Forschungspreis für seltene Erkrankungen

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Berlin (kobinet) Mit Hilfe einer Gehirn-Computer-Verbindung lernen vollständig gelähmte Menschen wieder zu kommunizieren. Das erforscht ein neurowissenschaftliches Projekt der Universität Tübingen, das mit einem Preis in Höhe von 50.000 Euro bedacht wurde. Eva Luise Köhler überreichte heute in Anwesenheit ihres Mannes Bundespräsident a.D. Prof. Dr. Horst Köhler und des Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe den nach ihr benannten Preis an Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Niels Birbaumer vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen für sein Projekt „Kombiniertes Gehirn-Maschine-Interface zur Hirnkommunikation bei Amyothropher Lateralsklerose".

Der Wissenschaftler arbeitet an einem neuen Computersystem, das vollständig gelähmten Menschen eine zuverlässige, gedankliche Kommunikation mit ihrer Außenwelt ermöglichen soll. Neuartig an dem Projekt gegenüber bereits bestehenden Brain-Computer-Interfaces ist, dass sowohl elektrische Gehirnströme, als auch die metabolische Hirnaktivität, sprich die Blutströme gemessen werden. Beide Werte werden in einem Computersystem systematisiert und sollen eine nahezu eindeutige „Hirnantwort" des Patienten ermöglichen. Das System wird zunächst an Patienten mit der seltenen Muskelerkrankung Amyotrophe Lateralsklerose erprobt, die zum Teil mehrere Jahre den kompletten Locked-In-Zustand (CLIS) erleiden: intakte kognitive Leistung, aber vollständige Lähmung und keinerlei Kommunikation mit der Außenwelt möglich.

„Natürlich ist unser Ziel, dass das System zukünftig allen Patienten zugute kommt, denen es aufgrund von Muskelerkrankungen, Gehirnschädigungen oder Gehirn-Infarkten nicht mehr möglich ist, sich zu verständigen. Der Preis ist eine wichtige Bestätigung der Güte unserer Arbeit. Noch wichtiger ist aber, dass er die öffentliche Aufmerksamkeit auf Erkrankungen bzw. Erkrankungszustände richtet, die in der Medizin und der Rehabilitation und auch oft von Patienten und ihren Angehörigen als hoffnungslos betrachtet werden. Das Computersystem heilt nicht, aber es schafft wichtige Lebensqualität, denn ohne Kommunikation ist kein Leben möglich", so Niels Birbaumer in seiner Dankesrede.

Der Eva Luise Köhler Forschungspreis wird bereits zum 7. Mal verliehen. Er ist eine Initiative der Eva Luise und Horst Köhler Stiftung in Kooperation mit der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen e.V. (ACHSE). „Mit dem Eva Luise Köhler Forschungspreis und dem Preisgeld von 50.000 Euro soll außergewöhnliche und erfolgversprechende Forschung gezielt vorangetrieben werden. Das Leiden von Betroffenen soll gelindert und ihr Alltag nachhaltig verbessert werden. Professor Birbaumer zeigt das in seinem Projekt in herausragender Weise", so Eva Luise Köhler in ihrer Laudatio zur Preisverleihung. In Deutschland leben rund 4 Millionen Menschen mit seltenen Erkrankungen. Es herrscht ein enormer Forschungsbedarf: Bisher können nur wenige 100 der 6.000 bis 8.000 Erkrankungen behandelt werden.