Good bye Lindenstraße
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Lindenstraße ARD
Köln (kobinet) Jetzt ist es raus: Nach 34 Jahren beendet die ARD im März 2020 die Kultserie LINDENSTRASSE. Während kobinet-Redakteurin Anke Glasmacher, Fan der ersten Stunde, schon früher gegangen ist, nämlich 2013, verfiel kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul am Freitag in tiefe Trauer, weil ihm im März 2020 sozusagen "seine bunte Fernsehfamilie" genommen wird. Deshalb hat er auch sofort eine Petition zur Weiterführung der Sendung unterzeichnet. Der Nachruf von Anke Glasmacher auf die LINDENSTRASSE zeichnet da ein anderes Bild, das die Breite der derzeitigen Diskussion deutlich macht.
Persönlicher Nachruf von Anke Glasmacher
Ich habe keine Folge verpasst. Das hat mir mit meiner Kolumne zur 1.000 Folge einen Platz auf der Pinnwand des Ensembles eingebracht. Ich bin kein Fan von krummen Sachen. Aber manche Geschichten sind nicht geeignet für Jubiläen. Also gehe ich mittendrin, an einem Freitagmorgen, nach 28 Jahren und vor Folge 1.433.
Es kam plötzlich. Die meisten Dinge kommen ja ganz plötzlich. Ihre Entstehungsgeschichte erfinden wir uns dann im Nachhinein. Je nach Interpretationsradius. So war es auch bei mir. Ich saß wie all die Wochen, Monate, Jahre zuvor um 18:50 Uhr vor dem Fernseher, der noch aus dem gleichen Zeitalter wie die Lindenstraße stammt, und stellte um 19:20 Uhr fest, dass ich nicht mehr dazugehörte. Nicht mehr zu den Geschichten, nicht mehr zu den Figuren, nicht mehr zu der Zeit. Ich gehe nicht reumütig.
Geißendörfers Langzeitserienprojekt verdient jeden Respekt. Seine Idee war 1985 für Deutschland innovativ, von einer verstörend beiläufigen und billigen Kammerspielästhetik, zu einer Zeit, als wir gleichzeitig in die Glitzerwelten amerikanischer Großproduktionen wie Dallas oder Denver Clan eintauchten.
Else Kling als J.R. Ewing – das war so in etwa die Bedeutung Deutschlands in der Welt.
Doch die Welt dreht sich. Und weist dabei glücklicherweise immer wieder über den ersten willkürlichen Ausgangspunkt hinaus. Geschichte ist nicht nur Wiederholung des Ewig-Gleichen, und das Leben findet nicht in einem in sich geschlossenen Kreis statt. Meistens bewegen wir uns eher zwischen den verschiedenen Ebenen einer Spirale mit Sprungfedern. Etwas Neues ist immer.
Man kann einer Generation beständig den Spiegel vorhalten, doch irgendwann merkt jede Generation, dass ein Spiegel sie an der Weiterentwicklung hindert. Dass der Spiegel nur das Abbild, aber nicht die Vision ist. Die Generation, die mit der Lindenstraße aufgewachsen ist, befindet sich inzwischen in der Mitte ihres Lebens. Da will man nicht mehr jeden Tag die eigene Unvollkommenheit und alle charakterlichen Fehler vor Augen geführt bekommen. Mit Mitte 40 ist man auf der Suche nach dem, was noch kommt – jenseits von grauen Haaren, Falten und dem Tod.
Irgendwann wird der erhobene pädagogische Zeigefinger zur bedeutungsleeren Besserwisserei. Geschichten fangen an sich zu wiederholen, Figuren sind plötzlich austauschbar, die Erinnerungen überwiegen die Zukunft. Aus dem Fernseher quillt der Mief der 1980er Jahre. Inhaltlich, ästhetisch. In einer Fernsehlandschaft, die sich selbst täglich auf allen Kanälen reproduziert, macht eine Serienkonzeption wie die der Lindenstraße keinen Sinn mehr.
Dallas ist übrigens wieder da… Willkommen in einer schnelllebigen Zeit, in der es Unendlichkeit nur als Baustein gibt. Mein Interesse ist längst zu den gut recherchierten amerikanischen Serien weitergewandert, die auf die klassische Schwarz-Weiß-Argumentation verzichten. Das Leben ist einfach zu bunt für ein Straßenkammerspiel.
Good Bye, Lindenstraße!
