Nicht normal auf der Straße

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Pride Parade in Berlin am 12. Juli 2014
Pride Parade in Berlin am 12. Juli 2014
Bild: Irina Tischer

Berlin/Köln (kobinet) Mit der Pride Parade am 11. Juli wird in Berlin zum dritten Mal behindert und verrückt gefeiert. Straßen in Kreuzberg und Neukölln werden wieder mit Konfetti und Glitzer geschmückt, wenn wie in den vergangenen beiden Jahren gegen den Fetisch von Leistung und einer willkürlich definierten Normalität protestiert wird. Zum ersten Mal findet dieses Jahr in Köln die MAD Pride am 25. Mai statt.

Am Pfingstmontag geht's um 15 Uhr los auf dem Ebertplatz. Irgendwie nicht normal? So ist die Einladung zu einer Pressekonferenz überschrieben. Der Verein Inklusion und Kultur will eine Woche vorher Journalisten über das Ereignis informieren: "Im Mittelpunkt stehen Lebendigkeit, Vielfalt, Kreativität, Lebenslust und der Stolz von Menschen, die anders sind. Wir demonstrieren damit für Selbstbestimmung, Teilhabe, Inklusion und gegen Diskriminierung."

In Berlin waren im vergangenen Jahr mehr als 2000 Menschen dabei, die wieder frech und lauter als die Norm auf die Straße gingen. Sie wollten sich nicht länger an den Rand drängen lassen und reklamierten selbstbewusst ihren Platz inmitten der Gesellschaft. Die Pride Parade 2015 beteiligt sich bis zum 15. Mai an einem Online-Voting, um 1000 Euro Fördermittel zu ergattern. Zu finanzieren sind die Miete zweier Audio-Anlagen sowie Generatoren, Miete für LKW, Honorare für Gebärdensprachdolmetscher ...

Ähnlich wie der Christopher Street Day verbindet die Pride Parade Party und Protest. Die Idee kommt aus den USA. Die Verabschiedung des Antidiskriminierungsgesetzes für behinderte Menschen am 26. Juli 1990 ist hier alljährlich Anlass, für die Rechte behinderter Menschen auf die Straße zu gehen. Seitdem wird in Chicago die Disability Pride Parade veranstaltet.

Lesermeinungen zu “Nicht normal auf der Straße” (15)

Von lehmä

@ Gerti
Klar ernst; für mich gehört Sarkasmus mittlerweile zum (Über)-Leben dazu. Wie sollte man sonst bestehen? – Schön, aber bislang utopisch scheint es doch, dass wir – dann taucht immer die Frage auf: „Wer sind Wir, gibt es Uns überhaupt“ – ZUSAMMEN stehen. – Das Zusammenstehen und sich – so pathetisch es auch klingt, aber das meine ich ernst: Füreinander da sein, so unterschiedlich alle auch sind: MIT und OHNE Behinderung.
Grüße (es sollte kein „Wort zum Sonntag“ sein)

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Da wir die einzelnen Krankheitsbilder nicht kennen, sollten wir das Bild nicht überbewerten. Wichtig ist für manche halt dabei zu sein, was aber auch für einzelne Teilnehmer eine Belastung darstellen kann und uns vielleicht etwas verkrampft und gekünstelt erscheint.
Dann auch noch eine zutreffende Choreographie zu vermitteln ist manchmal nicht so einfach.

Dies ändert aber nun nichts an meiner Einstellung zum generellen Feiern.

Von Gerti

@ lehmä:
Das Komme zwischen den Worten 'gemeinsam' (und) 'einsam' war von mir bewusst gesetzt worden:
Als ich mir die Fotos von der letzten Pirde Parade angesehen habe, hatte ich den Eindruck bekommen, dass zwar viele zusammen demonstrieren, aber wiederum jede/r allein vor sich hindemonstriert. Deshalb 'Einsam, gemeinsam'.
Da kann praktisch kein Miteinander entstehen.
Wenn wenigstens das Mikro reihum gereicht worden wäre, dass hier und da eine_r der Demonstrant_innen ihren / seinen Frust berichtet, meinetwegen auch gebrüllt, gebärdet hätte, dann wäre wenigstens einzelnen Demonstrant_innen VORERST genüge getan gewesen, aber so gab es ein paar Vor'tänzer_innen' und der Rest johlte dahinter her, hinter den Vor'tänzer_innen'.
Aus meiner Sicht: Ich bin nicht sarkastisch gewesen, sondern ich meine das Ernst, wenn ich schreibe, dass alle etwas zusammen unternehmen (durch die Straßen mit Plakaten ziehen), dabei jedoch jeder für sich. Nach Möglichkeit übertönt ein_r den / die andere_n.

