Tallinn mit Rollstuhl erfahren
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
Bild: Hartmut Smikac
Von kobinet-Korrespondent Hartmut Smikac
Tallinn (kobinet) Das im Jahr 1230 gegründete und am Finnischen Meerbusen liegende Tallinn, das auch unter dem deutschen Name "Reval" bekannt wurde, ist die Hauptstadt der Republik Estland. Die Stadt war seit ihrer Blütezeit in der Hanse Kreuzung der Handelswege an der Ostsee. Die auf Salz gegründete Stadt ist schon immer schnell gewachsen. So haben Dänen, Deutsche, Schweden, Polen und Russen versucht, Tallinn ihrem Herrschaftsgebiet einzuverleiben.
Die Altstadt von Tallinn ist so erhalten, wie sie früher war und steht deshalb mit voller Berechtigung seit 1997 in der UNESCO-Liste der Weltkulturerbe. Tallinn ist zugleich eine moderne Stadt mit einem internationalen Flughafen, Hochhäusern, modernen Straßen, die immer voller moderner Autos sind, neuen Hotels, Restaurants, Museen, Theater sowie vielen kleinen Geschäften, Kaufhäusern und Supermärkten.
Das historische Herz Tallinns ist die mittelalterliche Altstadt mit ihren Giebelhäusern und gotischen Türmen. Ihr ältester Teil ist der Domberg, auf dem einst eine dänische Burg stand sowie dann das Schloss, der Dom und mehrere Häuser reicher Bürger gebaut wurden. Der Besuch des Domberges ist auch für mobilitätseingeschränkte Gäste sowohl wegen der Sehenswürdigkeiten auf dem Domberg wie auch der dortigen Aussichtspunkte ein "Muss". Wer den Berg mit Rollstuhl besucht, sollte aber auf Steigungen und Gefällestrecken vorbereitet sein. Auf den Wegen zu den Aussichtspunkten gibt es, wie an den Fußwegen, Schrägen, dennoch ist es für Rollstuhlnutzer hier nicht problemlos - fast alle Straßen und Wege bieten nur historisch altes und recht holpriges Kopfsteinpflaster.
Die Unterstadt von Tallinn war eine bis in das 19. Jahrhundert hinein eine von der Oberstadt getrennte Stadt. Ihr Bild wird vor allem von dem vom Beginn des 15. Jahrhundert stammende älteste Rathaus des Baltikum, den Marktplatz sowie der Rathausapotheke, der ältesten Apotheke Europas, bestimmt. Tallinns Unterstadt ist ein Labyrinth enger Gassen, die sich zu größeren Anteilen als die Oberstadt auch mit Rollstuhl befahren lassen. Unweit des Rathauses ist das kleinste Haus der Stadt zu bewundern. Ganz in seiner Nähe steht die gotische Heiligengeistkirche, welche ihr Gestalt aus dem 14. Jahrhundert bewahrt hat und mittels Schräge auch für Besucher mit Rollstuhl, nach dem Überwinden eines Absatzes an der Türaußenseite, zugänglich ist. Auch das Büro der Touristinformation in der Unterstadt ist mittels Schräge zugänglich. Besonders in der Unterstadt gibt es viele Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants. Zudem schließen sich an die Unterstadt viele Parks an.
Im Stadtteil "Pirita" steht der 314 Meter hohe Fernsehturm. Von der in 170 Meter Höhe befindlichen Gaststätte hat man einen unbehinderten Blick über diese Stadt - und das kann auch ein Besucher mit Rollstuhl. Unmittelbar am Fernsehturm stehen Behindertenparkplätze zur Verfügung. Die Wege zum Fernsehturm und zum Fahrstuhl sind ebenerdig und auch das Restaurants ist ohne Barrieren zugänglich.
In diesem Stadtteil laden zudem der Botanische Garten sowie die Ruine des Brigittenklosters zu einem Besuch ein. Für mobilitätseingeschränkte Besucher ist ebenfalls die Pirita-Promenade von Interesse. Dere zwei Kilometer lange asphaltierte Weg führt entlang der Küste zwischen den Stadteilen Kadriorg und Pirita und ist bei Fußgängern, Radfahreren und Skatern beliebt. Unbedingt sollte man sich auch Zeit für den Besuch der Sängerfestwiese nehmen, die hier am Rande des Stadtteils Kadriorg befindet.
Hier begann im Jahre 1988 die "Singende Revolution" und hier finden seit 1959 alle fünf Jahre die Estnischen Sänger- und Tanzfeste statt, zu denen dann mehr als 30.000 Künstler und 200.000 Zuschauer zusammenkommen. Am Eingang zur Festwiese stehen Behindertenparkplätze zur Verfügung. Die Bühne steht in einem relativ tiefen Tal und der Weg dorthin führt über stark abfallende Wege, für welche Schiebehilfe erforderlich ist. Zugleich ist vom oberen Rand des Geländes ein guter Überblick möglich und die Plätze hier sind auch ohne Hilfe erreichbar.
Im Februar 2006 wurde das Estnische Kunstmuseum in Kadriorg eröffnet. Sowohl Schloss als auch der Park Katharinental sind für Rollstuhlnutzer zugänglich. So sollte man ein Besuch in diesem Schloss wie auch ein Spaziergang im Park undbedingt auf seinen Besuchsplan schreiben.
Bei einem Besuch in Tallinn gibt es auch für mobilitätseingeschränkte Besucher noch vieles mehr zu entdecken und zu erleben. Da wäre zum Beispiel das zwischen Altstadt, dem Hafen und dem Viru-Platz gelegene Rotermann-Viertel zu nennen. Dieses ehemalige Industrieviertel hatte sich im 19. Jahrhundert rasch entwickelt und zeigt nun, wie derartige Viertel neue Funktionen erhalten. Auch die Straßen mit den traditionellen Holzhäusern sollte man ebenso wenig vergessen wie die vielen Museen dieser Stadt oder den auch für Rollstuhlnutzer zugänglichen Zoo.
