Behinderte Kinder in Bayern eingesperrt, isoliert und fixiert
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: BR
München (kobinet) Behinderte Kinder hinter verschlossenen Türen - "eingesperrt, isoliert, fixiert." So titelt der Bayerische Rundfunk die Ergebnisse seiner Recherchen im heutigen Tagesthema des Senders, wonach Kinder mit geistiger Behinderung in bayerischen Heimen freiheitsbeschränkenden Maßnahmen ausgesetzt sind. Mit dem Zitat: "Sitze hier im ICE mit Gänsehaut und feuchten Augen" hat der Inklusionsbotschafter Aleksander Knauerhase, der sich u.a. für die Menschenrechte von AutistInnen einsetzt, die kobinet-nachrichten per Twitter auf den erschütternden Bericht aufmerksam gemacht.
Ab 21.00 Uhr sendet das Bayerische Fernsehen heute am 6. April eine Reportage über die Menschenrechtsverletzungen in der Sendung "Kontrovers - Die Story". Zunächst hatte das bayerische Sozialministerium dem Bericht des Bayerischen Rundfunks zufolge "bestritten, dass geistig behinderte Kinder in bayerischen Heimen eingesperrt werden. BR-Recherchen beweisen das Gegenteil. Heute Mittag reagiert die Ministerin, korrigiert die Einschätzung ihres Hauses und mehr noch: Sie bestellt für morgen die Vertreter der Aufsichtsbehörden der Heime zum Rapport ins Ministerium."
Link zum Radiobericht und weiteren Informationen des Bayerischen Rundfunks

Von Bir
Siehe ebenfalls:
"Die Hölle von Ückermünde", alle drei Teile der Doku sind bei youtube zu finden.
Ich möchte wissen, ob es die Hölle von Ückermünde heute noch gibt.
Die Hölle von Ückermünde fällt unter das Landesrecht, unter anderem die Heimaufsicht von Mecklenburg-Vorpommern.
Frau Marianne Buggenhagen hat zwar die Patenschaft für einen barrierefreien Kahn in ihrer Geburtsstadt Ückermünde vor Jahren übernommen. Von einer Empörung der Frau Buggenhagen über die Zustände in der Hölle von Ückermünde (Landespsychiatrie) war indes nie etwas öffentlich zu vernehmen.
Zynisch lässt sich so auch sagen:
Barrierefrei neben der Hölle von Ückermünde segeln, denn es ist ein Segelschiff, für das Frau Paralympicsiegerin und mehrfache DDDR-, Europa- und Weltmeisterin M. Buggenhagen die Patenschaft inne hat.
Die Einen (Behinderten) feiern eben ab, während die Anderen (ebenfalls Behinderten) in der Psychiatrie weggesperrt sind.
Von rosifi
Das das Bayer. Sozialministerium von nichts weiß, ist schon klar. Auch in Schulen gibt es diese Time-out-Räume. Und die werden zwar nicht mit einem Schlüssel abgesperrt, aber von außen zugehalten. Wo ist da der Unterschied? In den Heimen ist es sehr wohl der Fall, dass Eltern dazu "überredet" werden, dass man das behinderte erwachsene Kind im Zimmer einsperrt. Und die stimmen vor Angst, dass ihr Kind bei einer Ablehnung die Konsequenzen tragen müssen, natürlich zu. Wie sich jemand durch Wegsperren beruhigen soll, ist mir rätselhaft, die Menschen benötigen gerade dann Zuwendung, Geduld, Ablenkung und man muss auch in Betracht ziehen, dass Unruhe und Schreien auf körperliche Schmerzen zurückzuführen ist. Eine Ursache findet man meist, wenn man sich die Mühe macht. Einsperren ist natürlich einfacher. Solange, bis die Gepeinigten erschöpft sind. Das ist seelische Grausamkeit und hat mit Pädagogik nichts zu tun.
Von Inge Rosenberger
Natürlich sind diese Bedingungen nicht nur in Bayern, sondern ganz ziemlich auch in anderen Bundesländern zu finden. Und diese Bedingungen sind nicht nur in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche zu finden, sondern ziemlich sicher auch Einrichtungen für geistig behinderte Menschen im Erwachsenenalter!
Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die aktuelle Aufregung und Empörung nach einigen Tagen oder Wochen abflaut und dieses so wichtige Thema wieder in die Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Diese Situationen machen mir wirklich Angst. Angst, wie es denn in anderen Einrichtungen zugehen mag, aus denen - zumindest im Moment - nichts nach außen dringt, weil die dort wohnenden Menschen zu schwer behindert sind, um sich zu wehren. Oder weil die Eltern und Angehörigen nach Jahren der Betreuung und Pflege keine Kraft mehr haben, um mit der nötigen Hartnäckigkeit gegen die ganz sicher bestehenden Missstände vorzugehen.
