Vorbehalte bei Inklusion abbauen

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Ute Erdsiek-Rave
Ute Erdsiek-Rave
Bild: UNESCO-Kommission

Bonn (kobinet) Etwa 350 Politiker, Wissenschaftler, Schulträger, Lehrkräfte, Eltern und Schüler werden am 19. und 20. März 2014 zum bundesweiten Gipfel "Inklusion - Die Zukunft der Bildung" in Bonn erwartet. Die zweitägige Veranstaltung der Deutschen UNESCO-Kommission soll in Deutschland Vorbehalte gegenüber Inklusion abbauen und aufzeigen, wie inklusive Bildung umgesetzt werden kann. "In fast allen Schulgesetzen gibt es noch Vorbehalte. Es gibt auch kaum Aktionspläne zur inklusiven Bildung", sagt Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" der UNESCO-Kommission.

Die Ergebnisse des Treffens in Bonn sollen in eine Abschlusserklärung einfließen, die Forderungen an Politik, Wissenschaft und Bildungseinrichtungen enthält. Im Nachgang werden zudem Leitlinien zur Umsetzung von inklusiver Bildung in Deutschland im Sommer dieses Jahres veröffentlicht. Der Gipfel der Deutschen UNESCO-Kommission wird in Kooperation mit zahlreichen Institutionen der deutschen Bildungslandschaft veranstaltet.

Partner sind die Aktion Mensch, die Bertelsmann Stiftung, das Bildungs- und Förderungswerk der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, das Deutsche Institut für Menschenrechte, die Heidehof Stiftung, die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und die Stadt Bonn. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unterstützen den Gipfel zur inklusiven Bildung.

Inklusion kommt im deutschen Bildungssystem nur langsam voran. Auch fast fünf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland ist der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung in vielen Bundesländern noch nicht umgesetzt. "In fast allen Schulgesetzen gibt es noch Vorbehalte. Es gibt auch kaum Aktionspläne zur inklusiven Bildung", sagt Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission. "Die Kostenfrage ist weiterhin zwischen Bund, Ländern und Kommunen nicht geklärt. Es fehlt an Geld für den Schulumbau, Fortbildungen und Personal."

Bundesweit gibt es derzeit knapp 495.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Mehrheit von ihnen besucht noch keine Regelschule. Zwar ist der Inklusionsanteil in den vergangenen fünf Jahren von 18 auf 28 Prozent gestiegen. Gleichzeitig wird aber bei immer mehr Kindern ein Förderbedarf festgestellt. Viele von ihnen haben später kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, drei Viertel der Förderschüler erhalten keinen Hauptschulabschluss. Damit sich die Bildungsqualität verbessern kann, sehen Experten die Zukunft in einer Schule für alle, an der Vielfalt und Verschiedenheit gelebt und erlebt wird. Kinder mit Behinderungen und Lernschwache werden hier ebenso gefördert wie Migranten und Hochbegabte.

In einem Interview bedauerte Ministerin a.D. Ute Erdsiek-Rave, dass in Deutschland die inklusive Bildung oft nach der Kita endet. Dort lernen bereits 60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit anderen, in der Grundschule sind es dann nur noch 34 Prozent. Beim Übergang in die weiterführende Schule müssen viele Kinder an eine Förderschule wechseln, weil es noch zu wenig inklusive Bildungsangebote gibt.

"Die Lernerfolge sind hier sehr oft leider nicht ausreichend, drei Viertel der Förderschüler erhalten keinen Hauptschulabschluss", kritisierte die Bildungsexpertin. "Damit sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt äußerst gering. Wenn schlecht ausgebildete Förderschüler nachträglich betreut werden müssen, ist das teurer als eine gute Bildung von Anfang an. Generell muss man leider sagen, dass Deutschland bei der Umsetzung von inklusiver Bildung im europäischen Vergleich einen der hinteren Plätze einnimmt."