"Bloß kein Mitleid. Das ist der Rockn´Roll"

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Plakat: Katrin und die Quitschboys
Plakat: Katrin und die Quitschboys
Bild: Katrin & die Quitschboys

Schwalmstadt (kobinet) "Bloß kein Mitleid. Das ist der Rockn´Roll“, heißt es in einem Song von Katrin & die Quietschboys. Die Band spielt mittlerweile schon 35 Jahre lang fetzige Songs und tritt immer wieder bei Konzerten auf. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul hat den Bandmitgliedern ein paar Fragen zu ihrer Geschichte, ihrem Verständnis und zu ihrem Wirken gestellt. Die Antworten geben einen bewegenden Eindruck von 35 Jahren auf und abseits der Bühne.

kobinet-nachrichten: Die Band "Katrin und die Quiet­schboys" hat mittlerweile ja einige Jahre auf dem Buckel. Als ihr damals angefangen habt, gab es wahrscheinlich noch sehr wenige Bands wie diese. Wie kam das damals an?

Katrin & die Quietschboys: Wir haben uns zwischen den Jahren 1983/84 gegründet. Das war die Zeit der "Neuen Deutschen Welle", eine Musikrichtung, die wirkliche neue, kreative Seiten hatte und zum Teil gut nachzuspielen war. Wir haben schon damals die Texte verändert und auf unsere Situation angepasst. So wurde aus dem Song "Ich kann den Leuchtturm nicht mehr sehen" unsere Fassung "Ich kann die Nena nicht mehr hören“ Es war die Zeit, wo Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung noch wenig in der Öffentlichkeit präsent; geschweige denn auf einer Bühne zu sehen waren. Es war auch die Zeit, in der man, wenn es um behinderte Menschen und Musik ging, als nächstes über Therapie sprach. Wir haben damals gesagt, dass es Menschen gibt, die dadurch von der vorherrschenden Jugendkultur, nämlich von Rock- und Popmusik ausgegrenzt werden, und das haben wir nicht akzeptiert.

Im Jahr 1984 hatten wir das Glück, dass in der Werkstatt der Einrichtung ein junger Mann auftauchte, der hervorragend Schlagzeug spielen konnte und dann haben wir unsere Gitarren an das örtliche Stromnetz angeschlossen und uns eine Gesangsanlage besorgt, die auch die Sänger hörbar gemacht hat.

Ich denke wir sind eine der ersten Bands, wenn nicht sogar die erste Band, die Rockn’ Roll macht und Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung nicht ausgeschlossen hat. Wir betrachten uns jedenfalls als Pioniere und mittlerweile gibt es ja unzählige Bands wie unsere. Wir haben einfach geguckt, wer hat Lust, Spaß, eine Leidenschaft auf die Bühne zu gehen und wie kann man die verschiedenen Fähigkeiten und Bedürfnisse in eine Bühnenshow einbauen.

Während wir am Anfang von manchen als Exoten angesehen wurden, wurden wir langsam eine bekannte und gefragte Band. Die Originalität, unsere Spielfreude und das Entertainment unserer Show hatten sich herumgesprochen. So kam es, dass wir immer mehr Auftrittsangebote im ganzen Bundesgebiet und Westberlin bekamen und eine Zeit lang jedes 3. Wochenende unterwegs waren. Das hat sich in den letzten Jahren geändert, weil zum einen die Livemusikszene allgemein zurückgegangen ist und weil es sehr viele Bands wie unsere gibt. Das freut uns natürlich, auch wenn wir dadurch weniger Auftritte haben.

kobinet-nachrichten: Und was ist mit Katrin und quietschen die Boys immer noch so, wie damals?

Katrin & die Quietschboys: Katrin ist die Mitbegründerin und Namensgeberin der Band und sie ist noch immer mit dabei. Damals war sie ein 14 jähriges Mädchen und mittlerweile ist sie eine erwachsene Frau, die aber noch genauso frisch, aufgeweckt und singfreudig wie damals ist.

Natürlich sind wir alle in die Jahre gekommen und leider sind auch schon zwei unserer Mitmusiker verstorben, um die wir sehr trauern: Unser Ansager und Banddoktor Thomas und unser Conga und Mundharmonikaspieler Olli, von dem wir uns in diesem Jahr (2018) verabschieden mussten. Auch einige Freunde und Verwandte aus der "Bandfamilie" sind in letzter Zeit gestorben. Wir denken an sie, in dem wir ihnen Lieder gewidmet haben.

