Behindertenpolitik bei den LINKEN tiefer verankern

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Maik Nothnagel im Gespräch mit Gregor Gysi
Maik Nothnagel im Gespräch mit Gregor Gysi
Bild: Maik Nothnagel

Berlin (kobinet) Beim Europaparteitag der LINKEN in Hamburg hatten am Wochenende die behinderten Kandidaten für die Europalister zur Europawahl im Mai das Nachsehen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Maik Nothnagel, dem Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstbestimmte Behindertenpolitik der Partei DIE LINKE über die Verankerung der Behindertenpolitik in der Partei. 

kobinet-nachrichten: Herr Nothnagel, Sie sind ein Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft "Selbstbestimmte Behindertenpolitik" (BAG SBP) der Partei DIE LINKE. Sind Sie mit den Ergebnissen des Europaparteitages Ihrer Partei zufrieden?

Maik Nothnagel: Im Entwurf des Europawahlprogramms unserer Partei waren bereits einige Aussagen zur Behindertenpolitik enthalten. Unserer BAG ist es gelungen, durch zielgerichtete Änderungs- bzw. Ergänzungsanträge diese Positionen auszubauen und zu konkretisieren. Es ist uns gelungen, die Fragen der Inklusion, Barrierefreiheit und Teilhabe in verschiedenen Abschnitten des Programms zu platzieren. Damit wurde deutlich, dass diese Fragen mit Querschnittscharakter zu einem Gesamtanliegen der Partei geworden sind.

kobinet-nachrichten: Welche Entwicklung hat Ihre Partei diesbezüglich genommen?

Maik Nothnagel: Ich sehe einen großen Fortschritt im Denken und Handeln unserer Partei zu den Fragen einer neuen, durch den Geist der UN-Behindertenrechtskonvention geprägten Behindertenpolitik. Eine große Mehrheit der Parteitagsdelegierten ist unseren Änderungsanträgen, die Inklusion, die Barrierefreiheit und die Gewährleistung von Teilhabe stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, gefolgt. Artikel 8 der UN-Konvention zum Thema Bewusstseinsbildung gilt ja bekanntlich auch für unsere Partei. Und ich habe den Eindruck, die Arbeit unserer BAG sowie das Wirken der Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) und zahlreicher Genossinnen und Genossen mit Behinderungen ist zielgerichteter geworden, trägt also langsam Früchte.

Das Grundanliegen der UN-Behindertenrechtskonvention, die Gewährung der Menschenrechte und die Beseitigung der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen finden sich nicht nur in den politischen Aussagen unserer Partei wieder, sondern auch immer mehr in unserem Tun.

kobinet-nachrichten: Was meinen Sie damit konkret?

Maik Nothnagel: Unsere Partei erarbeitet zur Zeit ein Konzept für eine inklusive Partei. Der Entwurf liegt vor und wird diskutiert. Am 23. Februar werde ich den Konzeptentwurf im Bundesausschuss der Partei vorstellen. Schon während der Erarbeitung des Konzeptes vollzog die Partei ganz praktische Maßnahmen. Im Bundestagswahlkampf 2013 gab es die ersten Wahlveranstaltungen mit Gebärdensprachdolmetschern. Programmatische Aussagen der Partei, wie zum Beispiel Teile aus dem Parteiprogramm von 2011, liegen zwischenzeitlich in Brailleschrift, Hör-CD´s und in Leichter Sprache vor. Auf dem Europarteitag selbst wurden die Hauptreden durch Gebärdensprachdolmetscher übersetzt und im livestream barrierefrei gesendet.

kobinet-nachrichten: Also Alles in Butter?

Maik Nothnagel: Nein, das kann man nicht so sagen. Auch in unserer Partei ist die Gewährleistung von Teilhabe ein Lernprozess, insbesondere für die Leitungsgremien. Noch längst nicht sind alle Veranstaltungsräume und Büros barrierefrei, werden wir als BAG und unsere LAG´s in die Vorbereitung von Veranstaltungen einbezogen, um rechtzeitig auf Barrieren für Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen. Auch in unserer Partei stoßen wir als Menschen mit Behinderungen noch zu oft auf Finanzvorbehalte bei der Gewährleistung der Teilhabe behinderter Menschen. Deshalb haben wir uns als BAG ja auch so eingesetzt, ein Konzept für eine inklusive Partei zu erarbeiten, zu diskutieren und nach Beschlussfassung auch schrittweise umzusetzen. Dabei ist uns bewusst, dass dieser Prozess auch künftig nicht einfach sein wird.

kobinet-nachrichten: Wie schlägt sich das Motto der Behindertenbewegung "Nichts über uns ohne uns!" in Ihrer Arbeit nieder?

