Bullshit – oder könnten wir auch anders?
Veröffentlicht am von Harald Reutershahn
Bild: hjr
Es kommt immer so, wie es kommt und niemals anders, denn sonst müsste es ja kommen, wie es nicht kommt. So kommt es aber nie. Darum haben wir gelernt, dass so etwas Unsinn ist. "Unsinn ist ein größerer Feind der Wahrheit, als es Lügen sind", schrieb der US-amerikanische Philosoph Harry Gordon Frankfurt in seinem 2005 erschienenen Buch "On Bullshit".
"Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, dass es so viel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Und jeder trägt sein Scherflein dazu bei." Mit diesem Satz beginnt Frankfurt seinen 70-seitigen Bestseller. In der Kurzbeschreibung des Buches schreibt der Suhrkamp Verlag, dass Bullshit die große Gefahr unserer Zeit darstellt. Und weiter: "Harry G. Frankfurt hat eine scharfsinnige Analyse vorgelegt, wie es kommt, dass das 'Blödsinnquatschen, das Rumpalavern, das Heiße-Luft-Produzieren oder schlicht das 'bullshitting', so Daniel Schreiber in der taz, so um sich greifen, dass wir ihnen überall begegnen: in den Medien, in der Politik, in der Kneipe und in der Bahn." Bullshit sei omnipräsent, sei ansteckend und drohe zur Epidemie zu werden, bei der die Wirklichkeit Gefahr laufe zu verschwinden.
Einen Grund für "so unglaublich viel Bullshit" sieht der Philosoph darin, "dass in Demokratien besonders häufig jemand glaubt, sich öffentlich zu einem Thema äußern zu müssen, von dem er einfach keine Ahnung hat." Diese scharfsinnige Erkenntnis kann jeder bestätigen, der den blödsinnquatschenden Fratzenschneidern und den politischen Soßenbräunern beim Bullshitting in den Weichspülprogrammen der TV-Kanäle zuhört.
Wir müssen es nehmen, wie es kommt und das Beste daraus machen. So versuchen uns die therapeutischen Lebensratgeber ihre Beruhigungspillen und Schlaftabletten einzuflößen, damit wir den Bullshit einigermaßen zu Bullshit verdauen statt uns zu erbrechen. Viele übergeben sich auch. Und das ist auch ein Fehler. Denn welche Übergabe auch immer, sie ist kalkuliert. Die Folge davon ist: Wir haben wieder einmal den Salat. Die große Bullshitkoalition.
Das ist die 3. große Bullshitkoalition in der Geschichte der BRD. Die erste brachte uns 1968 die Notstandsgesetze ein, womit gegen einen Generalstreik in Deutschland die Bundeswehr eingesetzt werden kann. Die zweite klaute 2008 der Staatskasse 250 Milliarden Euro, um damit die privaten Banken in Deutschland vor der Pleite zu retten. Die dritte will nun mit ihrer 84-prozentigen (!) Mehrheit im Bundestag die großen Zukunftsaufgaben anpacken? Bullshit.
In Europa wächst der Nationalismus. Die deutsche Merkel-Regierung mischt kräftig dabei mit, die Ukraine in den Bürgerkrieg zu treiben. Politische Hasardeure aus Deutschland paktieren mit der sogenannten "Maidan-Opposition", deren "lupenreine Demokraten", aufgehetzt von den Führern der "Vaterlandspartei" Timoschenkos, der Klitschko-Partei "Schlag" und der profaschistischen Swoboda einen Umsturzplan in der Ukraine beschlossen. Nebenbei bemerkt regiert in Hessen neuerdings die Koalition aus CDU und Grünen, die in Frankfurt am 1. Juni 2013 die genehmigte und friedliche Blockupy-Demonstration einkesseln und zusammenknüppeln ließ (Polizeiterror in Frankfurt).
Holzauge sei wachsam. CDU / CSU und SPD, die 1968 gemeinsam ein Gesetz für den Militäreinsatz gegen streikende Arbeiter in Deutschland beschlossen haben, helfen jetzt dabei mit, einen Bürgerkrieg in der Ukraine zu provozieren, um das Land in die Hände der von den großen Banken und Kasinokapitalisten kontrollierten EU zu treiben. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, 100 Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkrieges. Mit den politischen Sachwaltern des Großkapitals sind wieder die gleichen Kräfte am Werk.
Wer sich für den neuen Nationalismus in Europa instrumentalisieren lässt, der ist dem Bullshit auf den Leim gegangen. Unsere Beutelschneider sind nicht die "Zigeuner" oder der angebliche "Sozialtourismus" aus Osteuropa, wie es aus der nationalistischen Ecke plärrt. Wir brauchen ein soziales Deutschland in einem sozialen Europa. Dazu gehören auch die uneingeschränkten Bürgerrechte für Behinderte in allen Lebensbereichen. Wir brauchen eine moderne inklusive Gesellschaft. Dazu gehört die exklusive Gesellschaft auf den Müllhaufen der Geschichte. Wir Behinderten müssen uns klar sein, dass unsere politischen Partner dafür nicht die Zerstörer des Sozialstaates und nicht die Nationalisten sein können.
Bei mehr als acht Millionen Behinderten in Deutschland und mehr als 80 Millionen Behinderten in den EU-Staaten dürfen bei Wahlen keine Bullshitregierungen rauskommen. Wenn doch, dann sind Millionen Behinderte auf Bullshit reingefallen. Das müssen wir ändern. Denn wir können auch anders.