Denn wenn die Aufsichtsbehörden auch künftig nicht genauer hinschauen, dann wird sich nie etwas ändern.
Wegen fehlender Alternativen zur üblichen Heimunterbringung und mangels guter Wohnmöglichkeiten habe ich vor knapp vier Jahren die "Interessengemeinschaft Inklusives Wohnen" - http://www.ig-inklusives-wohnen.de/ - gegründet. Wir Eltern streben für unsere schwerstbehinderten Töchter und Söhne das Leben außerhalb der üblichen Heimunterbringung an.
Nur mit ehrenamtlichem Engagement ist das allerdings nicht zu schaffen, so dass wir die geplante Betreuung in einer ambulant betreuten Wohngruppe inzwischen mit anwaltlicher Hilfe (diese kompetente juristische Unterstützung kostet aber auch viel Geld) beantragen und durchsetzen. Wir bleiben auf jeden Fall dran!
Von ockis
Das Sozialministerium weiß von nichts
Erstaunlich: Das Bayerische Sozialministerium bestreitet, dass Kinder oder Jugendliche mit geistiger Behinderung in bayerischen Einrichtungen eingesperrt werden. In der Antwort auf eine schriftliche Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Alexandra Hiersemann, die BR Recherche vorliegt, heißt es wörtlich:
"Kinder oder Jugendliche mit Behinderung werden nicht in Zimmern oder Time-Out-Räumen eingesperrt. Die Herausnahme eines Kindes aus der Gruppe oder das Verbringen in eine reizarme Umgebung, das kann das eigene Zimmer oder ein sogenannter Time-Out-Raum sein, dient etwa bei stark erethischem Verhalten (motorische Unruhe, leichte Erregbarkeit) zur Beruhigung. Die Zimmer werden dabei nicht abgesperrt."
Antwort Bayerisches Sozialministerium
http://www.br.de/nachrichten/kinderheime-bayern-zwangsmassnahmen-fixierung-100.html
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Auf der Seite von Alexandra Hiersemann SPD kann man den Antwortbrief des Bayerisches Sozialministerium komplett lesen:
http://www.alexandra-hiersemann.de/?p=638
Kompletter Antwortbrief:
http://www.alexandra-hiersemann.de/wp-content/uploads/2016/04/Antwort-auf-die-schriftliche-Anfrage-der-Frau-Abgeordneten-Alexandra-Hiersemann-Station%C3%A4re-Unterbringung-von-Kindern-und-Jugendlichen-mit-Behinderung-in-heilp%C3%A4dagogischen-Heimen.pdf
Von Gisela Maubach
Richtig - natürlich stellt sich die Frage "Nur in Bayern?", denn es wurde ja nur in Bayern recherchiert. Aber was würden entsprechende Recherchen in anderen Bundesländern ergeben?
"Time-out-Räume" gibt es ja nicht nur in Bayern - oder?
Was mit einem Mitarbeiter geschieht, der bei diesem Skandal nicht mitwirkt, kann man in diesem Beitrag ebenfalls sehen.
Und wenn das Einsperren eines Kindes dann auch noch mit der gängigen Abkürzung "ELT" (Einschluss laut Tagesplan) dokumentiert wird, dann stellt sich doch im Zeitalter der UN-BRK die Frage, wer einen Tagesplan erstellen darf, der den Einschluss von geistig behinderten Kindern vorsieht.
Und was sagen uns in diesem Zusammenhang Begriffe wie "Mittagsruhe" bzw. "Mittagspause"?
Und ebenso skandalös ist, dass den Eltern gar keine andere Wahl gelassen wird - also entweder den "Einschlüssen" zuzustimmen oder gar keinen "Platz" für ihr Kind zu haben.
Der Aufschrei nach diesen Recherchen bleibt hoffentlich nicht aus!
Von nurhessen
Ein Beitrag zur Frage, „Was heißt schon behindert?“ findet sich eine weitere Antwort: im Titel und Text der Nachricht:
„Behinderte Kinder in Bayern eingesperrt, isoliert und fixiert“, veröffentlicht am Mittwoch, 6. April 2016 von Ottmar Miles-Paul in kobinet! – Die Frage stellt sich zwangsläufig, „Nur in Bayern?“ und außerdem eine kleine Brücke zu “Neuer Inklusionstalk: all inclusive“!