Maik Nothnagel: Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass wir einbezogen werden wollen bei der Vorbereitung von Veranstaltungen, der Erarbeitung und Verbreitung von Materialien und Anderem mehr. Bei der Erarbeitung des Konzeptes für eine inklusive Partei waren wir nicht nur aktiv eingebunden, sondern die treibende Kraft. Und wenn es um die konkrete Politikgestaltung durch Personen geht, unterbreiten wir den Gremien dahingehend Personalvorschläge, dass Behindertenpolitik auch durch Menschen mit Behinderungen vertreten werden kann. Das gilt für die Wahlen von Kommunalparlamenten wie auch für Landtage und den Bundestag. Für die Europaliste haben wir zwei Vorschläge unterbreitet und um Unterstützung für ihre Kandidatur geworben. Dies waren Dr. Ilja Seifert und Gotthilf Lorch. Leider wurde keiner von ihnen auf einen aussichtsreichen Listenplatz gewählt.

kobinet-nachrichten: Das war ja auch schon bei der Aufstellung der Bundestagskandidaten so. Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihren Aussagen, dass die Partei sich in diesem Fragen weiter entwickelt hat?

Maik Nothnagel: Nein. Natürlich wäre es toll für uns, wenn einer der von uns vorgeschlagenen und unterstützten Bewerber ins Europaparlament gewählt worden wäre. Es geht doch nach meiner Auffassung in der europäischen Behindertenpolitik vor allem darum, bei aller nationalstaatlicher Verantwortung für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Europa um die Einführung einheitlicher Standards zu ringen, denn schließlich hat die EU selbst die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Aber bei der Aufstellung und Wahl von Bewerbern für den Bundestag bzw. für das Europaparlament ist eine Behinderung nicht das alleinige Kriterium. Wir müssen respektieren, dass die Delegierten mit unter andere Prioritäten bei ihren Wahlentscheidungen setzen. Natürlich hätten wir gern, dass das Politikfeld von Menschen mit Behinderungen vertreten wird und im Falle von Ilja Seifert ist ja zu konstatieren, dass mit seiner Nichtwahl für den Bundestag und das Europarlament allgemein anerkannte Kompetenz und Netzwerke ein stückweit verloren gehen. Deshalb werden wir als BAG in unseren Bemühen in diesen Fragen nicht nachlassen und uns weiter als Stachel im Fleisch der Partei verstehen.

Lesermeinungen zu “Behindertenpolitik bei den LINKEN tiefer verankern” (2)

Von Hartmut

Ob die Behindertenpolitik bei den Linke fest verankert ist, das mag diese Partei selbst beurteilen. Ich bin seit 15 Jahren auf dem Feld des barrierefrien Tourismus aktiv und habe häufig die Erfahrung gemacht, dass viele Bemühungen bessere Resultate hätten bringen können wenn von Beginn an Betroffene in die Vorbereitungs- und Entscheidungsprozesse sowie in die Umsetzung einbezogen gewesen wären. Es gibt überhaupt keinen Grund jemandem die guten Absichten absprechen zu wollen, ich habe aber gelernt, dass gute Absichten allein oft zu wenig sind und optimal mögliche Ergebnisse nur dann erzielt werden können, wenn die "Experten in eigener Sache" eingebunden sind. Ist das nicht der Fall dann wird häufig "Nacharbeit" notwendig. Ob nun Linke oder andere Partei - ohne Betroffene entscheidend einzubinden wird nach meinen Verständnis Chance auf gute oder bestmögliche Resultate verschenkt.

Von Proletarier


Ja, auch der ‚Proletarier‘ war dort am vergangenen Wochenende auf dem Europa-Parteitag und der Vertreterversammlung der Partei DIE LINKE. in Hamburg.