Seit ein paar Jahren haben wir eine zweite Sängerin. Darüber freuen wir uns sehr. Die Männer sind mittlerweile alle aufgrund des fortgeschrittenen Alters aus dem Stimmbruch heraus und betrachten sich selber nicht mehr als Qietscher, sondern als Grunzer. Der Bandname "Katrin & die Quietschboys" bleibt dennoch unverändert. 

kobinet-nachrichten: Wieviel Auftritte habt ihr in den ganzen Jahren so ungefähr gemacht und wie schafft ihr den damit verbundenen Aufwand. 

Katrin & die Quietschboys: Nach unserer Bandstatistik haben wir in all den Jahren bestimmt über 100 Auftritte gehabt. Das war an sehr verschiedenen Orten und auch zu sehr verschiedenen Anlässen.  Am Spannendsten war es immer dann, wenn wir den sozialen und Behindertenbereich verlassen haben. So haben wir zum Beispiel auf einem riesigen Umweltfestival in Magdeburg vor Festivalbesuchern gespielt, die ganz offensichtlich noch nicht viel mit behinderten Menschen zu tun hatten. Oder: Wir haben einmal auf einem Kinderkulturfestival und auf einer 1. Mai Veranstaltung gespielt als ein Programmpunkt neben vielen anderen. Dabei haben wir eigentlich immer sehr positive Erfahrungen gemacht. Das waren Ereignisse und Aktivitäten von Inklusion zu einer Zeit, wo noch niemand den Begriff verwendet hatte.

Wenn wir außerhalb und weiter weg spielen sollen, mieten wir uns immer einen großen Bus, in den alle Musiker, Freunde und solche die es noch werden wollen samt Instrumenten und Anlage reinpassen. Das ist uns wichtig, damit wir auch schon auf dem Reiseweg zusammen sind, denn wir sind ja nicht bloß eine Musikgruppe, sondern eine Gemeinschaft und ein Freundeskreis, der über all die Jahre immer intensiver geworden ist. Eigentlich beginnt ein Konzert schon mit dem Besteigen des Busses und manchmal passieren da für uns auch die eigentlichen Höhepunkte einer Tour.

kobinet-nachrichten: Was war ein Highlight für euch in all den Jahren?

Katrin & die Quietschboys: Es gab so viele Highlights und jeder Musiker hat ein Lieblingserlebnis. Für unseren Keyboarder Jochen war zum Beispiel ein Auftritt in der Nähe von Berlin ein Höhepunkt. Wir haben in unserer Show einen Song, der heißt "Du bist da!" und da holen wir immer eine Frau auf die Bühne, die mit uns zusammen musizieren soll. Bei dem Auftritt bei Berlin war dies die Politikerin Regine Hildebrandt, die wir als "Regine" auf der Bühne willkommen hießen, denn auf der Bühne wird sich geduzt. Sie hat den Spaß mitgemacht und wir bilden uns ein, dass sie sich vielleicht sogar geehrt gefühlt hat, von uns auserwählt worden zu sein.

Für Arno war unser Berlin-Auftritt in einem Konzertsaal in der Hasenheide ein wunderbares Erlebnis, denn hier hatten auch schon einmal "The Kings" gespielt, wenn auch schon ein paar Jahre vor uns.

Für Andreas, der in der Band "Andrew" genannt wird, war unser Auftritt in Osterholz-Scharmbek im Teufelsmoor ein Schlüsselerlebnis, denn in so einem Teufelsmoor muss man ständig mit einem Wassergeist rechnen. Zum Glück kam er nicht, aber er ist in einem Song über Andreas erwähnt und so erinnern wir uns immer an dieses Ereignis.

Für unseren "Gogo-Boy" Reinhard sind alle Auftritte, nach denen ihm hinterher die weiblichen Zuschauerinnen die Hand geben wollen, Highlights. Fast alle werden in der Regel von ihm mit dem Kosewort "Schatzi" bedacht. Wo bekommt man das auf sonstigen Konzerten geboten. Wir hatten aber auch einmal einen Auftritt im Männergefängnis in Ziegenhain, wo sich logischerweise keine Frau im Publikum befand. Trotzdem gab es nach dem Konzert eine Schlange von gestandenen Männern, die unserem Gogoboy die Hand drücken wollten. Sie bekamen ein "Mein Freund!" mit in die Zelle. Einer der Gefängnisinsassen meinte zu uns: "Heute hat sich ja mal eine Randgruppe um die andere gekümmert."

Die gleiche Begrüßung, wie den Strafgefangenen, kam auch einem Volkspolizisten im Frühjahr 1989 zuteil. Auf unserer Tour nach Berlin wurden wir an der Grenze zur DDR kontrolliert. Nach der herzlichen Begrüßung durch unseren Gogo-Boy verließ der Grenzsoldat sehr schnell rückwärts unseren Bandbus. Es war sicherlich einer der kürzesten Grenzkontrollen in der Geschichte der DDR. Ob dies schon die Wende ein gutes halbes Jahr später eingeleitet hat ist historisch allerdings noch nicht bewiesen.

