Medientipp: Jan tanzt aus der Reihe
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Brigitte Faber
Mainz (kobinet) Jan Etges ist 21. Nach jahrelanger Praktikantentätigkeit hat er im August 2013 seine Ausbildung begonnen. Das übliche Schicksal eines Hauptschulabsolventen? Keineswegs, denn Jan wird als geistig stark beeinträchtigt bezeichnet. Sein Weg in den Beruf ist so außergewöhnlich, dass daraus ein Pilotprojekt wurde. Für ihren Film, der am 10. April um 22.30 im WDR in der Sendung Menschen hautnah ausgestrahlt wird, hat Karin Guse Jan Etges und seine Familie über einen längeren Zeitraum begleitet.
Von Anfang an anders
Jan Etges hat das fragile X-Syndrom, ein genetischer Defekt: "Er ist sprachlich eingeschränkt, stark hyperaktiv, hat einen schwachen Muskeltonus, Konzentrationsschwierigkeiten und autistische Züge", beschreibt Monika Kultschak-Etges ihren Sohn. Sie selbst ist Anlagenträgerin und hat den Defekt weitergegeben. An der Frage nach dem Warum zerbrechen viele Familien. "Eine Schuldzuweisung war für mich zum Glück nie ein Thema", erzählt Monika Kultschak-Etges. "Es gibt nichts, was ich hätte tun können, und nichts, was irgendetwas mit Schuld zu tun hätte. Es ist, wie es ist. Fertig."
Mit dieser Haltung haben es Jan Etges Eltern seit der Diagnose weit gebracht. Auch seine Zwillingsschwester Lena Etges spielt eine wichtige Rolle - war doch von Anfang sichtbar, wie sehr Jan Etges von ihr profitierte. Dennoch: Unzählige Argumente mussten widerlegt, anstrengende Wege gegangen werden – bis nach ganz oben in verschiedenen Ministerien – damit Jan Etges seine Stärken leben kann. Denn auch das ist der Familie schon lange klar: Zu der vom deutschen Sozialsystem vorgesehen Laufbahn in einer Werkstatt für behinderte Menschen passt ihr Sohn nicht.
Bundesweites Pilotprojekt?
Seit seinem 14. Lebensjahr arbeitete Jan Etges im Rahmen seiner schulischen Ausbildung stunden- und später tageweise als Praktikant in der Tagespflegestation des Altenpflegeheimes Martinsstift in Mainz – mit anhaltender Begeisterung. Im August 2013 schließlich resultierte aus dem Praktikum ein Berufsbildungsvertrag.
Zuvor musste in einem Behördenmarathon erreicht werden, dass staatliche Gelder für die Ausbildung behinderter Menschen nicht wie üblich an eine Werkstatt für behinderte Menschen, sondern im Rahmen eines persönlichen Budgets direkt an Jan Etges überwiesen werden. In Verbindung mit einem geeigneten Ausbildungsplatz kann er davon die Integrationskraft Rosemarie Wagner und die berufsbegleitende theoretische Ausbildung in einer Praxis für Entwicklungspädagogik in Mainz finanzieren. Für den Ausbildungsgang selbst wurde dort eigens ein an die Ausbildungen Altenpflege/Altenpflegehilfe angelehnter Ausbildungsplan erarbeitet.
Ein vielversprechendes Experiment
Die Leiterin der Tagespflege Einklang im Martinsstift, Maria Hirschmann, ist überzeugt, dass alle Beteiligten von dem Projekt profitieren. Zusammen mit Jan Etges beginnt auch Leonie Leuschner, eine 20-jährige Frau mit Down-Syndrom, ihre Ausbildung. "Die Begegnung mit diesen beiden wünsche ich jedem", schwärmt Maria Hirschmann. "Wenn man sich öffnet und Jan Etges und Leonie Leuschner auf sich zugehen lässt, passiert viel mit einem selbst. Die beiden reißen Mauern ein – weil sie ihre Gefühle und ihre Herzlichkeit so offen zeigen."
Ganz im Hier und Jetzt zu sein, Bedürfnisse anderer zu spüren, Freude zu empfinden und weiterzugeben – das sind die Eigenschaften, die Einrichtungsleiter Henning Krey meint, wenn er Jan Etges und Leonie Leuschner eine außergewöhnlich hohe emotionale Kompetenz bescheinigt. "Wir schauen nicht nach dem, was ein Mensch nicht kann, sondern nach dem, was er kann", beschreibt er die Philosophie seines Hauses.
Emotionen, die den Alltag bereichern
Für die Tagesgäste der Einrichtung im Martinsstift scheint jedenfalls festzustehen, dass Jan Etges und Leonie Leuschner bestens für ihren Beruf geeignet sind. Kein Wunder, leiden viele von ihnen doch unter einem emotionalen Defizit, das die beiden locker beseitigen können. Manche lassen sich gerne von Jan Etges und Leonie Leuschner helfen, andere wiederum möchten ihnen etwas beibringen. Und alle lassen sich von ihrer Lebensfreude und ihrer guten Laune anstecken.
Als Preview vor der Ausstrahlung des Films im WDR findet im Restaurant Goldener Engel, Engelstraße 3 in Mainz-Gonsenheim, am 10. April um 19.00 Uhr die Vorabausstrahlung des neuen Films statt. Interessierte sind herzlich willkommen. Um 22.30 Uhr wird er dann im WDR ausgestrahlt.

Von behindertenrecht
d.h. Versorgung nach SGB und Pflegeversichung
Von behindertenrecht
Das zeigt einmal mehr, was die diagnostische Abklärung bei der Durchsetzung der individuellen Versorgung für grundsätzliche Bedeutung hat und mit was für Hürden diese bereits verbunden ist .
Denn bei jeder Versorgung werden Nachweise für die "Defizite" verlangt .
Von Dagmar B
Bundesweites Pilotprojekt und vielversprechendes Experiment?
Ich verstehe diese Ueberschriften nicht.
Das PB ist weder ein Pilotprojekt,noch ist es ein Experiment.
Es ist beunruhigend,wieviele Hindernisse die ueberaus engagierten Eltern durch die rechtswiedrige Praxis der Einrichtungsgebundenheit des PB hatten.
Insoweit braucht keiner Pilotprojekte oder Experimente,sondern endlich und eindeutig laenderuebergreifend einrichtungsungebundene Budgets ohne buerokratische Huerden.