Morgen wird in Frankfurt der AfE-Turm gesprengt. Mitten in der Stadt. Meine Frau und ich wohnen knapp 300 Meter daneben, ein paar Schritte neben der Evakuierungszone. Der Turm gehörte zum Campus Bockenheim der Johann Wolfgang Goethe-Universität, seit 1972 waren dort die Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften untergebracht. Die Uni zieht auf den neuen schicken Campus Westend, und eine Tonne Sprengstoff soll am Sonntag, den 2. Februar 2014 um 10:00 Uhr dafür sorgen, dass mit der größten Sprengung Europas die 38 Stockwerke des Hochhauses in sich zusammenfallen ohne umzukippen (hr-online).
Wenn der Plan misslingt, dann wäre das ein verdammter Bullshit.
* Der Turm stürzt ein (Ton Steine Scherben am 30.05.1983 ausgerechnet in Offenbach)

Von behindertenrecht
Zitat
"Unsinn ist ein größerer Feind der Wahrheit, als es Lügen sind . "
Zitat Ende
Dem kann man nur zustimmen .
Besonderer Unsinn ist es, wenn gerade schwerstbehinderte ohne persönliche Assistenz auskommen sollen und wenn sie das nicht schaffen, man dann glaubt , sie seien für Inklusion nicht geeignet und brauchen Sondereinrichtungen, was dann auch noch mit dem Wohl begründet wird .
Von Lesebrille
Und, Harald? Bekommste noch Luft? Der AfE-Turm is wech und ich hab'n Tränchen verdrückt (und Staub geschluckt), obwohl ich noch nicht einmal weiss, ob ich traurig oder fröhlich sein soll. Das Semester dort war der reine Wahnsinn - Dank des Wartens auf den einzigen Fahrstuhl mit den Knöpfen in Rollihöhe - und trotzdem werde ich ihn vermissen!
So fix, wie Bockenheim sich verändert, so fix hätte ich gerne eine Veränderung in der Gesellschaft. Auch wenn ich keine Bilder überstrapazieren möchte: könnten die gesellschaftlichen Vorurteile nicht genauso schnell weggesprengt werden wie dieser Turm? Ich wäre ja auch gerne zum anschliessenden Aufräumen bereit, aber unsere Lebenszeit ist sehr begrenzt und so sehr ich glaube, dass wir den Weg für die nächste(n) Generation(en) ebnen müssen, so sehr hoffe ich doch, auch im eigenen Leben davon noch etwas mitzubekommen.
Ein Professor für angewandte Philosophie von der hiesigen Uni meinte, Inklusion könne noch nicht jetzt geschaffen sein, weil Inklusion ja ein von Anfang an dabei sein bedeute, daher also ein Begriff der Zukunft sei. Rein sprachlich gebe ich ihm Recht.
Dennoch: ich sehne mich danach, dass ich es noch erleben darf, wie Kinder mit Behinderung nicht mehr in Sondereinrichtungen verschwinden, wie sie im Sommer nicht mehr aufgeteilt werden auf Stadtfreizeit und Freizeit für behinderte Kinder, wie ihre Ausbildung nicht mehr aufgeteilt wird und nicht zuletzt auch das weitere Leben nicht mehr aufgespalten, sei es beruflich oder privat.
Und Inklusion muss nicht zuletzt nicht nur für "fitte" Menschen mit Behinderung gelten. Denn so häufig wir über Inklusion reden, so wenig reden wir darüber, dass auch wir häufig nur allzuleicht vergessen, dass es dabei eben nicht um eine völlige Assimilation geht, mit der wir wieder ausgrenzen und uns - nicht zuletzt - unter einen völlig unsinnigen Druck setzen.
Von daher: auf zur Bullshitfreien Zukunft!
Von Gisela Maubach
Gibt es eigentlich einen Grund, warum mein Leserbrief von heute Vormittag nicht unter "Neueste Lesermeinungen" erscheint?
Von Gisela Maubach
"Wir brauchen eine moderne inklusive Gesellschaft. Dazu gehört die exklusive Gesellschaft auf den Müllhaufen der Geschichte."
Richtig!
Alle aktuellen Pläne steuern aber nicht in eine wirklich inklusive Gesellschaft, sondern eine Spaltung von leistungsfähigen und nicht leistungsfähigen Behinderten zeichnet sich immer deutlicher ab.
Kann man denn von wirklicher Inklusion sprechen, wenn sogar der Bundesrat die "Loslösung der Leistungen der Eingliederungshilfe vom System der Sozialhilfe" fordert (Drucksache 282/12 - Beschluss) und wenn man gleichzeitig akzeptiert, dass es Menschen gibt, die für diese Pläne ZU (!) behindert sind, so dass man für deren Tagesstruktur die "Eingliederungshilfe" weiterhin einrichtungsgebunden in der Sozialhilfe belassen will und das geplante Teilhabegeld darauf anrechnen will?
Und wenn ausgerechnet bei denen, bei denen das Teilhabegeld angerechnet werden soll, eben wegen dieses Teilhabegeldes (!) auch noch das Kindergeld gestrichen werden soll, dann hat diese Entwicklung noch nicht mal ansatzweise etwas mit Inklusion zu tun - sondern unsere Gesellschaft spaltet sich zunehmend in "brauchbare" und "nicht brauchbare" Menschen, und mittlerweile ist es einfach nur noch skandalös, dass angesichts dieser Spaltung der Begriff "Inklusion" fast nur noch für die Integration Leistungsfähiger missbraucht wird.