Bahn verweigert Einstiegshilfe
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
Bild: Rolf Barthel
Berlin (kobinet) Die Deutsche Bahn hat einer vielfahrenden Kundin im Rollstuhl eine gewünschte Einstiegshilfe abgelehnt. Dies widerspricht dem Konzept der angemessenen Vorkehrungen in der UN-Behindertenrechtskonvention, kritisiert heute die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). Betroffen von dieser Diskriminierung ist ISL-Geschäftsführerin Dr. Sigrid Arnade, die Anfang nächster Woche nach einer Vortragsveranstaltung in Bad Bevensen, an der sie als Referentin teilnimmt, weiter nach Kassel zu einem anderen Termin reisen will.
Dass sie nicht wie andere Geschäftsleute einfach in den Zug steigen kann und vor jeder Bahnreise längere Telefonate mit der Mobilitätszentrale erledigen muss, davon soll hier nicht berichtet werden. Bad Bevensen jedenfalls ist eine Kleinstadt nördlich von Uelzen, liegt an der Bahnstrecke Hannover–Hamburg und besitzt deshalb auch einen Bahnhof. Die Bahnsteige sind laut Aussage der Deutschen Bahn sogar barrierefrei erreichbar, aber "leider" gibt es dort kein Servicepersonal. Deshalb könne Arnade von dort nur mit Nahverkehrszügen abfahren, die eine fahrzeuggebundene Einstiegshilfe besitzen.
Dies führt jedoch dazu, dass der Intercity-Zug der Bahn, der auch in Bad Bevensen hält und mit dem Arnade reisen will, nicht benutzt werden kann, da er eine solche Einstiegshilfe nicht besitzt. "Ich muss also erst mit einem Nahverkehrszug zu einem anderen Bahnhof mit Servicepersonal fahren", so Arnade. "Das bedeutet für mich in der Konsequenz, dass ich 20 Minuten länger fahren und einmal zusätzlich umsteigen muss. Das ist eine nicht hinnehmbare Ungleichbehandlung gegenüber den anderen Kundinnen und Kunden der Bahn und eine Diskriminierung!"

Von Arnd Hellinger
@Christiane:
Dir ist aber schon klar, dass Arriva UK organisatorisch nichts mit den deutschen DB-Töchtern, um die es hier geht, und dem Stationspersonal von Network Rail auf britischen Bahnhöfen zu tun hat, oder?
Und auch in Großbritannien wird - betreiberunabhängig - Reisenden mit Behinderung bisweilen durchaus empfohlen, einen anderen als den eigentlich gewünschten Zug zu nutzen, weil's für TOC und Network Rail einfacher zu organisieren wäre. Gleiches gilt auch in den USA...
Insofern verstehe ich im konkreten Fall die ganze Aufregung hier nach wie vor nicht wirklich.
Von mgaudi
Als selbst Betroffener, der aufgrund eines Elektrorollstuhls auch schon diverse unerfreuliche Erlebnisse mit der Deutschen Bahn hat, mag ich mir über den hier erhobenen Vorwurf der absichtlichen Diskriminierung und Verweigerung nur verwundert die Augen reiben. Diskriminiert fühle ich mich, wenn die Bahn mir eine Mitreise verweigert, weil ich mich nicht vorab angekündigt habe (das kam schon vor) oder trotz ausreichend Platz der einzige Rollstuhlplatz im Zug reserviert ist (ebenso erlebt).
So sehr ich verstehe, dass man über den Zustand mangelnder Einstiegsmöglichkeiten in Fernverkehrszüge verärgert ist, liegt hier aber klar ein Sachzwang vor: Wenn es keine Einstiegshifle gibt, dann geht es nun mal nicht. Die Bahn schickt übrigens sehr wohl auch mal Außenmitarbeiter an entlegenere Bahnhöfe, in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern ist dies Tagesgeschäft. Aber: Die Mittel zum barrierefreien Ausbau sind begrenzt, einen Hublift kann sich niemand mal eben aus der Hemdtasche ziehen. Es ist ja nicht so als könne man sich nicht im Vorfeld bei der Bahn informieren, welche Bahnhöfe wie erreichbar sind. Zwanzig Minuten Fahrzeitverzögerung hat auch jeder Geschäftsreisende regelmäßig erlebt, der weiter als eine Haltestelle mit dem ICE fährt.