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Hallo Gerti und Lehmä,

willkommen im Club, verlieren wir nicht den Humor und zeigen wir unseren tollen Gegnern mit der Möglichkeit von Sarkasmus, dass auch wir behinderten Menschen so einiges unterscheiden können, was uns vielleicht manche nicht zutrauen.

Wolfgang Ritter

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Hallo Herr Dr. Drebes,

verstehen können es bestimmt einige, wenn sie auch bereit sind es verstehen zu wollen. Manchmal hat man den Eindruck, dass nur das verstanden wird, was der eigenen Feder und Idee entstammt und uns sagen soll, ihr müsst nur zuhören, denn für denken und reden sind nun einmal die Halbgötter der höheren Profession erkoren.

Nur wer könnten diese Halbgötter denn sein?

Etwa jene, welche mit ihrer Pantomime von Bühne zu Bühne reisen, aber nicht in der Lage sind, uns, um die es eigentlich geht, zu vermitteln, dass ein gewisse Glaubwürdigkeit in der von uns wahrgenommenen Schauspielerei mit gespaltener Zunge doch auch etwas anderes verdienen sollte, als immer dieses Gejammer zu hören, wir würden gern, aber können nicht!

Was wir brauchen ist die Aufhebung eines Kündigungsschutzes für unfähige Politiker und was dazu gehört.

Wer fünf Jahre einen Scherben Haufen produzieren darf, der sollte dann auch mit dem Willen des Volkes, welches ihn gewählt hatte, fristlos entlassen werden können, denn dass wäre dann Demokratie und nicht dass, was wir immer wieder erleben dürfen, nur weil das Kind wieder einen neuen Namen bekommen hat und die Fischerchöre ständig den Text ihres Gesangs ändern müssen.

Wir bauen auf und reissen nieder, Ideen haben wir immer wieder, nur wer von der Idee auch lange spricht, der hat seinen Job auf lange Sicht.

Manchmal frage ich mich ehrlich, warum die immer alle im Vorfeld so tun als wäre es Menschen verachtend, wenn sie dann doch in der Abstimmung ja und amen sagen?

Mit freundlichen Grüßen,

Wolfgang Ritter

Von lehmä

Lieber Herr Ritter!

Doch! Den Sarkasmus brauchen wir, um zu überleben! Wie „Gerti“ schrieb: „Gemeinsam, einsam!“ Passt.

Grüße

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Herr Dr. Drebes,

bei allem ernst der Situation ist es schön, wenn wir den leichten Sarkasmus nicht vergessen, nur versteht es auch immer jeder ?

Wolfgang Ritter

Von Gerti

Ob die illustre Demonstration TATSÄCHLICH Veränderung schafft, langwährende Veränderung in der Gesellschaft mit anzustoßen, gar zu erzeugen, wage ich zu bezweifeln.
Dazu ist das Fachwissen von den Beteiligten (immer noch) zu gering. Selbsthilfe würde bedeuten, zum Beispiel sich gegenseitig moralisch und kräftemäßig bei rechtlichen Auseinandersetzungen zu unterstützen oder auch so zu unterstützen. Gerade diese Solidartät wird bei der Pride Parade nicht kommuniziert oder habe ich etwas überlesen? So bleibt jede_r Demonstrant_in mehr oder weniger für sich auf der Demonstration, gemeinsam mit einigen tausend Demonstrant_innen. Gemeinsam einsam.

Von Gerti

Gelder gibts vom Netzwerk Selbsthilfe. Von wem noch?
Ohne Moos nix los.
Ein Test:
Wie hilfsbereit sind die Protestler_innen, wenn sie direkt um Unterstützung angesprochen werden, jenseits der Pride-Parade? Was bringt es, zusammen zu demonstrieren, wenn jede_r danach seiner / ihrer Wege geht? So aber sieht die Realität aus. Leider.

Von Sven Drebes

Hallo Herr Ritter,

wie schon geschrieben, der Begriff "Fest" greift deutlich zu kurz.

