Kinder oder keine – entscheiden wir alleine!

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Andrea Schatz
Andrea Schatz
Bild: Rolf Barthel

Von Andrea Schatz

Berlin (kobinet) Behinderte Frauen und ihre Interessenvertretungen setzen sich seit Jahren für die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderung ein. Sie haben es erreicht, dass die individuelle Sexualität von Mädchen und Frauen mit Behinderung wahrgenommen und geachtet wird und sie zunehmend ihre Familienplanung frei und selbstbestimmt leben können. Diese erfolgreiche und hart erkämpfte Entwicklung darf nicht gefährdet werden durch die Äußerungen und Aktionen sogenannter „Lebensschützer", die einen Schwangerschaftsabbruch als unmoralische Handlung oder sogar als Mord bezeichnen und gesellschaftlich ächten wollen (jüngst beim „Marsch für das Leben" - kobinet 20.9.2014). Wachsamkeit ist geboten.

Ulrike Haase von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft selbstbestimmte Behindertenpolitik DIE LINKE tritt dafür ein, dass behinderte Frauen mit Kinderwunsch ein ungehindertes Recht und den Anspruch auf Unterstützung haben, um das Kind zu bekommen, egal ob das Kind behindert ist oder nicht. Umgekehrt darf eine behinderte Frau jedoch nicht dazu verpflichtet werden, eine ungewollte Schwangerschaft austragen zu müssen.

Damit Mädchen und Frauen mit Behinderung ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wahrnehmen können, ist ein ungehinderter Zugang zu gynäkologischer Versorgung eine wichtige Voraussetzung. Dazu gehören die Überwindung baulicher und kommunikativer Barrieren, ebenso der Abbau von Vorurteilen, von kulturellen Barrieren oder Hindernissen aufgrund unterschiedlicher Muttersprachlichkeit.

Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung – eine Initiative von Humanistischer Verband Deutschlands, Familienplanungszentrum BALANCE in Berlin, Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. und Netzwerk Frauengesundheit Berlin – warnt davor, das Recht auf freie Entscheidung dem Zeitgeist zu opfern, der unter dem Eindruck des demografischen Wandels, aufgeheizter religiöser Debatten und einer allgemeinen sozialen Krise steht. Religiöse Vorstellungen einzelner Gruppen dürften in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht zum moralischen oder gar gesetzlichen Maßstab für das Leben aller Menschen werden.

Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Menschen müssen über ihre Familienplanung selbstbestimmt entscheiden können - ohne Diskriminierungen zu erfahren. Sie müssen Unterstützung zur Wahrnehmung ihrer Rechte bekommen - unabhängig von ihrer Herkunft, sexuellen Orientierung oder sozialen, ökonomischen und gesundheitlichen Situation.

Ulrike Haase bekräftigt die Forderung des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung nach der ersatzlosen Streichung des § 218 aus dem Strafgesetzbuch. Denn durch Kriminalisierung von Frauen, die eine ungewollte Schwangerschaft abbrechen, würde weder ein behindertes Kind noch eines ohne Behinderung mehr geboren.

Statt dessen sind Politik und Gesellschaft aufgerufen, die notwendigen Rahmenbedingungen für ein Leben zu schaffen, in dem alle Frauen - mit und ohne Behinderung - ihre jeweilige Sexualität und ihre vielfältigen Familienmodelle leben können.

Lesermeinungen zu “Kinder oder keine – entscheiden wir alleine!” (11)

Von Sven Drebes

Hallo Magö,

lesen Sie mal Singers "Muss dieses Kind am Leben bleiben" und "Praktische Ethik. Wie Dagmar B schon geschrieben hat, bewegt er sich zwar immer im Rahmen der Legalität und schreibt / sagt nie direkt, dass man Babys mit bestimmten Behinderungen töten soll. Vielmehr argumentiert er, dass es aus ethischer Sicht für alle Beteiligten besser ist bzw. sein kann, wenn man es tut. Reicht das?

