Über die Anatomie der Gewohnheit

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: hjr

Wenn ich unser Mietshaus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim verlasse, kann ich mir ziemlich sicher sein, draußen die Kiesstraße vorzufinden und nicht überraschenderweise einen Palmenstrand der Insel Tongatapu auf der gegenüber liegenden Seite der Erde, dort, um es nebenbei zu erwähnen, wo bis heute jeder der 21.989 Tage begann, seitdem ich diesen Planeten mitbewohne. Die Tage müssen ja irgendwo beginnen, bevor wir uns darin zurechtfinden. Es waren nebenbei bemerkt übrigens die Engländer, die die Datumsgrenze als Mitternachtslinie auf dem 180. Längengrad des Globus nach Osten um Tonga herum krümmten, damit der Nullmeridian durch Greenwich verläuft und sich die ganze Menschenwelt daran gewöhnt.

Zuweilen käme es mir gelegen, mich vor der Haustür auf einem dieser traumhaft bezaubernden Weltflecken im Südpazifik vorzufinden. Auch mit der dänischen Nordseeküste würde ich wohl vorlieb nehmen. "Unmöglich aufzuzählen, was das Verschieben von Gesichtskreisen und Sinnesempfindlichkeiten im Fortschreiten der Jahre mit sich bringen könnte. Jeder muss es wohl für sich selbst auf eigene Rechnung durchmachen", schrieb am 20.11.1999 die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Es wird nicht geschehen. Es scheint, als gäbe es einen Sinn und Nutzen dieser eingewachsenen Ordnung, die uns an die Gewohnheit bindet.

Dass wir Gewohnheiten brauchen, ist klar. Wie sollten wir uns sonst verlässlich zurechtfinden in einem dauernd unberechenbaren Wechsel? Doch welche Formen von Unwechselbarkeiten tun uns gut, und wo beginnen sie zu Fesseln zu werden? Zu Brutstätten von Trägheit und Unkreativität? Gibt es auch positive, kreative Unberechenbarkeiten, die uns vor einem Erstickungstod oder der Einschläferung durch zu viel Gewohnheiten bewahren könnte?

In unserem Leben spielen die Gewohnheiten eine wichtige Rolle. Wir können uns durchaus definieren als die Summe unserer Gewohnheiten. Statt in der Südsee war ich vorgestern im Supermarkt wegen des Wocheneinkaufs. Es ist meine Angewohnheit, mich immer gegen den Uhrzeigersinn durch die Gänge dieser Selbstbedienungsläden zu bewegen. Fast alle tun das. Das ist kalkuliert, antrainiert, miteinander regelmäßig geübt und klappt buchstäblich wie am Schnürchen. Die Marktstrategen geben Millionen aus, um unsere Angewohnheiten zu lenken, auszuspionieren und sie für ihre Zwecke zu manipulieren. "Die Fesseln der Gewohnheit sind meist so fein, dass man sie gar nicht spürt. Doch wenn man sie dann spürt, sind sie schon so stark, dass sie sich nicht mehr zerreißen lassen", erkannte im 18. Jahrhundert der englische Dichter Samuel Johnson.

Alle Menschen haben in irgendeiner Weise Gewohnheiten, die störend sein können. Wir nehmen das als unsere kleinen Ängste wahr (vor überfüllten Aufzügen oder vor Mäusen) oder unsere kleinen Zwänge (prüfen, ob das Fenster wirklich geschlossen, die Kaffeemaschine wirklich ausgeschaltet oder die Haustür abgeschlossen ist). Solange dies nicht zu Beeinträchtigungen führt, sind das Gewohnheiten, die Menschen haben können und ohne die das Leben vielleicht auch zu reibungslos wäre.

Die meisten unserer Gewohnheiten vollziehen sich auf der unbewussten Ebene. Wir führen sie durch, ohne darauf zu achten. So unterliegen wir der Macht der Gewohnheit, ohne es zu bemerken. Sie lässt uns leicht übersehen, wie sehr wir in einer Gewohnheitsfalle stecken können. Davor warnte Georg Christoph Lichtenberg: "Es ist in vielen Dingen eine schlimme Sache um die Gewohnheit. Sie macht, dass man Unrecht für Recht und Irrtum für Wahrheit hält."

Manche Gewohnheiten können mit der Zeit zu verknöcherten Routinen werden, die zu den berüchtigten Barrieren in den Köpfen verhärten. Es kann hilfreich sein, wenn wir uns das immer mal wieder bewusst machen. Denn die Freiheit zu Neuerungen und zu Fortschritten hängt ab von der Bereitschaft zur Überwindung des Bestehenden. Alles bleibt nur so lange, wie es ist, bis wir es ändern.

Stufen

...
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
...
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

 

Lesermeinungen zu “Über die Anatomie der Gewohnheit” (1)

Von Lesebrille

Da will ich Dir doch mit Robert Frost antworten:

Ach, ich werd seufzen wohl gelegentlich,
wenn irgendwann Erinnerung erwacht:
Zwei Wege gab es da im Wald, und ich –
ich nahm den häufiger begangnen nicht,
und das den Unterschied hat ausgemacht!

Auf zu neuen Wegen!