Wer das Bild geprägt hat? Ich denke, wir beide wissen, dass das nicht Herr X oder Verband Y alleine waren. Da hatten (und haben) ja Viele was von. Die einen, weil sie sich nicht mit unbequemen Themen und Leuten beschäftigen müssen, die anderen, weil sie ein Beschäftigungsfeld haben.

Und als jemand, der nicht nur an der Parade teilnimmt, sondern auch an deren Organisation mitwirkt, kann ich Ihnen versichern, dass wir keinen Cent Förderung vom Staat oder der Wohlfahrt bekommen.

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Sehr geehrter Herr Dr. Drebes,

mir persönlich geht es nicht darum immer zu kritisieren oder so manches schlecht zureden, wie es vielleicht manchmal den Eindruck erwecken mag.
Wenn aber der Wind aus Berlin mir angebliche Verbesserungen nach Bayern bläst, dann aber im einzelnen ich den Inhalt gar nicht nutzen kann, so ist es doch eine Situation für mich, welche mich persönlich keinesfalls zum feiern begeistern kann, wo dann vielleicht noch Konfetti und Luftballons aus Fördermitteln des BMAS bezahlt wurden, oder vielleicht eine Spende von Verdi waren, weil die momentan keine Verwendung hätten.

Zitat:
„Die derzeitige Behindertenpolitik ist stark beeinflusst von dem Bild, das große Teile der Gesellschaft von sich, vom Menschen allgemein und von behinderten und psychiatrisierten Menschen im Besonderen haben.“

Wer hat denn dieses Bild geschaffen, oder von wem wurde es ermöglicht?

Eine gute Frage, finden Sie nicht auch?

Da ich mal davon ausgehe, dass Sie Teilnehmer des Festes sein werden, wünsche ich Ihnen viel Spaß und etwas Erholung vom Alltagsstress und bei der Bewältigung nicht immer leichter Aufgaben.


Wolfgang Ritter

Von Sven Drebes

Sehr geehrter Herr Ritter,

heute mit etwas mehr Zeit.

"Politik" ist ja nichts, was einige Dutzend oder einige Hundert Leute "da oben" im luftleeren Raum machen, auch wenn das eines der beliebtesten Klischees überhaupt ist. Die derzeitige Behindertenpolitik ist stark beeinflusst von dem Bild, das große Teile der Gesellschaft von sich, vom Menschen allgemein und von behinderten und psychiatrisierten Menschen im Besonderen haben. Ein paar wesentliche Elemente davon sind grob vereinfacht und sehr zugespitzt:
- Das Wichtigste im Leben ist, Leistung zu erbringen.
- Fast genau so wichtig ist, "gesund", "stark", "schön" und emotional "stabil" bzw. massenkompatibel zu sein,
- Alle, die in den Augen der Mehrheit nicht leistungsstark, gesund, schön oder emotional massenkompatibel sind, werden als "krank", "leidend" oder therapiebedürftig klassifiziert.
- Wer so klassifiziert ist, soll gefälligst alles dafür tun, sich anzupassen. Dafür gibt es Hilfe. Wer das nicht nutzt, iist selbst schuld.

Gegen dieses Weltbild und dessen Folgen protestieren wir mit der "Behindert und verrückt feiern Pride Parade". In dieses Weltbild passt es nämlich so gar nicht, dass behinderte und psychiatrisierte Menschen mit ihrem körperlichen, geistigen und / oder psychischen Zustand zufrieden oder glücklich sind oder sich zumindest damit arrangiert haben. Schon gar nicht passt es dazu, sich selbst zu feiern. So wird feiern zur Protestaktion.

Übrigens stellen wir nicht in Abrede und akzeoptieren, dass behinderte und psychiatrisierte Menschen mit ihrem körperlichen, geistigen und / oder psychischen Zustand auch unzufrieden oder unglücklich sind oder daran leiden. Sie sind uns natürlich auch willkommen. Und natürlich akzeptieren wir, dass nicht jedem danach ist, sich so, wie er ist gut zu finden und zu feiern.
Es soll uns aber nicht von außen eingeredet werden, dass wir "fehlerhaft" sind und daran leiden.

