Arbeitsmarkt: Wirtschaft ins Boot holen
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
Bild: BDH
Bonn (kobinet) Der BDH Bundesverband Rehabilitation unterstützt die arbeitsmarktpolitischen Forderungen des baden-württembergischen Landesbehindertenbeauftragten Gerd Weimer. Dieser hatte in der vergangenen Woche auf die grundsätzlichen Probleme der Integration behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt hingewiesen. Im Kern riet Weimer zu einer Verdopplung der Strafzahlung für Unternehmen, die die erforderliche Beschäftigungsquote von Menschen mit Handicap nicht erfüllten auf 4.200 Euro im Jahr pro nicht besetzter Stelle.
„Der Erfolg am Arbeitsmarkt wird ganz entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, die Wirtschaft mit ins Boot zu holen. Wir müssen auf allen Ebenen für einen durchlässigen Ersten Arbeitsmarkt werben und die offenkundigen Barrieren in den Köpfen bei den Arbeitgebern beseitigen. Behinderte Menschen sind nicht weniger leistungsfähig, es zählen die beruflichen Kompetenzen wie überall in der modernen Arbeitswelt", mahnte heute die Vorsitzende des Sozialverbandes, Ilse Müller, die in erster Linie die größeren Betriebe in die Pflicht nehmen will.
„Erfolgreiche Integration in den Unternehmen macht unter Umständen Investitionen in die Barrierefreiheit und die Arbeitsplatzergonomie erforderlich. Es ist klar, dass vor allem Kleinunternehmen diese Investitionen aus eigener Kraft nur in seltenen Fällen stemmen können, weshalb wir die Belegschaftsgrenze von 20 Mitarbeitern nicht in Frage stellen wollen. Die stabile Konjunktur und die relativ niedrigen Unternehmensabgaben eröffnen dennoch beste Chancen, dass sich vor allem große Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen und die Beschäftigungsquote von 5 Prozent behinderter Menschen problemlos erfüllen könnten. Gelingt dies nicht, muss zeitnah über eine deutliche Erhöhung der Strafzahlung nachgedacht werden, die eine spürbare Lenkungswirkung entfaltet", so Ilse Müller.
Nach Ansicht der Verbandsvorsitzenden benötige Deutschland dringend einen offenen Arbeitsmarkt, der Chancen und Perspektiven für unsere Bürgerinnen und Bürger bereithält, sich ökonomisch auf eigene Beine zu stellen. Die hohe Arbeitslosigkeit unter behinderten Menschen sei unakzeptabel und führe letztlich zu Ausgrenzung und Teilhabeverlust am gesellschaftlichen Miteinander.

Von Lesebrille
Nicht nur schwer mehrfachbehinderten Menschen fallen hinten runter und entsprechen dem Satz "Behinderte Menschen sind nicht weniger leistungsfähig... ." nicht. Ich kann trotz Studium auch nicht mehr arbeiten. Ooops! Pech gehabt? Oder gib's für mich allenfalls nur noch ein Inklusiönchen? Und für die oben Genannten ist der Begriff leiderleider so gar nicht gedacht gewesen???
Ich bin mit diesem "Kastenwesen" gross geworden, in dem Solidarität unter uns Menschen mit Behinderung nicht vorkam. Vielmehr wurde ich genau darauf getrimmt, diesem Ideal der doppelten Leistung zu entsprechen, damit ich meine Behinderung "kompensieren" könne..., und Menschen mit noch schwererer Behinderung kamen in meinem Umfeld sozusagen nicht vor, wurden ausgeblendet, weil sie dem Leistungsgedanken ja nicht entsprachen.
Gut, die VordenkerInnen waren Menschen ohne Behinderung. Aber das ist Geschichte. Oder nicht?
Nun, ich und viele andere (gut ausgebildete) Menschen mit Behinderungen entsprechen dem Anspruch trotzdem nicht. Vielmehr können die meisten von Selbstausbeutung bis zum Zusammenbruch und Überanstrengung ein Liedchen singen. Das hat aber nichts, gar nichts mit Inklusion zu tun, oder mit dem berühmten Selbstbewusstsein.
Ich glaube, dass wir uns da genau selbst im Weg steht bei echter Solidarität, dem Erkennen, dass Inklusion vor niemandem Halt machen darf. Und niemand meint niemand. So einfach.
Das hat nichts mit "Behinderte sitzen alle in einem Boot" zu tun, sondern schlicht mit unserem Menschsein. Inklusion ist doch kein reines "Behindertending"!Und: wir können nicht Inklusion fordern und selbst ausgrenzen! Das fängt bei mir und meiner Sprache (Denke) an.
Die Wirtschaft kann gerne mit ins Boot geholt werden für alle die, die arbeiten können, damit es den Sonderarbeitsplatz nicht mehr geben muss - Punkt. Aber Inklusion betrifft alle Menschen. In jeder Lebenszeit. Ausnahmslos.
Von Susanne v.E
Wenn Arbeitslosigkeit unter Behinderten letztendlich zu Ausgrenzung und Teilhabeverlust am gesellschaftlichen Leben fürhrt, bedeutet dass dann, dass für alle die Behinderten, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung keine Arbeitleistung erbringen können, Ausgrenzung und Teilhabeverlust selbstverständlich hingenommen werden?
Wer niemals für sich selbst sorgen können wird, wer der Gesellschaft keinen geldwerten Nutzen erbringen kann, der soll bitte wieder schön unsichtbar und dankbar am Rand der Gesellschaft, in Gruppen ztusammmengefasst,
vor ich hin existieren? Inklusion scheint etwas zu sein, was der Behinderte sich durch Leistung verdienen muss.
Das sieht dann natürlich für Menschen mit schweren mehrfachen Behinderungen ganz schlecht aus.
Von Gisela Maubach
Zitat aus dem Beitrag:
"Behinderte Menschen sind nicht weniger leistungsfähig"!
Nicht weniger leistungsfähig als wer? Als nicht-behinderte Menschen? Grundsätzlich?
Sind tatsächlich pauschal ALLE behinderten Menschen nicht weniger leistungsfähig als nicht-behinderte?
Existieren keine Menschen, deren Behinderung eben doch ihre Leistungsfähigkeit enorm einschränkt?
Warum wird immer noch nicht zur Kenntnis genommen, dass man mit pauschaler Gleichmacherei diejenigen Menschen zunehmend ausgrenzt, mit deren geistiger Behinderung man sich nur nicht identifizieren möchte?
Kann man für seine eigene Leistungsfähigkeit als Behinderter dadurch Anerkennung finden, indem man sich von geistigen Behinderungen distanziert? Oder denkt man, dass dieses Distanzieren diskriminierend sei, so dass man doch besser pauschal alle behinderten Menschen für leistungsfähig erklärt?
Es gibt Menschen mit Behinderung, die enorm leistungsfähig sind. Und es gibt Menschen - insbesondere mit schwerster geistiger Behinderung -, die eben keine Leistungen erbringen können . . . und bei denen man den "Teilhabeverlust am gesellschaftlichen Miteinander" stillschweigend akzeptiert, indem man einfach nur noch Themen behandelt, mit denen die Integration von leistungsfähigen Menschen mit Behinderung gefördert werden kann.
Was ist das für eine scheinheilige Behindertenpolitik, in der von Teilhabe und Inklusion gesprochen wird und die ihrerseits eine Ausgrenzung par excellence praktiziert, indem Menschen ohne Leistungsfähigkeit in den Themen einfach nicht mehr existent sind?