Noch 16 Tage bis zur Bundestagswahl
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Hannover (kobinet) Karl Finke, der Sprecher von Selbst Aktiv, dem Netzwerk behinderter Menschen in der SPD, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er sich zur anstehenden Bundestagswahl, aber vor allem zur mangelnden Vertretung behinderter Menschen in den Parlamenten äußert. So auch im Interview mit kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul zur in 16 Tagen anstehenden Bundestagswahl.
kobinet-nachrichten: In 16 Tagen ist Bundestagswahl. Wie wirst du als Sehbehinderter den richtigen Weg finden, damit du das richtige Kreuzchen am richten Platz machst?
Karl Finke: Ich werde mich informieren, auch in Leichter Sprache ganz konkret. Ich werde gucken, ob behinderte Menschen kandidieren, ja oder nein? Jeder weiß ja, dass ich Sprecher von Selbst Aktiv, dem Netzwerk behinderter Menschen in der SPD bin. Deshalb werde ich behinderte Menschen motivieren: Kopf hoch, wählen, nachfragen und selbst das passive Wahlrecht nutzen und bei den nächsten Wahlen kandidieren.
kobinet-nachrichten: Wie ist es deiner Meinung nach um die Selbstvertretung behinderter Menschen in den Parlamenten oder als Kandidatinnen und Kandidaten bestellt?
Karl Finke: Das ist ein Trauerspiel. Bundesweit sind es zwei Menschen mit Behinderung, die in Erscheinung treten. Einer von der CDU, einer von den Linken. Bei der CDU ist Wolfgang Schäuble ja in seiner hohen Funktion behinderter geworden. Das heißt 13 Millionen Menschen mit einer Behinderung, acht Millionen schwerbehinderte Menschen, zwei schwerbehinderte Menschen im Bundestag, das sind homöopathische Dosen. Es gibt ja viele Heilpraktiker die dran glauben - ich nicht unbedingt.
Daher ist für mich klar: wer Quoten oder Quoren für sich reklamiert, behinderte Menschen davon aber ausgrenzt, der hat ein Menschenbild von Menschen erster und zweiter Ordnung. Da bin ich deutlich dagegen und fordere alle Parteien auf, auch meine eigene, hier einen Akzent zu setzen. Die Europawahlen sind die nächste Chance. Bei den Bundestagswahlen muss aber klar deutlich werden: Bundesbehindertenbeauftragte/r sollte ein Mensch mit einer Behinderung sein.
kobinet-nachrichten: Du wärest also ein Freund von klaren Quoten?
Karl Finke: Ich bin ein Freund von Quoten im Einstieg. Der Vorschlag jede/r Zehnte, was von mir ja auch kommuniziert wurde, würde heißen 13 Millionen behinderte Bürgerinnen und Bürger und davon acht Millionen schwerbehinderte Menschen ist für mich erst mal eine Größe, ich will da nicht dogmatisch festgelegt werden. Aber wer für sich Quoten und Quoren durchkämpft, das für Frauen und Migrantinnen und Migranten akzeptiert, und die deutlich weltweit am meisten diskriminierte Minderheit nicht berücksichtigt, hat ein diskriminierendes Verhältnis gegenüber behinderten Menschen. Oder um Ernst Klee einmal zu zitieren - einige, die in meinem Alter sind werden sich an den Publizisten, der vor kurzem gestorben ist und die Behinderten Reports geschrieben hat, erinnern - hat seinerzeit vom Verhältnis von Behinderten und Nichtbehinderten von Apartheid im eigenen Land gesprochen. Dieses Verständnis sollte der Geschichte angehören. Ich will, dass egal welche Hautfarbe, welchen Geschlechts oder Behinderung, die Menschen sich selbst vertreten können.
kobinet-nachrichten: Klare Worte, vielen Dank für das Interview.

Von rwenzel
Karl Finke ist nicht Vorsitzender des Netzwerks Selbst Aktiv in der SPD, sondern Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Selbst Aktiv in der SPD. Unseren Bundesvorstand sowie die Arbeitsgemeinschaft auf Bundesebene der SPD gibt es seit Mai 2013.
Mit freundlichen Grüßen
Ralf Wenzel
Vorsitzender der AG Selbst Aktiv Schwalm-Eder
Mitglied im Bundesvorstand der SPD AG Selbst Aktiv
Von Uwe Heineker
Ich finde es toll, dass Karl Finke an Ernst Klee mit seinen Behindertenreports erinnert, die Mitte der 1970er Jahre erschienen sind, hierzu möchte ich ergänzend anmerken, dass Ernst Klee den Personenkreis von Menschen mit Behinderung sogar als größte und am meisten vernachlässigte Minderheit Deutschland bezeichnete.
Meiner Beobachtung und Erfahrung nach zieht sich dies noch bis in die heutige Zeit hinein - da können auch so manche Fortschritte in Sachen Barrierefreiheit im öffentlichen Raum oder Gesetzgebungen nicht darüber hinweg täuschen: die größte Barriere ist nach wie vor in vielen Köpfen fest verwurzelt, die es gilt, endlich überwunden zu werden - ein wohl noch Generationen überdauernder Prozess - wir müssen nun den Anfang hierzu machen, damit das Inklusionsziel der UN-Behindertenrechtskonvention Wirklichkeit wird.
Und ich möchte an dieser Stelle noch an eine wichtige Tatsache erinnern:
bei aller Diskussionen oder Veranstaltungen zum Thema "Inklusion" den Personenkreis von Menschen mit schwerst-mehrfachen Behinderungen, die sich nicht artikulieren oder für sich selbst sprechen können, nicht einfach "vergessen" oder gar zu umgehen ...