Teilhabe Hörbehinderter unterbelichtet
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
Bild: Irina Tischer
Berlin (kobinet) Als am 14. Juni 2013 weit über 5.000 Demonstranten in Berlin eine selbstverständliche und uneingeschränkte Nutzung der Deutschen Gebärdensprache forderten, war Irina Tischer mit der Kamera dabei und stellte ihre erste große Bildreportage ins Netz. Die gehörlose Frau ist ehrenamtlich bei diesem Nachrichtendienst tätig und wird heute in einem Porträt für kobinet vorgestellt. Die alleinerziehende Mutter einer Tochter (18) und eines Sohnes (9) wurde 1977 in einem deutschen Dorf in Russsland geboren. Sie lebt seit 2005 in Berlin. Kommuniziert wird mit Irina im kobinet-Team per sms oder email. So ist auch dieser Text entstanden.
Wann und wo bist du geboren? Am 7.7.77 am frühen Morgen. Leider hat meine Mutter die genaue Uhrzeit vergessen. Ich sage also oft um 7 Uhr - ein Scherz. Mein Geburtsort Kitchkass liegt im Südural. Bist du mehrsprachig aufgewachsen? Nein. Als meine Mutter noch Kind war und in ihrem Dorf lebte, war ihre Muttersprache Plattdeutsch. In der Schule lernte sie Russisch. Mit ihren Eltern und Geschwistern hat sie immer Platt gesprochen, zum Beispiel wenn wir Oma und Opa besuchten oder die Großeltern bei uns waren. Wir lebten in einer Gegend, wo ausschließlich russisch gesprochen wurde. Du kamst also nach Deutschland und musstest hier erst einmal die deutsche Sprache erlernen? Ja. Erst danach mit zunehmender Hörbehinderung lernte ich hier die Deutsche Gebärdensprache.
Nach der Übersiedelung aus Russland war Genthin in Sachsen-Anhalt die erste Station in Deutschland. Ein nicht so leichter Neuanfang. "Mein Diplom als Lehrerin, Russische Sprache und Literatur, wurde nicht anerkannt. Habe mir eine Ausbildung zur medizinischen Dokumentationsassistentin ausgesucht. Das war ein Fehler. Den Beruf konnte ich als Spätertaubte nicht ausüben. Aber ich habe die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen - trotz fortschreitender Schwerhörigkeit. Danach habe ich bundesweit Arbeit gesucht, aber ohne Erfolg."
Und dann hat dein damaliger Ehemann das Handtuch geworfen. "Ja, er hat beschlossen, nach Russland zurück zu kehren. Ich wollte auch nicht mehr in Genthin bleiben." Der Blick ging nacn Berlin. Das war ganz nah. "2002 habe ich hier 6 Monate einen Sprachkurs gemacht. Ich wusste, dass ich mich hier wohl fühlen würde." In Wartenberg am Stadtrand von Berlin bekam Familie Tischenko, jetzt Tischer, eine Wohnung. Die Hörbehinderung blieb aber das Hindernis bei der Jobsuche.
Da war es ein absoluter Glücksfall, dass sich später in Berlin die Möglichkeit ergab, als Fotografin die Aktivitäten eines Bundestagsabgeordneten zu begleiten. "Ein interessanter 12-Stunden-Job pro Woche. Aber was wird nach den Bundestagswahlen im nächsten Jahr", fragt sich Irina Tischer. Sie hat bei dieser Tätigkeit viel gelernt. Und sie kann sich über den Zuverdienst zu Hartz IV freuen.
"Ihr steht hier vor dem Reichstag. Dessen Portal trägt die Inschrift: Dem deutschen Volke. Auch ihr seid das Volk", rief Markku Jokinen den Demonstranten am 14. Juni 2013 in Berlin zu. Er hoffe, dass bald im Deutschen Bundestag - wie bereits Alltag in Parlamenten anderer europäischer Staaten - Gebärdensprache angewendet wird. "Inzwischen sendet in Plenarsitzungswochen immerhin das Parlamentsfernsehen des Bundestages donnerstags die Kernzeitdebatten ab 9 Uhr mit Live-Dolmetschung in Gebärdensprache und untertitelt für Gehörlose und Hörgeschädigte", freut sich Irina Tischer. "Ich finde aber, dass die Teilhabe Hörbehinderter sowohl im staatlichen wie auch im privatwirtschaftlichen Bereich ziemlich unterbelichtet ist." Von dem Bundesteilhabegesetz erhofften die davon Betroffenen eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. "Als kobinet-Reporterin erlebte ich, wie die Stimmung umgeschlagen ist. Die Betroffenen gehen auf die Straße und protestieren gegen den Gesetzentwurf der Regierung, weil sie ein Spargesetz befürchten."
Aus dem Hobby, mit der Kamera die neue Heimat zu erforschen, könnte ein Beruf werden. Das wünscht sich Irina Tischer. Auf jeden Fall will sie in dieser aufregenden Stadt weiter für kobinet unterwegs sein.
