Klingebiel-Zelle im Kleisthaus

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Klingebiel in seiner Zelle
Klingebiel in seiner Zelle
Bild: Asklepios Fachklinikum Göttingen

Berlin (kobinet) Im Berliner Kleisthaus wird am 15. Oktober die Ausstellung „Julius Klingebiel: Zelle Nr. 117. Ausbruch in die Kunst" eröffnet. Julius Klingebiel (1904-1965) war Psychiatriepatient, der während seiner Unterbringung im Landesverwahrungshaus Göttingen in den 1950er Jahren die Wände seiner Einzelzelle bemalte. Eine begehbare, neun Quadratmeter große Rauminstallation soll die Bild- und Lebenswelt des Künstlers für Besucherinnen und Besucher am Amtssitz der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen zugänglich machen. Zusammen mit weiteren Gemälden, historischen Aufnahmen und Dokumenten ist die Ausstellung bis zum 21. November zu sehen.

Aufgrund einer psychischen Erkrankung wurde Julius Klingebiel 1940 Opfer der nationalsozialistischen Rassegesetze und zwangssterilisiert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er eingesperrt – bis zu seinem Tod im Jahr 1965. Von 1951 bis 1963 bemalte er die Wände der Zelle Nr. 117 mit Tierfiguren, Menschen und Symbolen. Die Malerei Julius Klingebiels ist ein komplexes, weltweit solitäres Kunstwerk, das dem Bereich der Outsider-Art zuzuordnen ist. Outsider-Art beschreibt das künstlerische Schaffen von Laien, das jenseits der Normen und etablierter Kunstformen entsteht.

Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Sozialpsychiatrie Moringen e.V. präsentiert, der das Werk und die Biografie Julius Klingebiels wissenschaftlich erforscht und dokumentiert hat. Die Ergebnisse sind 2013 unter dem Titel „Die Klingebiel-Zelle. Leben und künstlerisches Schaffen eines Psychiatriepatienten" im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen erschienen.

Das Kleisthaus in Berlin ist seit 2001 Amtssitz der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Seit Januar 2014 wird dieses Amt von Verena Bentele wahrgenommen. Das Kleisthaus dient zugleich als Veranstaltungs- und Besucherzentrum, in dem regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen stattfinden. Mit seinem Kulturprogramm will das Kleisthaus entscheidend zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung beitragen.

Lesermeinungen zu “Klingebiel-Zelle im Kleisthaus” (1)

Von Kellerkind

Ich möchte erwähnen, dass Menschen die Opfer der NS-Euthanasie und Zwangssterilisation geworden sind, immer noch nicht anerkannte Verfolgte des NS-Regimes sind. Ich hoffe die Ausstellung am Amtssitz der Beauftragten der Bundesrpublik für die Belange behinderter Menschen weist auf diesen Tatbesatnd hin. Ich bezweifel es jedoch ein wenig. Der Versuch der Anerkennung ist 2013 durch die Bundesregierung, unter anderem aufgrund eines Gutachtens aus den 60 Jahren, an denen maßgeblich Täterärzte mitwirkten, zum wiederholten Male abgelehnt worden. Julius Kielbeil ist aufgrund seines Andersseins viel Unrecht geschehen, und das nicht nur zu Lebzeiten sondern noch heute. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die Einweihung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der NS"Euthanasie" am 2.09.2014 in Berlin hinweisen. Dies wäre eine gute Gelegenheit miteinander für die Anerkennung zu streiten.
Siehe auch: http://seeletrifftwelt.de/maria/?p=694
Thomas Künneke