ExpertInnen diskutieren über Therapien bei Tinnitus
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: DTL
Kassel (kobinet) Am vergangenen Wochenende kamen rund 60 ExpertInnen auf Einladung der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL) in die Habichtswald Klinik nach Kassel-Bad Wilhelmshöhe, um über Behandlungsmethoden bei Ohrgeräuschen zu diskutieren. Sabine Wagner von der Redaktion Tinnitus-Forum der Deutschen Tinnitus-Liga hat den kobinet-nachrichten folgenden Bericht zur Verfügung gestellt.
Sowohl in der Sitzung des DTL-Fachbeirats als auch beim Treffen der Klinikvertreter und Tinnitus-Retraining-Therapie-Teams standen die verschiedenen Therapiemöglichkeiten und deren Bewertung im Mittelpunkt. Zu Beginn referierte Prof. Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt und Geschäftsführer der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse, über den "Stand der medizinischen Therapie bei Tinnitus". Ein akuter Tinnitus (bis drei Monate) müsse, so Prof. Hesse, klar vom chronischen Tinnitus (ab drei Monate) abgegrenzt werden. Ein Ohrgeräusch entstehe fast immer im Innenohr, jedoch sei das, was in der Hörbahn bei der Weiterleitung von Tönen geschehe, entscheidend dafür, ob der Tinnitus belastend sei. Prof. Hesse stellte fest, dass es bereits viele wirksame Therapien gebe, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, die als einzige der Methoden klar evidenz-basiert sei. Auch die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) und die Versorgung mit Hörgeräten seien sehr wirksam, ebenso die Hörtherapie sowie die Musiktherapie als wesentlicher Bestandteil der Hörtherapie, in Verbindung mit anderen Therapiebausteinen wie beispielsweise auch Entspannungsverfahren. Prof. Hesse ging auch auf Behandlungsmethoden mit unterschiedlichen medizintechnischen Geräten und Verfahren ein, wie Akustische Neurostimulation oder transkranielle Magnetstimulation etc., die jedoch allesamt keinen dauerhaften Erfolg brächten. Eine klare Absage erteilte er auch diversen Medikamenten und Durchblutungsmitteln, die komplett sinnlos seien.
Im Anschluss beschrieb Dr. Helmut Schaaf, Leitender Oberarzt der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse, "Die Rolle der Hörtherapie in der Tinnitus-Behandlung". Der Tinnitus sei ein Phänomen der Hörwahrnehmung, das mit Hörschäden zusammenhänge, hilfreich könnten dabei Verhaltensänderungen und Konfliktbewältigung sein. Zunächst solle Dr. Schaaf zufolge abgeklärt werden, ob es organische Gründe für den Tinnitus gebe, wie beispielsweise ein Hörschaden, der frühzeitig versorgt werden müsse. Die Hörtherapie werde in Gruppen- und Einzeltherapie durchgeführt und umfasse Erklärungen und Erläuterungen für die Patienten sowie praktische Übungen zur Wahrnehmung von Geräuschen. Diese könnten unter anderem auch im Freien durchgeführt werden, wo sich die Patienten immer leiseren Geräuschen (zum Beispiel Brunnenplätschern) zuwenden und dabei auf ihre Empfindungen achten sollen. Das Gehörte und Empfundene werde dann anschließend mit dem Therapeuten besprochen. Auch die Progressive Muskelentspannung sei hier hilfreich.
Der Frage "Wie effektiv unterstützen manuelle Therapieverfahren eine Minderung der Tinnitus-Belastung?" ging Dr. Robert Behrmann von der Gemeinschaftspraxis Dr. Robert Behrmann und Dr. Andreas Fischer aus Ditzingen nach. Bei der manuellen Therapie schaue man auf mögliche Funktionsstörungen im Bewegungsapparat sowie darauf, ob etwas auf craniomandibuläre oder craniocervicale Dysfunktionen hinweise, so Dr. Behrmann. Ist das Ohrgeräusch durch Bewegung des Kiefers oder der Halswirbelsäule beeinflussbar, sei ein Zusammenhang diesbezüglich sehr wahrscheinlich und eine Überweisung an einen Zahnarzt oder Orthopäden angezeigt. Jedoch ist diese Behandlungsform nicht isoliert von anderen zu betrachten: "Die manuelle Therapie bleibt ein Baustein im Gesamtsystem der Therapiebausteine", sagte Dr. Behrmann.
Über "Tinnitus bei Kindern und Jugendlichen" sprach anschließend Prof. Hesse. Ohrgeräusche in dieser Altersgruppe nehmen nicht zu, sondern würden nur mehr beachtet, so Prof. Hesse. Er plädierte dafür, eine mögliche Hörstörung abzuklären und gegebenenfalls mit Hörgeräten zu behandeln. Ansonsten jedoch sei für eine weitere Behandlung ausschlaggebend, ob die Kinder selbst sagten, dass sie der Tinnitus störe oder sie darunter litten, da das kindliche Hörsystem extrem entwicklungsfähig sei. Oft reagierten die Eltern mit Sorge oder Angst, und dadurch werde verhindert, dass die Kinder das Geräusch habituierten, so dass es sich daher verfestige. Andererseits könne Tinnitus auch auf eine psychische Belastung hinweisen, oder der Tinnitus entstehe als Zeichen einer vegetativen Überreizung, beispielsweise durch Termindruck aufgrund vieler Hobbys etc. In diesen Fällen könne eine Behandlung bei einem Kinderpsychologen sinnvoll sein.
Abgerundet wurden die Vorträge durch Prof. Dr. Gerhard Goebels Ausführungen über "Neues in der Psychodiagnostik bei Tinnitus und Hyperakusis". Er erläuterte, dass Hyperakusis häufig dem Tinnitus vorausgehe. Es handle sich hierbei um einen "Prä-Tinnitus", und dies sei der einzige Zeitpunkt, an dem man die Ausprägung eines Tinnitus verhindern könne, indem man die Hyperakusis behandle. Prof. Goebel schilderte außerdem die Entwicklung des sogenannten "Mini-HK9", eines von ihm und Prof. Dr. Wolfgang Hiller aus Mainz erstellten kleinen Hyperakusis-Fragebogens, der bessere Ergebnisse liefere als umfangreichere Fragebögen.
Am Nachmittag standen drei verschiedene Workshops zur Auswahl: "Praktische Aspekte der Hörtherapie – zum Mitmachen" von Dr. Helmut Schaaf, "Integrative Bewegungstherapie in der Behandlung von Tinnitus und Schwindel" von Katharina Backhauß, Bewegungstherapeutin der Schön Klinik Bad Arolsen, sowie "Meditieren über den Dächern Kalkuttas – Aufmerksamkeitslenkung bei Tinnitus und Hyperakusis" von Jürgen Horn, Leitender Arzt der Klinik Berus in Überherrn-Berus.
