Das schwarz-gelbe Gespenst ist wieder da
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Irina Tischer
Kassel (kobinet) Während vor einigen Monaten noch darüber diskutiert wurde, ob es auf Bundesebene mit Martin Schulz eine rot-rot-grüne Zusammenarbeit für mehr soziale Gerechtigkeit nach der Bundestagswahl im September geben könnte, hat sich diese Diskussion mittlerweile dahingehend erübrigt, indem die Zeichen immer deutlicher auf schwarz-gelb auf Bundesebene und in den Ländern stehen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul beschäftigt sich in seinem Kommentar auch aufgrund des aktuellen Verlusts der rot-grünen Mehrheit in Niedersachsen mit einem drohenden schwarz-gelben Szenario für die Behindertenpolitik.
Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul
In den letzten Monaten hat es sich fast aus heiterem Himmel langsam, aber sicher, über das Land gesenkt - das schwarz-gelbe Gespenst. Die Rede ist dabei nicht von den Schwarz-Gelben von Borussia Dortmund, die nach dem schwachen Start des FC Bayern München in den Vorbereitungsspielen dieses Mal wieder echte Chancen auf die Fußballmeisterschaft haben könnte. Nein, dieses schwarz-gelbe Gespenst kommt ganz politisch daher und kann uns das Fürchten mehr lehren, als dass es Niederlagen im Fußball jemals können. Denn Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren, dass in Zeiten schwarz-gelber Regierungsmehrheiten die inklusionsorientierte Behindertenpolitik eher stagnierte, wenn nicht sogar zurückgefahren wurde. Gut sieben Wochen vor der Bundestagswahl am 24. September gilt es also genauer hinzuschauen, was da bereits herumgeistert, auf uns zukommen könnte und was es zu verhindern gilt.
Dass Veränderungen in der Politik einen enormen Einfluss auf das Leben der Menschen haben kann, zeigt sich seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, wo die Republikaner nun auch die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat haben. Plötzlich werden viele sicher geglaubte Errungenschaften in Frage gestellt, bzw. sind massiv bedroht. So müssen behinderte Menschen in den USA derzeit für den Erhalt der ohnehin schlechten Krankenversicherung kämpfen, die unter Präsident Obama geschaffen wurde. Regeln zur Barrierefreiheit stehen dabei genauso zur Disposition wie viele andere ohnehin begrenzte soziale Leistungen.
Man braucht aber gar nicht so weit über den großen Teich blicken. Gehen wir einfach in den Westen von Deutschland. Dort haben wir zum Glück keinen Donald Trump, aber unter der Regierung von Armin Laschet zeichnen sich mittlerweile die Konturen der zukünftigen von CDU und FDP bestimmten schwarz-gelben Politik ab, die Sorge bereiten. Die schulische Inklusion stand nicht nur im Wahlkampf unter Beschuss, sondern wird es nun in Nordrhein-Westfalen viel schwerer haben. Bei der Landesbauordnung will man den Wohnungsbau unter anderem durch geringere Anforderungen an die Barrierefreiheit beflügeln und über viele andere Rückschritten in der nordrhein-westfälischen Behindertenpolitik wird bereits spekuliert.
Die CDU versteht es ohnehin, in der Behindertenpolitik mit gespaltener Zunge zu sprechen. Während die behindertenpolitisch zugänglichen und sicherlich auch engagierten Zuständigen in der Partei schöne Reden halten und die Inklusion heraufbeschwören, werden dann, wenn es darauf ankommt, Beschlüsse gefasst, die alles andere als zeitgemäß bzw. im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention sind. Die Partei versteht es nämlich bestens, die wenigen behindertenpolitisch engagierten Abgeordneten agieren und reden zu lassen, verweigert ihnen aber die Gefolgschaft bei fast allem, was der Wirtschaft nur annähernd nicht passen könnte. Das beste Beispiel war die Ablehnung der Verankerung der Verpflichtung zu angemessenen Vorkehrungen zur Barrierefreiheit von Dienstleistungen und Produkten im privaten Bereich letztes Jahr im Bundestag. Und da ist dann noch die tiefe Verbandelung vieler Unionsabgeordneten mit der traditionellen Behindertenhilfe alias Caritas, Diakonie und Lebenshilfe mit ihren vielen Sondereinrichtungen, die gehegt und gepflegt werden wollen. Und so ist am Ende auch ganz entscheidend aufgrund der Haltung der Union, ein Bundesteilhabegesetz herausgekommen, das diesen Einrichtungen nicht wirklich weh tut und sicherlich dafür sorgen wird, dass die Aussonderung behinderter Menschen in Deutschland noch lange anhalten wird. Das ist gute Lobbyarbeit.