Richtig ist: Es wurden alle Änderungsanträge der BAG Selbstbestimmte Behindertenpolitik in der Partei DIE LINKE. zum Leitantrag des Parteivorstandes vom Parteivorstand und von den Delegierten auf dem Europa-Parteitag inhaltlich im Ganzen soweit für das Europa-Wahlprogramm der Partei DIE LINKE. mit übernommen:

• sich frei und ungehindert von einem Ort zum anderen zu bewegen,
• ihre politischen Rechte wie z.B. ihr aktives und passives Wahlrecht auszuüben,
• eine gute Bildung zu erhalten,
• ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen,
• eine angemessene Gesundheitsversorgung zu erhalten,
• Arbeit zu finden, auch wenn sie hochqualifiziert sind,
• Zugang zu Informationen zu haben,
• ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

( Internet-Link: http://www.die-linke.de/partei/organe/parteitage/europaparteitag-2014/europawahlprogramm/ )

Wahr ist aber leider auch: Eine große Mehrheit von rund 500 wahlberechtigten nicht behinderter Vertreterinnen und Vertreter auf der Vertreterversammlung hat ihr SELBSTBESTIMMTES Wahlrecht - bildlich hier formuliert: „… dort bereits im Eingang unten im Erdgeschoß auf der Gaderobenstange des Congress Centrum Hamburg aufgehängt“, also sich vorführen lassen.

Ungewöhnlich – und in der Bundessatzung der Linken nicht vorgesehen – war es, daß der Reformerflügel der Partei einen Gegenvorschlag an Personal auf der gewählten Kandidatenliste der Partei DIE LINKE. zur Europawahl am 25. Mai d.J. kreierte. Eine informelle Pseudostruktur, nämlich das Forum demokratischer Sozialismus - ein kleiner aber übermächtiger Arbeitsgemeinschaftkader von 623 Parteimitglieder, überwiegend aus den neuen Bundesländern und weniger als 1 Prozent an Mitgliedern im Vergleich zur Gesamtmitgliederschaftstruktur der Partei DIE LINKE. mit 63.761 Mitglieder (Stand: 31.12.2012) - stellte sich gegen ein gewähltes Gremium Vertreterversammlung mit klar geregelten Aufgaben.

Welche Gründe könnte es für das undemokratische und ebenso unsympathische Vorgehen der sich selbst ernannten Reformer geben?
Auf jeden Fall nicht das Selbstvertretungsrecht für die rund 80 Millionen Europäer mit Behinderungen bei Verwirklichung des Ziels der EU-Kommission: bis 2020 ein barrierefreies Europa zu schaffen, sollte wohl demonstriert werden.

Sondern
• ihre eigenen Entscheidungen zu treffen; der alte Kadereinfluß ist weitgehend zurückgewonnen; in der Linken hat das FDS (Forum Demokratischer Sozialismus) zunehmend wieder das Sagen.

• die maßgeblich von Oskar Lafontaine geprägten und im Parteiprogramm fixierten politischen und programmatischen Konturen verlieren mit den gewählten Kandidatinnen und Kandidaten unter den ersten 10 Gewählten immer mehr an Schärfe und deren Verfechter an Spielraum im Bereich europäische Behindertenpolitik;
denn Ilja Seifert, der langjährige Behindertenpolitik-Sprecher in der Bundestagsfraktion der Partei DIE LINKE. bis zur Bundestagswahl im Sept. 2013, wurde nicht gewählt.

Und somit:
• in der Linken werden diejenigen zurückgedrängt, denen die programmatischen roten Haltelinien für Regierungsbeteiligungen etwas gelten; nicht aus Prinzipienreiterei, sondern um Glaubwürdigkeit zu bewahren, ohne die letztlich praktisch nichts bewirkt werden kann.

„WACHT AUF! Ich will Vielfalt in der Partei, nach innen und nach außen. Ein Symphonieorchester, kein Solo von innerparteilichen Heuschrecken wie vom FDS.“, so forderte es eine behinderte Bewerberin dort von der Vertreterversammlung.

Differenziert werden sich dem wahrlich alle Behinderten, Kranken und Zupflegenden, alle hungernden Arbeitslose, Schüler, Studenten, Hartz IV- und Sozialhilfeempfänger und Arbeitnehmer – ja: alle Proletarier in Deutschland und Europa anschließen.