Von तत त वमस

Aus dem Text von Frau Schatz mit der Nennung verschiedener Bündnisse geht es ja um Sexuelle Selbstbestimmung. Eine Legimitation von Abtreibung, zwecks Familienplanung wird nicht genannt. Ferner hält sie einen Schwangerschaftsabbruch weder für unmoralisch, noch für Mord!!
Was bitte ist es denn dann? Ausversehene Tötung? Oder weil es ja ungewollt zur Schwangerschaft kam ?! moralisch unbedenklich?
Natürlich soll jede Frau das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob sie das Kind zur Welt bringen möchte, oder nicht. Sie hat sich ja auch in den allermeisten Fällen zum ungeschützten Sex entschieden.
Wie hoch ist denn der prozentuale Anteil von Vergewaltigungen? Gibt es da eine Statistik?
Folgerichtig heißt es auf der Homepage des Familienplanungszentrum Balance: "mein Körper, meine Entscheidung, meine Verantwortung".
Ok, also hat der Mann gar nichts zu melden! Schließlich ist es ja "ihr Körper"!
Das mit der Verantwortung ist deshalb interessant, weil die betreffende Dame tatsächlich eines Tages zur Verantwortung gezogen wird - nämlich vor ihrem eigenem Kind, dessen Leben sie evtl. verweigerte.


Von Dagmar B


Hallo Magö

Um Peter Singer zu kritisieren und in Frage zu stellen,braucht man nun wirklich kein militanter Lebensschützer sein,genausowenig muß man Peter Singer und Konsorten gut finden,um Mißstände in Behinderteneinrichtungen zu kritisieren.

Aber stimmt,Kinder zu töten fordert Singer nicht,er stellt lediglich ihr Lebensrecht in Frage.
Mir jedenfalls wird von seinen Gedankengängen schlecht.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gespraech-mit-peter-singer-nicht-alles-leben-ist-heilig-a-169604-2.html



Von Magö

Liebe Mit-Behinderte, mir ist leider die Stelle entgangen, an der diese Dame hier Abtreibung für ein legitimes Instrument der Familienplanung hält. Leider ist mir auch die Stelle entgangen, an der Peter Singer die Tötung geistig Behinderter fordert. Ich fände es toll, wenn ihr mir die entsprechenden Stellen nennen könntet, alles Andere ist Hetze und strafbare Verleumdnung. Ich meinerseits habe keine Lust, mich mit den Lebensschützern in einspannen zu lassen. Sind das nicht die katholischen Priester, die sich oft genug an Kindern ergangen haben, gibt es nicht zahlreiche Wohnheime solcher Organisationen, in denen Menschen - vor allem Frauen - mit geistiger Behinderung teils jahrelang sexuell mißbraucht wurden? Profitieren Organisationen wie die Caritas nicht enorm durch Behinderten-Werkstätten und co. von der Seperation Behinderter von der Gesellschaft?

Euer Magö

Von Dagmar B

Präferenzutilitarismus aller Peter Singer sortiert Lebewesen in Personen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4ferenzutilitarismus
Zitat:
Der Begriff Person umfasst hier alle ihrer selbst bewussten Wesen, unabhängig von der Spezies.Singer meint damit zum Beispiel ausgewachsene Menschen und Menschenaffen, sofern keine geistige Beeinträchtigung vorliegt.
Zitat Ende
Peter Singer ist der Ansicht,das alle Lebewesen,die nach seiner Ansicht keine Personen sind getötet werden können.
Das trifft seiner Ansicht nach auch auf Säuglinge und geistig behinderte Menschen zu.
Er ist der Ansicht,das ein ausgewachsenes Schwein mehr Lebensrechte hat,als Säuglinge oder geistig behinderte Menschen.
@Frau Haberland

Es nutzt da garnix ,sich bei der Lektüre von Singer auf seine geschickten Relativierungsversuche zu begrenzen.......

Von Sven Drebes

Meines Wissens vertritt Peter Singer immer noch die Meinung, dass Menschen mit bestimmten (meist geistigen) Behinderungen kein Lebensrecht hätten und deshalb auch innerhalb einer gewissen Zeit nach der Geburt getötet werden könnten (oder sollten). So lange er das aufrecht erhält, gilt seine unten zitierte Forderung, behinderten Menschem Teilhabe zu verschaffen, nur für diejenigen, die er (!) für nützlich hält. Das hat weder was mit Inklusion noch mit Menschenwürde zu tun.

Von तत त वमस

Bemerkenswert ist bei einigen Kommentaren, daß diese mit der 1.Person Singular begonnen, und im Text in die 3.Person Plural gewechselt wird. Diese Herrschaften meinen also, sich zum Führsprecher für andere zu etablieren.
Wenn also die Gesellschaft so hochentwickelt ist, warum gibt es dann z. B. keine Sterbeurkunde für alle Ungeborenen, abgetriebenen Kinder? Und warum bekommen diese keine Eintragung ins Familienstammbuch? Und warum keine Bestattung?

