklich spekulieren! Über eine solche Art und Weise muss sich jeder seine eigene Meinung bilden. Die (historische) Einordung des Handels von Walter Maria Schubert und welche Verdienste er für die emanzipatorische Behindertenbewegung hatte, kann vielleicht sicher unterschiedlich ausfallen. Ich will mir nicht anmaßen, das zu beurteilen, aber sicher gibt es beispielsweise auf das Ende der BAG C auch andere Perspektiven, als die sehr verkürzt dargestellte Version von Herrn Gabler.
Es gibt viele Wege eine Sache zu unterstützen und es gibt unterschiedliche Arten zu handeln. Walter Maria Schubert hatte seinen Weg gewählt und vieles für behinderte (und wie ich finde auch für nichtbehinderte) Menschen bewegt. Wie man dieses Handeln und Tun von ihm bewertet, bleibt auch jedem selbst überlassen, aber einen Nachruf auf einen gerade verstorbenen Menschen für eine „Abrechnung“ zu nutzen, ist einfach schäbig.
Aber ich will gar nicht so sehr darauf eingehen, was Herr Gabler schreibt, sondern es ist mir wichtiger, etwas dazu beizutragen, die Persönlichkeit Walter Maria Schubert tatsächlich zu würdigen. Ich will das nur kurz anhand meiner persönlichen Erfahrungen tun:
(Aufgrund der Zeichenzahlbeschränkung folgt Teil 2)
Von Volker Sieger
Respekt- und niveaulos
Als ich den Beitrag von Georg Gabler über Walter Schubert las, machte mich das betroffen und wütend, und ich wollte sofort darauf antworten. Dann dachte ich mir: Wie tief muss der Stachel wohl sitzen, dass jemand einen solchen „Nachruf“ auf einen Verstorbenen verfasst? Deshalb nahm ich mir einige Tage Zeit, um nicht auf dem gleichen Niveau zu antworten. Jetzt aber ist es an der Zeit.
Ich halte es für zutiefst respektlos - gegenüber dem Verstorbenen und seinen Angehörigen - einen „Nachruf“ zu verfassen, der gespickt ist von suggestiven Bemerkungen, die einzig und allein dem Zweck dienen, das Lebenswerk des Betroffenen in den Schmutz zu ziehen. Vermutlich gibt es nur wenige Personen auf dieser Welt, bei denen ich ein solches Vorgehen zumindest für nachvollziehbar erachten würde. Dazu zählen beispielsweise Kriegsverbrecher und andere offensichtliche Menschenfeinde.
Niveaulos ist der Beitrag von Georg Gabler deshalb, weil er suggeriert, historische Prozesse in der Entwicklung der Emanzipationsbewegung von Menschen mit Behinderung zu analysieren, dabei diese Analyse jedoch vermengt mit seiner subjektiven Betrachtung als integraler Bestandteil einer der beiden von ihm skizzierten politischen Strömungen sowie der vereinsinternen Opposition in der BAG cbf. Das kann man durchaus machen, etwa in einer politischen Biografie. Niveaulos ist ein solches Vorgehen - im übertragenen Sinne - am Grab des Verstorbenen.
Ich will meine Verortung im Zusammenhang mit der BAG cbf keineswegs verschweigen. Ich war ihr Mitarbeiter in Mainz und habe Walter Schubert nach seiner aktiven Tätigkeit dort kennengelernt. Ich will mir, allein aufgrund meines Alters, gar nicht anmaßen, die skizzierten historischen Prozesse und Verwerfungen einordnen zu können. Was ich aber festhalten möchte, ist, dass mich die Ansichten Walter Schuberts interessiert und wie vieles davor und danach zum Denken angeregt haben. Insofern bin ich froh und dankbar, ihn kennengelernt zu haben!
Von Gabriele Röwer
Differenzierung erwünscht:
Anmerkungen zu Herrn Gablers Äußerungen über die Robert-Mächler-Preisträger Walter Maria Schubert und Anita Schubert (28.10.2007)
Wer wie Herr Gabler die Vergabe des Robert-Mächler-Preises für humanitäres Engagement durch Vertreter der Robert-Mächler-Stiftung, die ich u.a. mit Karlheinz Deschner (www.deschner.info) 1995 gründete, an das Ehepaar Schubert (28.10.2007 !) in den Räumen (!) der GBS in den Kontext der Verleihung des Ethik-Preises der Giordano-Bruno-Stiftung an Peter Singer (3.6.2011 !) rückt und sie damit zu desavouieren geneigt ist, gleichzeitig aber die vielfältigen, in meiner separaten Gesamtreplik detailliert aufgezeigten Differenzierungen zwischen beiden Ereignissen übersieht wie auch die jüngste Distanzierung des Vorstandssprechers der GBS Michael-Schmidt-Salomon am 25.5.2015 (https://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/schmidt-salomon-peter-singer) von einigen zutiefst inhumanen Positionen Singers (siehe NZZ 24.5.2015 (https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/philosoph-peter-singer-ein-embryo-hat-kein-recht-auf-leben-1.18547574) – u.a. Aufhebung des Menschenrechts von – behinderten – Neugeborenen in den ersten 23 Wochen auf Leben sowie auf Schutz vor Folter, wenn diese dem „dauerhaften Glück der gesamten Menschheit“ diene – , hätte gut daran getan, sich besser zu informieren – v o r solcher, zumal posthumen, zumal seinen trauernden Angehörigen und Freunden gegenüber denkbar unsensiblen Herabwürdigung eines jahrzehntelang um bessere Lebensbedingungen behinderter Menschen bemühten Menschen wie Walter Maria Schubert (… wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein …). Darzulegen, inwiefern dies auch für die weitere Kritik Herrn Gablers an Walter Schubert gilt, sei Berufeneren als mir vorbehalten.
Weiterführende Quellen:
https://hpd.de/node/3100;
https://www.giordano-bruno-stiftung.de/;
http://deschner.info/robertmaechler/index.html;
http://www.gkpn.de/Roewer_Tierethik.pdf (Abgrenzung Deschners von Singer)