35 Jahre Krüppeltribunal

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Bild vom Krüppel-Tribunal von 1981
Bild vom Krüppel-Tribunal von 1981
Bild: omp

Bochum (kobinet) "Initiativen für ein 'Gedächtnis der Behindertenbewegung': 35 Jahre Krüppeltribunal – 10 Jahre Behindertenrechtskonvention", so lautet der Titel eines Workshops, der heute an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum stattfindet. Je länger die Anfänge der Behinderten- und Krüppelbewegung zurückliegen, desto dringlicher stelle sich die Frage, wie deren Geschichte gesichert werden kann für die Forschung, für Anliegen des Empowerments und nicht zuletzt dafür, Anregungen für aktuelle behindertenpolitische Positionen zu geben, heißt es in der Einladung.

"Inzwischen gibt es erfreulicherweise einige Initiativen, die Archive aufbauen, thematische Sammlungen erstellen und Bestände sichern von Zeitschriften, Unterlagen, Filmen und Interviews. Diese Aktivitäten sollen erweitert werden, um noch ungesicherte Bestände zu erhalten. Der Workshop versteht sich als Vernetzungstreffen und will möglichst viele Leute miteinander ins Gespräch bringen, die bereits an der Sicherung der Geschichte der Behinderten- und Krüppelbewegung beteiligt sind oder sich dafür interessieren", heißt es in der Ankündigung.

Gerade auch im Lichte der vielfältigen Aktivitäten für ein gutes Bundesteilhabegesetz der letzten Monate stelle sich ebenfalls die Frage, wie diese Dokumente gesichert und deren Ideen für weitere Aktivitäten genutzt werden könne, betonte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul, der an der abschließenden Podiumsdiskussion der heutigen Veranstaltung teilnimmt.

Im Dezember 1981 fand in Dortmund das "Krüppeltribunal" als Protestveranstaltung gegen das "Internationale Jahr der Behinderten 1981" statt. Damals wurden die Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat angeprangert: in Heimen, in Werkstätten, bei der Mobilität oder in der Psychiatrie. "Die Aussagen des seinerzeitigen Tribunals sind leider noch erschreckend aktuell", erklärte Dr. Sigrid Arnade.

Lesermeinungen zu “35 Jahre Krüppeltribunal” (4)

Von G. Kellermann

Die Gesellschaft hat sich verändert und die Situation behinderter Menschen ist auch eine andere als früher trotz der nach wie vor prekären Lebensbedingungen von manchen Menschen.

Insofern ist es klar, dass die Behindertenbewegung sich verändert hat. Aber sie hatten sehr wohl Biss, z.B. nicht nur die Ankett-Aktion, sondern auch das Aufstellen von Plakaten im Rahmen einer Einzelaktion (?) wie "Weniger möglich machen, mehr behindern", das Erstürmen der Bühne bei einer politischen Fachtagung durch Dr. Arnade und Krauthausen, die Badeaktion von blinden und sehbehinderten Menschen in der Spree, die Käfig-Aktion usw. In diesen Aktionen sehe ich doch viel Witz und Humor, und es wurde eine Medienpräsenz erreicht, die die Erwartungen übertroffen hat. Die sozialen Medien wie Facebook und Twitter machen es einfacher, Menschen zu mobilisieren.

Ich war gestern auch auf der Veranstaltung und fand sie sehr spannend, vor allem durch die Rückblenden in Form von Video- und Bildmaterial, in Rede- und Publikumsbeiträgen.

Ich finde es wichtig, die Erinnerungen an damals wach zu halten, denn sie sind Motivation für die heutige Generation, in ihrem Kampf um die Menschenrechte nicht nachzulassen. Es waren nicht viele Veteran*innen der damaligen Krüppelbewegung da, aber doch genug und viele andere Menschen, die damals nicht dabei waren und gestern beeindruckt werden konnten.

Und um das auch mal festzuhalten, finde ich, dass Verena Bentele von manchen behinderten Menschen für ihre angeblich zu moderate Haltung zu Unrecht kritisiert wird. Angesichts ihrer schwierigen Position vertritt sie die Rechte behinderter Menschen schon sehr deutlich. Ansonsten würde sie ihr Amt gefährden und wir hätten keine Garantie, dass eine nachfolgende Person das Amt besser ausüben würde. Ich finde es erstaunlich, wie sie sich in kürzester Zeit eingearbeitet hat und ihre Rede gestern war voller Esprit (wie auch die Beiträge von diversen anderen).

Gudrun Kellermann

Von Lesebrille

Danke, Herr Dr. Theben!

@nurhessen: Der Biss ist definitv noch da!!

Aber die Welt drehte sich weiter. Heute muss keine Kreuzung mehr besetzt werden, um auf unseren Ausschluss im ÖPNV aufmerksam zu machen.

Dass vielerorts der ÖPNV, trotz anderslautender juristischer Vorgabe, immer noch nicht barrierefrei ist, is ein anderes Thema und kaum per Besetzung allein zu vermitteln.

Dennoch: Sie, unterschlagen diverse Aktionen wie das Anketten in Berlin und vieles mehr. Zurückzublicken auf die, die uns vieles erkämpft haben - ich kam ja erst später dazu - ist grossartig und ich bin dankbar für alles, was uns heute das Leben dadurch erleichtert hat.

Aber dass der Kampf deshalb nicht zu Ende ist, ist, glaube ich, jedem behinderten Menschen klar!

Auch ich wünsche einen schönen Advent! Gönnen wir unseren Beisserchen ein wenig Erholung, wir werden sie weiterhin brauchen!!!

Von Dr. Theben

Sehr geehrter @nurhessen,

da muss ich jetzt doch mal eine Lanze für die Alt- und Neuaktiven brechen. Diese sehr pauschale Kritik entwertet die zahlreichen engagierten und kreativen außerparlamentarischen Initiativen gegen das BTHG.

Ihnen einen bissigen dritten Advent

Dr. Martin Theben

Von nurhessen


Zur Krüppelbewegung:
Die heutige „Behindertenbewegung“ ist mir außer ein paar rühmlichen Ausnahmen mit Verlaub zu moderat und hat meiner Meinung nach nichts mehr mit der „Krüppelbewegung“ von 1970 bis 1980 Jahre gemein; auch wenn einige „Krüppel“ der damaligen Zeit auch heute noch aktiv und politisch oder juristisch tätig sind. Es fehlt der Widerstandsgeist, der Witz, die leise und auch laute Aggression eines Franz Christoph, der es noch 1981 wagte, den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens bei eine öffentlichen Veranstaltung unvermittelt mit seinen Krücken zu attackieren; konkret: zu schlagen!- Meiner Meinung nach ist alles – auch die „Behindertenbewegung“ – zu saturiert, zu leise, zu angepasst, zu wenig schlagkräftig im Wortsinn. Es fehlt der Biss.