Und dann ist da die von einigen schon tot geglaubte FDP, die 2013 erstmals aus dem Bundestag geflogen ist und bei der die Behindertenpolitik lediglich ein störender Faktor für Wirtschaftswachstum und Regulierung zu sein scheint. In den letzten Monaten ist die FDP sozusagen wie ein Phoenix aus der Asche wieder erstarkt und mischt nun bereits in einigen Bundesländern wieder kräftig in den Regierungen mit, in Nordrhein-Westfalen sogar allein mit der CDU und in einigen Ländern zusammen mit der SPD und den Grünen. Und nun kippt auch noch durch den Austritt einer grünen Abgeordneten die knappe Mehrheit in Niedersachsen. Die Wahlumfragen schließen auch hier keine schwarz-gelbe Mehrheit aus.
Es vollzieht sich derzeit also eine politische Kraftverschiebung, mit der vor einigen Monaten noch niemand so gerechnet hat - das schwarz-gelbe Gespenst ist wieder voll erstarkt und bedroht damit auch die an der UN-Behindertenrechtskonvention orientierte Behindertenpolitik in Deutschland massiv. Denn erinnern wir uns, neben vielen schönen Reden hat sich in den Jahren von 2009 bis 2013, also in der Zeit, als CDU/CSU und FDP auf Bundesebene regiert haben, in der Behindertenpolitik kaum etwas bewegt, wobei doch so viel zu bewegen ist.
Unter schwarz-rot wurden dann ab 2014 einige Reformen angepackt. Immerhin, sagen viele, auch wenn diese massive Proteste ausgelöst haben, weil die Reformen in einem solchen Bündnis mager ausfallen mussten. Im Hintergrund hat gerade die CDU/CSU viele Weiterentwicklungen nicht gewollt bzw. blockiert. Nur durch die massiven Proteste konnten einige Verschlechterungen erst einmal abgewendet werden, die aber immer noch latent drohen. Auf jeden Fall wurde die Chance vertan, bei der Schaffung des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes angemessene Vorkehrungen für die Barrierefreiheit von Dienstleistungen und Produkten privater Anbieter gesetzlich einzufordern. Deshalb werden wir auch weiterhin viele schöne Barrieren haben, die mit verschleiernden Reden verschönt werden. Und hier hat die CDU genauso wie schon seit vielen Jahren bei der EU-Antidiskriminierungsrichtlinie nach bestem Wissen und Gewissen massiv blockiert und verhindert.
Wenn nun die Bürgerinnen und Bürger wieder zur Bundestagswahl aufgerufen sind, mögen die einen oder anderen denken, dass es einerlei sei, wem man seine Stimme gibt. Am Ende werden sich diese aber in konkreten Zahlen, Sitzen und Mehrheiten niederschlagen, die bestimmen, wer zukünftig das Sagen im Land hat. Und diese Ergebnisse können zum Teil verdammt knapp ausfallen, wie die bisherige Mehrheit von rot-grün mit einer Stimme im niedersächsischen Landtag zeigt. Wir kommen also nicht drum herum, uns in den nächsten Wochen intensiv mit dem Wahlkampf, den KandidatInnen und einzelnen Parteien zu befassen und dabei genauer hinzuschauen, was sich hinter schöner Rhetorik verbirgt. Es gibt wohl kaum einen anderen Bereich, wie die Behindertenpolitik, wo so viel schöne Reden gehalten werden, es aber auch so mühsam ist, das bestehende System der Aussonderung zu überwinden und ein inklusives Leben zu ermöglichen und zu fördern. Mischen wir uns also ein und schauen uns die Gespenster gut an, die da umher geistern.

Von Behindert_im_System
Zitat:
„Leider wird die endgültige soziale Gesetzgebung im Bund im BMAS durchgeführt. Ich bin überzeugt davon, dass wir in Bayern bessere Chancen hätten. Das ist aber meine private Meinung und ich kann es nicht beweisen.“
Sehr geehrter Herr Vega,
was wollten Sie beweisen, was Sie nicht können? Es stimmt, das Gesetz wird im BMAS erarbeitet, aber man darf nicht den § 7 SGB XII übersehen in welchem es heißt:
Die obersten Landessozialbehörden unterstützen die Träger der Sozialhilfe bei der Durchführung ihrer Aufgaben nach diesem Buch. Dabei sollen sie insbesondere den Erfahrungsaustausch zwischen den Trägern der Sozialhilfe sowie die Entwicklung und Durchführung von Instrumenten der Dienstleistungen, der zielgerichteten Erbringung und Überprüfung von Leistungen und der Qualitätssicherung fördern.
Dies mal nur am Rande, denn ich nehme mal an das Sie wissen wem in Bayern die Aufgaben der Sozialhilfe mit der örtlichen und überörtlichen Zuständigkeit übertragen wurden und was zum 01.01.2008 so manchem noch die Krone aufsetzte?
