Nichterfüllte Quote und barrierefreies Kinderkarussell
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Irina Tischer
Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul
Nürnberg / München (kobinet) Die Bandbreite der Presseinformationen und Nachrichten, die täglich bei der Redaktion der kobinet-nachrichten zu Behindertenfragen eingehen, ist zuweilen äusserst groß und zeigt die vielfältigen Herausforderungen auf dem Weg zur Inklusion, aber zuweilen auch die Prioritäten verschiedener Akteure auf. Am heutigen Tag der Arbeit erregte beispielsweise die Nachricht aus Nürnberg, dass mehr als 60 Prozent der Arbeitgeber in Bayern nicht genug schwerbehinderte Menschen beschäftigen und dafür Ausgleichsabgabe zahlen müssen, genauso die Aufmerksamkeit von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul für diesen Kommentar, wie die Presseinformation des bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales über ein barrierefreies Karussell auf dem Frühlingsfest in München.
Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, beschäftigen mehr als 60 Prozent der Arbeitgeber in Bayern nicht genug schwerbehinderte Menschen - und müssen deshalb rund 113 Millionen Euro Ausgleichsabgabe zahlen. Mehr als 16.000 Unternehmen aus dem öffentlichen und privaten Bereich kamen dem Bericht zufolge 2017 ihrer Beschäftigungspflicht nicht oder nicht ausreichend nach. Rund 7.000 Arbeitgeber beschäftigten gar keine schwerbehinderten Menschen, davon 266 aus dem öffentlichen Bereich.
Link zum Bericht in der Süddeutschen Zeitung
Wohl weniger diese Zahlen, sondern viel mehr scheint die bayerische Arbeits- und Sozialministerin Kerstin Schreyer am Tag der Arbeit aber das Münchner Frühlingsfest umgetrieben zu haben. Dort zeichnete sie ein Kinderkarussell von Schausteller Manfred Kraus mit dem Signet "Bayern barrierefrei" aus und schildert dies in einer extra versandten Pressemeldung wie folgt: "Barbie-Truck, Polizeiauto, Segelschiff – und alle Kinder können mitfahren. Über eine spezielle Rampe gelangen etwa Kinder im Rollstuhl direkt zu den Fahrzeugen. Geschultes Personal hilft beim Ein- und Aussteigen." Und weiter heißt es: "Der Staat gibt viel Geld für die Barrierefreiheit aus. Aber wir brauchen möglichst viele Partner wie Familie Kraus, die sich so tatkräftig für den Abbau von Barrieren einsetzen“, so die Ministerin. Die Schaustellerfamilie Kraus betreibt das Karussell nach Informationen der Sozialministerin schon in dritter Generation und bemüht sich seit Jahren darum, allen Kindern die Fahrt auf ihrem Karussell möglich zu machen – egal, ob mit oder ohne Behinderung. Das Kinderkarussell "Sternenland“ stammt aus den 1970er Jahren, die Orgel ist noch deutlich älter. In Sachen Barrierefreiheit ist das Karussell allerdings topmodern. Auch Kinder mit einer Behinderung können problemlos mitfahren. Mit Behindertenausweis ist die Fahrt im Übrigen kostenlos. Neben einer barrierefreien Toilette gibt es noch einen extra Wickelraum und einen überdachten Kinderwagenstellplatz.
So wichtig, schätzens- nachahmenswert das Engagement des Schaustellers und die Bemühungen für eine Inklusion von Anfang an ist, bleibt zu hoffen, dass das bayerische Staatsministerium auch dafür sorgt, dass sich das Personalkarussell in den vielen Betrieben endlich auch etwas schneller, barrierefreier und inklusiver in Richtung Inklusion dreht, so dass sie ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen. Denn bisher ist es oft eine Fahrt in einer Einbahnstraße für viele Menschen mit Behinderungen, nämlich in die Werkstätten für behinderte Menschen mit miserabler Bezahlung weit unter dem Mindestlohn oder in die Arbeitslosigkeit. Vielleicht kurbelt Bayern ja zukünftig auch das politsche Karussell etwas an, dass endlich die Ausgleichsabgabe entscheidend erhöht wird, um den Betrieben etwas auf's Fell zu rücken, die ihre Pflichtquote nicht erfüllen. Denn, wenn behinderte Menschen Löhne wie alle anderen auch bekommen und inklusiv auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten können, dann können sie und ihre Familien wie alle anderen auch das Ticket für das Karussell zahlen. Und wenn die Prioritäten im Bayerischen Staatsministerium noch besser zurecht gerückt werden, dann, ja vielleicht dann, rückt man auch hier endlich davon ab, nicht weiter Millionen von Euro in Sonderwelten, sondern in inklusive Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten zu stecken.

Von ZORRO
"DIE ROTE LATERNE"
"Derzeit erfüllen nur 710 von 4.339 Arbeitgebern mit mehr als 20 Beschäftigten die gesetzliche Quote. In keinem anderen Bundesland liegt die Quote so niedrig wie in SACHSEN-ANHALT." Das sind nach eigener überschlägiger Berechnung (ohne Gewähr!)
• 83 ⅓ Prozent, die Quote nicht erfüllen!
• 16 ⅔ Prozent, die diese Quote erfüllen.
https://rollingplanet.net/sachsen-anhalt-bleibt-schlusslicht-bei-beschaeftigung-von-schwerbehinderten/
Und wer zahlt die Ausgleichsabgabe? Der Unternehmer? Im Prinzip ja, aber nur auf dem Papier: Bei einem mal angenommenen Steuersatz von 40 Prozent kann er sie ganz legal zu 40 Prozent bei Olaf Scholz von der Steuer absetzen - und zwar in voller Höhe. Sehe diese "Steuergeschenke" als Wettbewerbsverzerrung an ggü. den Unternehmen, die die Quote erfüllen. Wo bleibt da die Ausgleichsfunktion?