Die Scham ist vorbei
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: ISL
Berlin (kobinet) Unter dem Motto "Die Scham ist vorbei! Verstecken war gestern - Aufbruch ist heute - Vielfalt ist morgen!" führt die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) heute in Berlin eine Disability Pride Tagung gegen Anpassung und für Selbstbestimmung durch. Disability Pride steht dabei für den Stolz und die Gleichberechtigung behinderter Menschen in unserer Gesellschaft.
"Wie hat sich das Verständnis von Behinderung im Laufe der Geschichte entwickelt? Welche Zeugnisse gibt es hiervon? Wieso ist die Scham über die eigene Behinderung auch heute noch verbreitet - und was macht sie mit den Menschen, persönlich und politisch? Welche Wege finden wir als behinderte Menschen in der Zukunft, um unsere Vielfalt und Selbstbestimmung zu feiern?" So lauten einige Fragestellungen, denen während der Veranstaltung nachgegangen werden sollen. "Mit einer Impulsbühne geben wir individuellen Berichten Raum - Wir berichten, warum Empowerment behinderte Menschen stark gemacht hat - Wir diskutieren, wie eine Outing-Beratung gestaltet werden kann - Wir planen, wie stolze Feiern von Behinderung mit Pride-Paraden noch größer werden können", heißt es weiter in der Einladung zu dieser Veranstaltung.
Dass die ISL mit diesem Thema den Nerv der Zeit trifft, macht das große Interesse an dieser Veranstaltung deutlich. Aufgrund der großen TeilnehmerInnenzahl musste ein Teil des Konzeptes für die Tagung geändert werden. Während auf der einen Seite viel von der UN-Behindertenrechtskonvention und der Inklusion geredet wird, musste die Behindertenbewegung in den letzten Jahren andererseits erleben, wie sicher geglaubter Boden in Sachen Selbstvertretung verloren gegangen ist. Im Deutschen Bundestag ist kein behinderter Mensch aus der Behindertenbewegung mehr vertreten. In den Länderparlamenten sucht man oftmals vergebens nach behinderten Menschen und beim letzten Bundestagswahlkampf spielte die Behindertenpolitik so gut wie keine Rolle.

Von Sabine Fichmann
Interessenvertretungen, Behindertenverbände, Lebenshilfe etc. etc- jeder kocht doch irgendwie sein eigenes Süppchen...
Wäre es nicht Zeit, eine Partei zu gründen?
Von Gisela Maubach
Da mein Leserbrief zum Thema "Bullshit - oder könnten wir auch anders?" nicht unter den "Neuesten Lesermeinungen" erscheint, versuche ich es hier nochmal:
Zitat aus dem Beitrag:
"Wir brauchen eine moderne inklusive Gesellschaft. Dazu gehört die exklusive Gesellschaft auf den Müllhaufen der Geschichte."
Richtig!
Alle aktuellen Pläne steuern aber nicht in eine wirklich inklusive Gesellschaft, sondern eine Spaltung von leistungsfähigen und nicht leistungsfähigen Behinderten zeichnet sich immer deutlicher ab.
Kann man denn von wirklicher Inklusion sprechen, wenn sogar der Bundesrat die "Loslösung der Leistungen der Eingliederungshilfe vom System der Sozialhilfe" fordert (Drucksache 282/12 - Beschluss) und wenn man gleichzeitig akzeptiert, dass es Menschen gibt, die für diese Pläne ZU (!) behindert sind, so dass man für deren Tagesstruktur die "Eingliederungshilfe" weiterhin einrichtungsgebunden in der Sozialhilfe belassen will und das geplante Teilhabegeld darauf anrechnen will?
Und wenn ausgerechnet bei denen, bei denen das Teilhabegeld angerechnet werden soll, eben wegen dieses Teilhabegeldes (!) auch noch das Kindergeld gestrichen werden soll, dann hat diese Entwicklung noch nicht mal ansatzweise etwas mit Inklusion zu tun - sondern unsere Gesellschaft spaltet sich zunehmend in "brauchbare" und "nicht brauchbare" Menschen, und mittlerweile ist es einfach nur noch skandalös, dass angesichts dieser Spaltung der Begriff "Inklusion" fast nur noch für die Integration Leistungsfähiger missbraucht wird.
Von Gisela Maubach
"Welche Wege finden wir als behinderte Menschen in der Zukunft, um unsere Vielfalt und Selbstbestimmung zu feiern?"
Tja - welche Vielfalt werden "wir" wohl feiern können, wenn "wir" weiterhin konsequent ignorieren, dass es auch behinderte Menschen gibt, die selbst durch Empowerment nicht "stark" gemacht werden können und genau deshalb ausgegrenzt werden?