Von Sylvia Haberland

Ich habe lange überlegt, ob ich auf die Beiträge zum Artikel von Andrea Schatz reagieren möchte. Aber mir tun sich zu viele Fragen auf. Wir führen in einer sozialdemokratischen, freiheitlichen, hochentwickelten Gesellschaft nicht wirklich Diskussionen darüber, ob eine Frau für einen Schwangerschaftsabbruch strafrechtlich belangt und gesellschaftlich geächtet werden sollte?? Wo Gott fehlt, da schläft jeder mit jedem? Was ist das denn? Und an welcher Stelle hält Frau Schatz Abtreibung für ein adäquates Mittel der Familienplanung und für eine frauenfreundliche Verhütungsalternative?
Zu Peter Singer empfehle ich als Lektüre folgenden Auszug aus einem seiner Bücher:„Wir meinen (…), daß die reichen Nationen sehr viel mehr tun sollten, um behinderten Menschen ein erfülltes, lebenswertes Leben zu ermöglichen und sie in die Lage zu versetzen, das ihnen innewohnende Potential wirklich auszuschöpfen. Wir sollten alles tun, um die oft beklagenswert schlechte institutionelle Betreuung zu verbessern und die Dienstleistungen bereitzustellen, die behinderten Menschen ein Leben außerhalb von Institutionen und innerhalb der Gemeinschaft ermöglichen“

Von Sven Drebes

Ich habe vor einigen Wochen schon mal versucht zu verdeutlichen. dass man durchaus gegen Selektion durch Spätabtreibungen und für das Recht der Frau auf Schwangerschaftsabbruch sein kann. Dem Problem der Eugenik kommt man mit einem Abtreibungsverbot nicht bei. Dafür muss sich, bzw. müssen wir, das noch immer weit verbreitete defizit-orientierte Bild von behinderten Menschen ändern. Das wird übrigens auch von der Bibel befeuert. Immerhin wird darin unter anderem geschildert, das Jesus Blinde zum Sehen und Lahme zum Gehen gebracht hat.

Von तत त वमस

Im Grunde hat die Dame ja Recht mit ihrer Forderung, den § 218 zu streichen. Denn dieser ist das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt ist: dermaßen aufgeweicht und verwässert wie er inzwischen ist. De facto hat keine Frau irgendeine Strafe zu erwarten, bestenfalls ihre Gewissensbisse, und schlimmstenfalls eine Gefährdung ihrer Gesundheit. Wo Gott fehlt, ist doch mittlerweile eh alles erlaubt. Da schläft eben jeder mit jedem, ob behindert, oder nicht ist doch nebensächlich. Entscheidend ist doch die "Sexuelle Selbstbestimmung". Auch schon für Mädchen, wie es ja im Wortlaut heisst. Und wenn die Aufklärung an der infantilen Gesellschaft vorbeigegangen ist, wird die schwangere Dame, bzw. das Mädchen mit offenen Armen von entsprechenden Institutionen, wie Beispielsweise "Pro Familia" aufgefangen. Der Mann - oder Junge, wird natürlich komplett ausgeklammert. Alles im Namen der Familienplanung. Wenn Sie sich da mal nicht verplant haben, Frau Haase!

Von Dr.Treznok

Dass ich diesen Artikel bei kobinet lese erschreckt mich.
Frau Schatz hält Abtreibung für ein adäquates Mittel der Familienplanung und für eine frauenfreundliche Verhütungsalternative. Damit zeigt sie ihre Verachtung gegenüber den tatsächlich durch Schwangerschaft in Not geratenen Frauen.
Dass Abtreibung das Hauptinstrument der Eugenik ist, das verschweigt sie. Daran tut sie gut, unterstützt sie doch ein Bündnis, an dem auch die Organisation beteiligt ist, die vor etwas mehr als drei Jahren Peter Singer einen Ethik-Preis verliehen hat.
Spätestens hier hätte kobinet stützig werden müssen. Hat man diese skandalöse Preisverleihung inzwischen vergessen? Oder hält kobinet das inzwischen gut?
Am Rande: der damalige Bundes-Behindertenbeauftragte Hubert Hüppe wurde als Teilnehmer der von Frau Schatz diffamierten Demonstration Opfer von Beschimpfungen, Beleidigungen sowie eines Farbbeutels. Hubert Hüppe war damals einer der wenigen Politiker, die ganz klar Stellung bezogen haben gegen die Preisverleihung an Singer.