Haben Sie sich mal den Artikel 118a der Bay. Verfassung in der Kommentierung, oder vielleicht sogar das Gesamtwerk angesehen? Manchmal fühlen wir uns als drehten wir uns im Kreis, aber wir müssen nur lernen und es verstehen, die uns verbliebenen bescheidenen Mittel und Möglichkeiten richtig zu nutzen, um so aufzuzeigen, hier wird etwas praktiziert und genutzt, was keinesfalls so manche Entscheidung rechtfertigt. Mit der Übertragung der Aufgabe an die Bezirke ist inhaltlich im damals ergangenen Beschluß durch den Landtag es nicht so weit gegangen, dass dann alles was die Rechte des behinderten Menschen anbelangt, außer Kraft setzen würde.
Von Andreas Vega
@ Von Behindert_im_System
Leider wird die endgültige soziale Gesetzgebung im Bund im BMAS durchgeführt. Ich bin überzeugt davon, dass wir in Bayern bessere Chancen hätten. Das ist aber meine private Meinung und ich kann es nicht beweisen. Selbstverständlich gäbe es auch einiges zu Bayern zu schreiben. Übrigens äußere ich mich gerade zu den Bezirken und zu Herrn Mederer auch sehr deutlich.
Von Behindert_im_System
Sehr geehrter Herr Vega,
warum bleiben wir nicht mit der Betrachtung in Bayern, oder ist es vielleicht einfacher mit dem Blick auf andere vom wesentlichen Zustand in Bayern abzulenken? Wie oft waren Sie als Vertreter von Verbänden in den letzten Jahren in den Sitzungen vom Sozialausschuss mit anwesend und wurden als Experte gehört? Wenn es erforderlich ist die Suppe zu würzen, dann bitte auch dies in Bayern tun. Auch wenn eine Frau Haderthauer und ein Herr H. Meinberger heute nicht mehr dem Ministerium angehören, so waren auch beide Personen keine Bereicherung für die Belange und Rechte behinderter Menschen, auch wenn dies immer anders dargestellt wird.
Wenn Sie meinen mit Schwarz Gelb kommt die Ehrlichkeit der Politik und ihren Aussagen deutlicher zum Ausdruck, dann vergessen Sie in Bayern die Bezirke und die sind unser Problem, was Ihnen aber nicht so neu ist, oder doch?
Erfreut war ich über ihre Mitteilung zur Expertenanhörung zum Standpunkt von Frau Ilona Deckwerth beim Thema Inklussion am 13.07.2017 und bin der Meinung, dass man unabhängig und egal welcher Partei der einzelne angehört, dann diese Personen auch aus unseren Reihen unterstützen sollte.
Von Andreas Vega
Wenn Bayern München mal kein Fußballmeister mehr wird, dann geht es vielleicht in diesem Lande vorwärts. Spaß beiseite, mich schreckt die realistische Vision nicht. Gäbe es eine schwarz-gelbe Regierung, dann wissen wir wenigstens wo wir dran sind. Die Leute im Bundesministerium für Arbeit und Soziales bleiben doch die gleichen. Jetzt sind schließlich gerade dabei, dass einzig kleine positive Lichtlein, nämlich die „unabhängige Teilhabeberatung“, komplett kaputt zu machen. Solange ein Herr Doktor Schmachtenberger und ein Marc Nellen, sowie andere in diesem Ministerium arbeiten, solange werden behinderte Menschen immer ärmer und rechtloser gemacht. Ich will es deutlich sagen, ich verachte diese Beamten und nach meiner Auffassung von Gerechtigkeit gehörten sie alle vor Gericht gestellt. Ein Doktor Schmachtenberger, der selber einer Randgruppe angehört, und dermaßen brutal und eiskalt mit freundlichem Gesicht Kürzungen und Heimeinweisungen veranlasst, mit allen Tricks Politiker und möglicherweise seine Staatssekretärinnen und Bundesministerin bewusst anlügt, den halte ich für einen Menschenverachter. Wenn schwarz-gelb kommt, dann kann es eigentlich kaum schlimmer werden, sondern nur eindeutiger! #NichtmeinGesetz
Von Arnold
Es ist doch egal welche Farbe der Farbkasten hat . Leider ist es doch so das keiner in unserer Regierung weiß ."Was Menschen mit Beeinträchtigungen sind ? " Es gibt laut Gesetz :" Behinderte Menschen " unsere Regierung diskriminiert Behinderte Menschen ,weil laut denen Ihrer Aussage . " Die einen wählen dürfen und die aandern nicht " obwohl alle Menschen gleich sind und auch gleich zu behandeln sind ,leider in Deutschland nicht .Auf meine Frage an alle Partzeien ."Habt Ihr Euer Wahlprogramm in Leichter Sprache ,waren einige sofort da und haben es auch mitgeteilt ,nur die regierende Partei CDU/CSU haben kein Programm in Leichter Sprache . Auch Menschen mit Behinderungen müssen verstehen was unsere Parteien wollen ,versprechen und sich nie dran halten . Wer kann mir als behinderter Mensch eine Antwort geben .Danke an die Feiglinge die den Mut haben und auch zu geben UN BRK zwar unterschrieben und um setzen tun wir Sie nicht .Hauptsache wir waren wichtig .