Frühlingsblüher für Caro

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Matthias Grombach und Carola Fischer
Matthias Grombach und Carola Fischer
Bild: sch

Überraschungsparty für Carola Fischer war Ende vergangener Woche im Potsdamer Haus der Begegnung am Teufelssee angesagt. Ihre Familie und Freunde, ihren Coach Matthias Grombach für das Arbeitgebermodell persönlicher Assistenz und auch den Berliner kobinet-Korrespondenten hatte Nina Waskowski vom behindertenpolitischen Stammtisch in der brandenburgischen Landeshauptstadt zur Party eingeladen. Anlass war die Rückkehr ihrer Freundin Caro aus Krankenhaus und Reha-Klinik nach einem schrecklichen Verkehrsunfall im vergangenen Jahr.

Der Unfalltag hatte für Carola Fischer noch ganz verheißungsvoll begonnen. Sie erhielt einen Telefonanruf, dass ihre in einem Businessplan-Wettbewerb eingereichte Idee mit einem Stipendium berücksichtigt worden ist. Das dabei eingereichte  Projekt „Selbstbestimmt leben – Jetzt!“ beschreibt eine Beratungsstelle für und von Menschen mit Behinderungen im Land Brandenburg zum Thema „selbstbestimmtes Leben“. Eine solche Anlaufstelle gibt es in diesem Bundesland noch nicht. Der Bedarf aber wird immer größer. Der startsocial-Verein will diese Projektidee fördern. Zwei Stunden nach diesem Telefonanruf passierte das Unglück. Bei dem von ihr nicht verschuldeten Verkehrsunfall verlor die junge Frau beide Beine.

Jetzt nach sechs Monaten Krankenhaus und Reha konnte sie schon wieder lachen und sich bei all denen bedanken, die ihr in dieser schweren Zeit beigestanden haben. Und sie ist froh, dass die drohende Einweisung in ein Heim abgewendet werden konnte und ihr Leben in der vertrauten kleinen Wohnung weiter geht – nun mit Assistenz. Als Ende Oktober 2012 der Deutsche Bundestag sein ein Jahr zuvor verschobenes Treffen mit behinderten Menschen veranstaltete, war ihre Freundin Nina dabei. In der von ihr besuchten Arbeitsgruppe sprach sie über Assistenzleistungen in der eigenen Häuslichkeit als Alternative zum unfreiwilligen Heimaufenthalt. Probleme in der praktischen Umsetzung des Persönlichen Budgets und die Bewilligungspraxis weiterer Leistungsformen, die der Assistenz in den eigenen vier Wänden dienen, wurden hier lebhaft diskutiert  (kobinet 1.11.12). Wie das künftige Schicksal von Caroline Fischer gestaltet  wird - ob zwangsweise im Heim oder wieder daheim und bei Familie und Freunden - war damals noch völlig ungewiss.

Jetzt beschäftigt sie als Arbeitgeber  5 Angestellte, die von der Versicherung des Unfallverursachers finanziert werden. Endgültig muss das wohl noch vor Gericht geklärt werden, da ja 2 Autos an dem Verkehrsunfall beteiligt waren. „Zum anderen war Caro ja zuvor schon Tetraspastikerin und hätte dringend Assistenz benötigt. Zwar wären es deutlich weniger Stunden gewesen als nun ohne Beine, aber selbst diese Stunden hat ihr die Stadtverwaltung nicht bewilligt“, beschreibt Nina Waskowski die Situation. Wichtig sei das nun der Bedarf von 18 Stunden Assistenz am Tag gesichert werde. Sie hat sich intensiv um das von ihrer Freundin initiierte Projekt gekümmert und eng mit den beiden ehrenamtlich tätigen Beraterinnen zusammen gearbeitet, die das Stipendium von startsocial begleiteten. Organisationsberaterin Nicole Röttger, Inhaberin eines Consulting-Unternehmens in Berlin, war auch zur Party ins Haus der Begegnung gekommen.

Nina Waskowski und Jürgen Dusel

Nina Waskowski und Jürgen Dusel

Die Projektmanagerin ist zuversichtlich, dass die Idee von Carola Fischer bald Gestalt annimmt. „Selbstbestimmt leben – jetzt!“ wird eine Beratungsstelle mit dem in Artikel 26 der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verankerten Peer Counseling-Ansatz (Betroffene beraten Betroffene). Als Beispiel dient jahrelange erfolgreiche Arbeit der Zentren für selbstbestimmtes Leben in Mainz und Würzburg. Landesbehindertenbeauftragter Jürgen Dusel weiß, dass im Vergleich zu anderen Bundesländern Brandenburg dem zunehmenden Bedarf solcher Beratung bisher nicht nachkommt. Darum unterstützt er mit Rat und Tat die Initiative, die vom behindertenpolitischen Stammtisch in Potsdam ausging.

Carola Fischer wird per Telefon und Mail weiter von Matthias Grombach aus Dessau zu allen Fragen und Problemen des Arbeitgebermodells gecoacht. Vier Jahre dauerte Grombachs Kampf für ein selbstbestimmtes Leben. Am Ende siegte der in einem Altersheim weg gesperrte junge Mann gegen die Willkür der Sozialagentur Sachsen-Anhalt. "Wenn die Behörden einem Steine in den Weg legen, nur weil man leben möchte wie jeder andere auch, ist das eine Riesenschweinerei", zitierte ihn die vom Deutschen Bundestag herausgegebene Wochenzeitung „Das Parlament“ am 29.10.2012.

 

Lesermeinungen zu “Frühlingsblüher für Caro” (1)

Von gerhard

Hallo Caro, aus dem fernen Südwesten herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Leben mit Assistenz. Wenn ich irgendwann irgendwie helfen kann, melde dich. Toi, toi, toi auch bei der Auseinandersetzung mit den unfallgegnerischen Versicherungen. Ich drück dir die Daumen, dass deren Streitlust einmal eine Pause einlegt.

Herzliche Grüße
Gerhard