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Sehr geehrter Herr Dr. Drebes,

Zitat:

„ Das Feiern ist für uns eine Form des Protests, des Trotzes, des Zeigens!“

Das zweite Zitat was mich etwas irritiert ist dann:

„ Es geht gar nicht darum, irgendwelche Erfolge o.ä. zu feiern.“

Warum feiern wir dann überhaupt? Feiern wir nur, weil wir uns der Amerikanisierung nicht mehr versagen können, oder weil alles amerikanische so toll ist? Wir greifen hier Begriffe auf wie Empowerment oder Inklusion, wollen aber nicht wahrhaben, dass beim näheren Betrachten doch Inklusion die Theorie und Exklusion die Praxis hier darstellt. Von Inklusion kann ich nur dann sprechen, wenn auch ich als einzelner behinderter Mensch, mit meinem Leiden, endlich dass auch ausleben kann, was mir die Theorie so schön ausmalt.

Zitat zum Punkt Assistenz: ( Wikipedia )

„ Auch die amerikanische Philosophie von independent living (IL = Selbstbestimmt Leben) hatte also einen Einfluss auf die Entstehung des Assistenzgedankens. Die anfängliche Entwicklung in Deutschland geschah aber unabhängig davon. Die „Behinderten- und Krüppelbewegung“ hatte hier einen großen Einfluss darauf. In Deutschland existierte die Form der Selbstorganisierten Hilfe, bevor die amerikanische IL-Philosophie bekannt wurde (vgl. Steiner 2001: 21).“

Weiterhin kann man auf Wikipedia folgendes nachlesen, wenn man dazu auch bereit ist:
„ An die Kritik gegenüber der Fremdbestimmung der Organisationen und der Expertendominanz schließt auch die heutige Kampagne des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA) in Deutschland an. Sie trägt den Namen „Marsch aus den Institutionen – Reißt die Mauern nieder!“ und hat zum Ziel, Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, in der von ihnen gewählten Umgebung. Deshalb ist es der Kampagne auch ein Anliegen, Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen vor der Einweisung in Einrichtungen zu bewahren, bzw. ihnen den Auszug aus Organisationen zu ermöglichen.“
Wir brauchen keine neuen Ideen, wir brauchen auch keine wohlklingenden Namen von Projekten, Studien und was sich da immer wieder vereinzelte Einfallen lassen, sondern wir brauchen einen ernsthaften willen von Politik und Schönrednern, die sich endlich dazu verpflichtet fühlen, zu handeln, wie es unsere Pioniere sich eigentlich vorstellten, aber einige leider nicht mehr erleben können.
Wenn wir uns geschlossen dafür einsetzen könnten und auch mal die Erfolge anderer zu akzeptieren bereit wären, dann hätten wir längst unseren eigenen deutschen Jahrestag zum feiern für die erlangten Erfolge und dass ohne amerikanische Ideen wie man lesen konnte.

Wolfgang Ritter

Von Sven Drebes

Es geht gar nicht darum, irgendwelche Erfolge o.ä. zu feiern. Das Feiern ist für uns eine Form des Protests, des Trotzes, des Zeigens! Gerade weil viele im Kopf haben, das behinderte und psychiatrisierte Menschen nichts zu feiern hätten, halte ich die Form "Pride Parade", wie immer man es auch nennt, für ein (!) geeignetes Mittel, für unsere Rechte und für Akzeptanz zu demonstrieren. Der scheinbare Widerspruch bringt Leute zum Stutzen, dann zum Nachdenken, und die eine und den Anderen zum Umdenken. Außerdem habw ich bei keiner anderen behindertenpolittischen Veranstaltung so viel Spaß, Selbstbewusstsein und gute Stimmung erlebt. Pädagogen würden das Empowerment nennen.

Von lehmä

Haben wir so viel Grund zum Feiern? Oder „Pride“ (Stolz)- Paraden? Ich kann mich in diesem Zusammenhang an ein Zitat einer „Christopher-Street-Parade“- Teilnehmerin erinnern, die sinngemäß meinte: „Hätten sich die Juden damals so zusammengeschlossen wie wir, wären sie…“ Das vollständige Zitat will ich uns und euch ersparen. Aber haben „wir“ Behinderte/Angehörige/Sympathisanten jetzt so viel gelernt, dass wir feiernd die Straßen bevölkern?- Die Frage sei erlaubt, was feiern wir denn eigentlich?