Oh schöne Behinderung!

Veröffentlicht am von Andrea Schatz

Austellungsplakat
Austellungsplakat
Bild: Monika Kurmin-Winterhagen

Poznań (kobinet) Unter diesem Titel eröffnete der Medienkünstler Marc Tobias Winterhagen am 21. November 2016 seine Ausstellung, die noch bis zum 4. Dezember 2016 in der Städtischen Galerie Arsenal in Poznań zu sehen ist. Gezeigt wird Kunst als ein Bereich, in dem Behinderung einen eigenständigen ästhetischen Wert hat.

Die Ausstellung bildet den praktischen Abschluss der Dissertation von Winterhagen an der Universität der Schönen Künste in Poznań. Darin befasst er sich mit Aspekten von Behinderung im Sinne der Disability-Forschung, wie sie z. B. von Tobin Siebers (1953 – 2015) geprägt wurde, einem Wegbereiter und Verfechter der Disability Studien und Ästhetik: „Behinderung drückt nicht Defekt, Degeneration oder Abartigkeit in der modernen Kunst aus, sondern erweitert vielmehr unsere Vorstellung von menschlicher Variation und Verschiedenheit.“

Nach Winterhagen liegt das eigentliche Problem darin, dass „wir Unbehinderte uns als Maßstab des normalen und gesunden Menschen verstehen. Und aus dieser Perspektive heraus beurteilen wir behinderte Menschen vorwiegend anhand ihrer Behinderung. Es gilt, uns von diesen Äußerlichkeiten nicht blenden und täuschen zu lassen, und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: Den Menschen.“

Mit seiner Ausstellung stellt Winterhagen Menschen mit Behinderung ins Zentrum, insbesondere die Einzigartigkeit und Komplexität der Bewegungen gehbehinderter Menschen.

Winterhagen mit Autorin vor Bewegungsprojektion

Winterhagen mit Autorin vor Bewegungsprojektion

Sein Ausgangspunkt war die zufällige Beobachtung von Menschen mit einem spastischen Gangbild. Diesen spezifischen Gang empfindet er sowohl als Ausdruck von Behinderung, als auch als Zeichen deren Überwindung. „Als Künstler sehe ich in diesen, bei jedem Menschen mit Gehbehinderung unterschiedlich aussehenden Bewegungen, eine Art Tanz oder Choreographie, die durch die Art der Beeinträchtigung, durch Individualität, durch Hilfe eines Physiotherapeuten etc. entwickelt wurde. Die verborgene Anmut dieser Bewegungen möchte ich herauskristallisieren“, so Winterhagen.

Für sein Kunstprojekt gewann er 5 Menschen mit Gehbehinderung. Deren Bewegungsmuster nahm er mittels „Motion-Capture-Verfahren“ auf - eine Aufzeichnung von Bewegungsdaten eines Menschen zur Übertragung auf eine digitale Figur - und verarbeitete das künstlerisch. 

all rings

all rings © Marc Tobias Winterhagen

Jeder Mensch hat seinen eigenen Gang und einen damit verbundenen, individuellen Bewegungscode. Dem menschlichen Auge mit seinen (eingeschränkten) Eigenschaften bleibt dieses Gangbild jedoch verborgen. 

Die Arbeit mit dem Titel "Spirale" z. B. ist die Manifestation des Ganges eines Teilnehmers des Kunstprojekts. Dennoch wächst die Skulptur über diese Rolle als Abstraktion eines flüchtigen Momentes hinaus. Sie erlangt ein eigenständiges Dasein, denn mit dem bloßen Auge lässt sie sich nicht mit Bewegung in Einklang bringen. „Sie ist pure, in Form gegossene Bewegung einer Person, von der wir auf der Straße oft unseren Blick abwenden“, so Winterhagen.