Für manche Musiker waren bestimmte Auftritte besonders schön. So schwärmen Mathias und Johannes von einem unserer letzten Auftritte im nordhessischen Arolsen.

kobinet-nachrichten: Und wo ist es mal so richtig danebengegangen?

Katrin & die Quietschboys: Eigentlich haben Pannen, Missglück und Scheitern uns ständig begleitet. Und eigentlich ist das Nichtperfekte ja auch eines der Wesensmerkmale unserer Band. Dennoch gab es auch wirklich unerfreuliche Momente in unserer Bandgeschichte. Da war zum Beispiel unser Auftritt bei Open Flair in Eschwege, wo wir auf der Heimfahrt schon ungefähr 30 km von Eschwege entfernt gemerkt haben, dass wir einen Mitmusiker vergessen haben. Zum Glück war er so klug und ist an dem Ort, wo wir gespielt haben, geblieben und dort haben wir ihn wieder gefunden und konnten unsere Heimfahrt endlich fortsetzen.

Da gab es auch einen Auftritt auf der Sommeruni in Bremen, wo wir ziemlich verzweifelt waren, weil wir vor Ort gemerkt haben, dass wir die Fußmaschine (ein wichtiges Gerät, womit der Schlagzeuger die Basstrommel betätigt) zuhause vergessen hatten. Die Bemühungen der Veranstalter in Bremen, so ein Gerät aufzutreiben, schlugen fehl. Unser Schlagzeuger hat dennoch das Konzert gemeistert, in dem er mit dem Fuß kräftig auf den Holzboden der Bühne gestampft hat. Der hatte sogar einen ähnlichen Sound wie die Basstrommel. Eigentlich müsste er dafür noch im Nachhinein einen Pannenorden oder so was bekommen.

Es gab auch einen Auftritt, wo wir vor sehr wenigen Leuten gespielt haben. Das war erst mal misslich, aber wir haben es geschafft, dass wir trotzdem die Begeisterung nicht verloren haben und das Ganze als öffentliche Probe angesehen.

Einmal mussten wir ein Konzert sogar abbrechen, weil ein Zuschauer bei unserem schnellsten Rock ‘n Roll Stück eine Herzattacke bekam. Ein Krankenwagen hat ihn schließlich ins Krankenhaus gebracht. Er hat unser Konzert überlebt. Im Nachhinein sieht man das als Anekdote an, aber an dem Abend haben wir uns viele Sorgen gemacht.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang war auch ein Auftritt in Ostwestfalen, wo wir mit unserem Wirken einen Stromausfall bewirkt haben. Auch dabei hatten wir trotzdem viel Spaß und unser Publikum auch. 

kobinet-nachrichten: Wie oft trefft ihr euch für Proben und wieviel Leute machen heute noch bei euch mit?

Katrin & die Quietschboys: Wir treffen uns jeden Mittwoch von 14.00 bis 15.00 Uhr in einem wunderbaren Proberaum, den uns die Einrichtung zur Verfügung gestellt hat. Im Augenblick sind wir 12 Musiker und davon noch 6 Mitglieder, die die Band vor über 33 Jahren gegründet haben. Leider haben wir auch manchen Wechsel erleben müssen. So mussten wir uns von insgesamt 4 Bassisten verabschieden, da sie die Region verlassen haben und deshalb nicht mehr regelmäßig an den Proben teilnehmen konnten.

Im Augenblick haben wir einen Bassspieler aus der Schwalm, der sowohl musikalisch, als auch menschlich ein Volltreffer ist. Wie seine Vorgänger hat auch er berufsmäßig nichts mit der Behindertenarbeit zu tun und das war und ist eine große Bereicherung für alle.

Traurig ist natürlich auch, wie schon erwähnt der Abschied von Thomas und Olli, die leider viel zu früh gestorben sind.

kobinet-nachrichten: Ein Blick in die Zukunft: Wie geht’s weiter bei euch und was steht demnächst an?

Katrin & die Quietschboys: Im Augenblick haben wir keine großen Zukunftspläne. Wir proben fleißig weiter; hin und wieder fliegt uns ein Auftritt zu und dann fällt uns ein, warum wir geübt haben.

Bisher haben wir immer damit geprahlt, dass wir die einzige Band sind, die keine CD gemacht hat. Aber seit Jahren nehmen wir uns doch vor, daran etwas zu ändern. Vielleicht wird es ja doch noch dazu kommen.

Ansonsten sind in gewisser Hinsicht (wenn man das Glitzer und das Highsociety-Gehabe weglässt) die "Rolling Stones" unser Vorbild. Die machen auch einfach weiter.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.