Sensibilisieren, um Bedürfnisse besser kennen zu lernen
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Eli Osewald
Frankfurt (kobinet) Eli Osewald möchte in ihrer Tätigkeit als Inklusionsbotschafterin im Rahmen eines von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) durchgeführten und von der Aktion Mensch unterstützten Projektes Menschen mit und ohne Behinderungen dafür sensibilisieren, sich gegenseitig mit ihren Bedürfnissen besser kennen zu lernen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der Frankfurterin über ihre Ziele und Aktivitäten als Inklusionsbotschafterin.
kobinet-nachrichten: Sie setzen sich als Inklusionsbotschafterin für die Umsetzung der Inklusion ein. Was ist dabei für Sie besonders wichtig?
Eli Osewald: Ich möchte gerne Menschen mit und ohne Behinderung dafür sensibilisieren, sich gegenseitig mit ihren Bedürfnissen besser kennen zu lernen. Ich möchte vermitteln, dass sie sich gegenseitig ansprechen können und dürfen, ohne zu große Ängste vor der Antwort zu haben. Denn natürlich gibt es auch unangenehme, patzige Antworten. Aber selbst dann, sollten wir uns alle nicht davon abschrecken lassen, wieder zu fragen. Und das versuche ich zu leben. Ich bin nahezu blind und berufstätig. Werde ich bei der Arbeit im Flur oder auf dem Weg zur Arbeit angesprochen, so halte ich an und nehme mir kurz die Zeit, auch zu antworten. Das finde ich bei fragenden Kindern: "Warum hast Du den Stock?" genau so wichtig, wie bei KollegInnen, die durch ihre Frage meistens Hilfe anbieten. Und ich reagiere, auch wenn ich diese Hilfe nicht benötige, denn es könnte ja sein, dass ich sie in einer anderen Situation sehr wohl benötige. Dieses bisschen Zeit nehmen, wünsche ich mir von der Gesellschaft, die durch Druck leider sehr geprägt ist.
kobinet-nachrichten: Eine Ihrer Missionen ist die schulische Inklusion und die Aufklärung zum Thema Behinderung von Anfang an. Was haben Sie vor beziehungsweise bereits unternommen?
Eli Osewald: Aus der Erfahrung heraus, die ich mit meinen sehenden Kindern an der Schule gemacht habe, weiß ich, wie wissbegierig Kinder sind. Ich wurde viel auf dem Schulhof von den Kids angesprochen. Auch wurde ich von Grundschulen, wie auch von einer weiterführenden Schule in den Unterricht eingeladen, um aus meinem Leben mit nahezuher Blindheit zu berichten und Fragen zu beantworten. Und so kam die Idee, diese Besuche aktiv den Schulen anzubieten. Einen solchen Schulbesuch habe ich in diesem Jahr in einer 2. Klasse gemacht, die im Sachunterricht die Sinne behandelten. Und nun habe ich mein Angebot dem staatlichen Schulamt Frankfurt zugemailt, leider aber noch keine Antwort bekommen. Doch das schreckt mich nicht ab. Wenn mir das Amt keine Unterstützung in puncto Kontakt-Aufnahme zu den Schulen bieten kann oder möchte, werde ich eben selbst die Schulen über die Schulleiter/innen kontaktieren. Und vielleicht spricht sich solch ein Angebot dann auch herum, das wünsche ich mir.
kobinet-nachrichten: Sie sind aber auch sportlich in Sachen Showdown unterwegs. Worum geht es da und wie sehen Sie hier die inklusive Wirkung dieser recht neuen Sportart?
Eli Osewald: Showdown, auf deutsch auch Tischball, ist ursprünglich für blinde und sehbehinderte Sportinteressierte entwickelt worden. Es ist eine Mischung aus Tischtennis und Airhockey und wird nach Gehör gespielt. Alle Spielenden tragen zur Chancengleichheit eine Dunkelbrille. Viele Berichte und auch optische wie akustische Beiträge sind gebündelt auf unserer deutschlandweiten Homepage zu finden: www.showdown-germany.de
Das Spiel ist in seinen grundlegenden Regeln sehr schnell erlernbar, so dass wenig Trainingszeit notwendig ist, um locker mitspielen zu können. Eine blinde Person hat möglicherweise anfangs Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie der Ball mit dem Holzschläger geschlagen werden muss, um den Ball auf die gegnerische Seite genau platziert zu spielen. Sehende haben meist zu Beginn die Schwierigkeit, sich auf das Hören des Balles einzulassen, abzuwarten, bis der Ball hörbar auch wirklich in der eigenen Reichweite ist. So haben beide Gruppen zu Beginn ihr Handicap, aber auch die Möglichkeit, an sich und ihrer Wahrnehmung an der Tischball-Platte zu arbeiten. Das ist eine gemeinsame Erfahrung, von der beide Seiten profitieren können. Denn diejenigen, die sehen, können den Nichtsehenden die Handhaltung und die zu spielenden Winkel zeigen und erklären. Die Blinden können neben den Sehenden stehen und ihnen am Anfang ansagen, auf welcher Seite der Ball auf sie zu rollt, um ihnen beim Orten Unterstützung zu bieten. Und so ist ein gemeinsames Spiel, ein gemeinsames Ausüben eines Sportes möglich. Das ist Inklusion, wie sie in einem Sportverein nicht besser gelebt werden kann, finde ich.
kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche in Sachen Inklusion frei hätten, welche wären dies?
Eli Osewald: Hm, das finde ich eine schwierige Frage, denn in welche Richtung soll ich sie beantworten. Welche zwei Wünsche sollte ich äußern? Es gibt so vieles, das hier zu sagen wäre. Ich wünsche mir natürlich die Aufgeschlossenheit, sich zu trauen, sich mit der Situation und Bedürfnissen anderer auseinander zu setzen, ohne dabei neidisch oder eifersüchtig zu werden auf das, was eine andere Person hat und kann. Denn selbst wenn man das Eine nicht so gut kann, so hat man doch selbst viele Qualitäten, die man nutzen und leben kann. Das sind aber ziemliche Allgemein-Floskeln, die mir trotzdem sehr wichtig sind und die auch in der Inklusion oft noch fehlen.
Und konkret für meine Projekte wünsche ich mir für Showdown mehr sehende Interessenten, die die Position eines Trainers, eines Schiedsrichters, aber auch eines Mitspielers einnehmen. Denn Turniere können nur von Sehenden geschiedst werden. Die Trainer-Arbeit sollte von Blinden und Sehenden gemeinsam gemacht werden. Und weil der erste Wunsch sehr allgemein formuliert ist, erlaube ich mir, einen dritten Wunsch zu äußern: Ich wünsche mir für mein Schulprojekt nun natürlich Offenheit und Interesse der Schulen, damit ich das den Kindern näher bringen kann, was sie für die Zukunft vielleicht ein kleines bißchen mutiger macht, mit Menschen mit Behinderung umzugehen.
kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg.