Liebe Frau Arnade, liebe kobinet-Nachrichten, wenn die Interessen behinderter Menschen ernst genommen werden sollen, dann ist es eher kontraproduktiv bei jeder Gelegenheit die große Diskriminierungskeule herauszuholen und damit blind um sich zu schlagen. Ein realitätsbezogener Dialog über den Fortgang der Maßnahmen zur barrierefreien Gestaltung des Schienenverkehrs mag als Ventil für spontane Frustration ungeeignet, hilft letzterer aber langfristig eher ab als Polemik auf Boulevardniveau. Ich persönlich finde es schade, wenn man auf diese Weise die Glaubwürdigkeit der eigenen Argumentation untergräbt. Denn dass die Bahn noch einiges an Aufholbedarf hat, ist auch unter Menschen ohne Mobilitätseinschränkung unstrittig.
Von Christiane
Die Deutsche Bahn betreibt unterdessen 20% der Bahnverbindungen in Großbritannien. Sie schaffen es hier problemlos, Personal von Bahnhof A nach B zu schicken, wenn Assistenz zu einer Zeit gebraucht wird, zu der Bahnhof B kein Personal hat.
Ist der Bahnhof nicht barrierefrei zahlt die Deutsche Bahn ein Taxi zum nächstgelegenen barrierefreien Bahnhof. Warum sie das in ihrem Heimatland nicht schafft, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ich weiß aber, warum sie es in Großbritannien macht: Weil sie es muss. Das ist der Unterschied.
Von Arnd Hellinger
Sorry, aber man muss die Kirche (den Bahnhof) doch wirklich mal im Dorf lassen!
Angesichts dessen, dass in diesem Land vergleichbare Städte (Duderstadt, Rheinsberg etc.) überhaupt nicht barrierefrei mit dem ÖV erreichbar sind, ist der hier geschilderte Falll natürlich zwar ärgerlich, bleibt aber ein echtes Luxusproblem, zumal für den Regionalbahn-Anteil der Reise kein Fahrpreis erhoben wird und 2ß Minuten den Braten nicht wirklich fett machen. Diese Erregung halte ich doch für sehr, sehr überzogen.
Und ja: Es gibt noch Menschen, die wegen fehlender Assistenz zwangsweise in Heimen leben und daher überhaupt nicht an Bahn- oder sonstige Reisen denken können. Wo bleiben die in diesem Denkschema???
Von obelix57
So leid mir das in diesem Fall für Dr.Arnade tut, bei der DB ist das "business as usual", wenn man nicht die Regionalzüge nutzen kann.
Ein Beispiel aus der Praxis: Auf der Strecke der Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt am Main und Kassel verkehren IC's. Aus- und einsteigen kann man aber nur an den Stationen Gießen, Marburg und Kassel-Wilhelmshöhe. An den übrigen ist kein Personal vorhanden, das Hilfestellung mit dem Hublift leisten könnte (den Hublift gibt es wahrscheinlich an den anderen Stationen sowieso nicht!). Das hat die praktische Auswikung, das, wenn ich mit dem IC von Ffm nach Treysa fahren will, erst mal nach Kassel-Wilhelmshöhe fahren muß, um von dort mit dem RE zurück nach Treysa zu kommen. Je nach Fahrplan bedeutet das eine Verzögerung zwischen 1 und 2 Stunden, aber wir Menschen mit Behinderung haben ja Zeit!
Von harle
Und wie geht es jetzt nun weiter, Frau Dr. Sigrid Arnade? Nach dieser Diskriminierungsgeschichte mit Ihnen durch die Deutsche Bahn.
Was ist die Folge, was ist Ihr nächster Schritt gegen die Deutsche Bahn nach dieser Diskriminierung mit Ihnen?
Oder gibt es vielleicht am Ende doch Gemeinsamkeiten mit Ihnen, Frau Dr. Sigrid Arnade, und der Deutschen Bahn?