Matthias Vernaldi heute vor der Urania
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
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Berlin (kobinet) Matthias Vernaldi hat die Kundgebung zur Preisverleihung an Peter Singer in der Urania Berlin für das Aktionsbündnis "Kein Forum für Peter Singer" angemeldet. Das Bündnis verzichtete auf die Einladung, seine Position kurz vor dem Festakt darzulegen. Auch der Laudator für den Preisträger hat dann noch abgesagt, was von den Protestlern mit Beifall begrüßt wurde. Den Redebeitrag von Matthias Vernaldi vor der Urania dokumentiert kobinet zum Abschluss einer lebhaften Diskussion unter Leserinnen und Lesern dieses Nachrichtendienstes:
Die behinderten Leute hier werden fast alle folgendes Phänomen kennen: Wenn wir Menschen kennenlernen, die vorher kaum Behinderte in ihrer Umgebung hatten, dann denken diese von uns, dass wir es wohl irgendwie besonders schwer haben müssen. Umso umfangreicher die Behinderung ist, umso größer muss doch unser Leid sein. Wir empfinden das aber gar nicht so. Es kostet uns Einiges an Mühe, unsere Mitmenschen von diesem seltsamen Blick auf uns abzubringen, und irgendwann sind wir dann auch ganz schön genervt davon.
Andere Menschen – zum Beispiel wenn sie eine depressive Erkrankung haben – drohen, an ihrem Leid zu zerbrechen, und kaum einer nimmt es ihnen ab. Sie sind doch sozial gesichert, körperlich intakt und familiär eingebunden.
Ich habe nur noch eine sehr reduzierte Muskulatur. Bewegen kann ich mich nicht mehr, Atmen nur mit Mühe und der Unterstützung eines Gerätes. Ich brauche Menschen, die mir Essen reichen und den Hintern abwischen, die mich kratzen, wenn es mich juckt, mich waschen, anziehen und im Rollstuhl durch die Welt schieben. Seit Jahren habe ich ununterbrochen Schmerzen. Ich muss mit meinem Leib sehr behutsam und sorgfältig umgehen lassen. Das schluckt in meinem Alltag mehr und mehr Kapazitäten und nervt mich und meine Assistenten.
Kein Mensch wünscht sich so etwas. Natürlich ist das Leid. Aber Genuss, Freude und Glück sind mir deshalb nicht verschlossen. Wie andere Leute auch trinke ich am Abend einen schönen alten Schnaps, lasse mich von einer Bach-Fuge hinreißen oder davon verzaubern, wenn mir das Haar meiner Gespielin ins Gesicht fällt.
Leid und Glück, Genuss und Schmerz haben sehr stark damit zu tun, wie sie wahrgenommen werden und in welchem konkreten Lebenszusammenhang sie stehen. Sie sind extrem subjektiv. Peter Singer meint nun aber, das sei objektivierbar, und man dürfe – ja müsse – Menschen zu Beginn ihres Lebens töten, wenn klar ist, dass sie eine schwere Behinderung haben, um ihnen schweres Leid zu ersparen – genau das Leid, was andere immer in uns hineininterpretieren, wir aber gar nicht so empfinden.
Eigentlich ist das sowieso eine Ausrede. Ihm geht es mehr ums Ersparen an sich. Er möchte der Gesellschaft ersparen, Ressourcen für Menschen wie mich zur Verfügung zu stellen.
Ich kam vor fünfeinhalb Jahrzehnten auf die Welt und hatte damit die Gnade der späten, aber nicht allzu späten Geburt. Wäre ich 20 Jahre früher da gewesen, hätte mich der staatliche Massenmord an Kranken und Behinderten des faschistischen Deutschlands gar nicht erst ins schulfähige Alter kommen lassen. Und 30 Jahre später hätte eine pränatale Diagnostik meine Mutter davon überzeugt, mich gar nicht erst zu einem autarken Organismus werden zu lassen. Peter Singer meint, man könne noch weitergehen und bereits autarke Organismen mit meiner Diagnose töten.
Ich führe ein wunderbares Leben. Ich finde es zum Kotzen, dass ich mich hier hinstellen muss, um das zu betonen, weil einer der „berühmtesten Philosophen der Gegenwart“ mein Recht darauf infrage stellt; ja, überhaupt infrage stellt, dass das möglich ist; Leute wie mich von vornherein zum Unwert erklärt.
Ich führe ein wunderbares Leben, weil schon vor 40 Jahren behinderte Menschen begannen, ihre Rechte einzuklagen, durchzusetzen und zu gestalten. Die Hilfeform der persönlichen Assistenz ist dabei entstanden, die es mir mit einer schweren Behinderung ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. So etwas haben sich keine Pflegewissenschaftler, gar Moralphilosophen ausgedacht, sondern wir haben es selbst entwickelt. Und wir kämpfen seither darum, es anzuwenden. Niemand gesteht es uns großzügig zu. Wir müssen es immer wieder einfordern. Das ist emanzipatorische Wirklichkeit im sozialen Bereich.
Der, der heute hier geehrt wird, hat sich vor ein paar Jahren in einer Fernsehsendung des hessischen Rundfunks dahingehend geäußert, dass man die 4000 € Mehrkosten, die für persönliche Assistenz anfallen gegenüber einer Heimunterbringung viel besser dafür verwenden könne, Menschen in der Dritten Welt vorm Verhungern zu retten. Abgesehen davon, dass bisher noch nie eine Kürzung im sozialen Bereich der Hungerhilfe zugute kam, bringt er hier die Ansprüche und Rechte der Schwächsten in der Gesellschaft in Konkurrenz zueinander.
Er bezeichnet sich selbst als Linker, weil er ein Drittel seines enormen Einkommens spendet und Flüchtlinge unterstützt sowie sich für Tierrechte einsetzt.
Alles jedoch, was er von sich gibt, inklusive seiner Spenden, ist paternalistisch und reaktionär. Altruismus – also eine großzügige Wohltätigkeit derer, die es dicke haben – führt nicht zu einer gerechteren Gesellschaft. Eine gerechtere Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der es gar nicht möglich ist, so ohne weiteres so viel Vermögen anzuhäufen, dass man problemlos auch ein paar größere Summen für mildtätige Zwecke ausgeben kann und sich damit noch als guten Menschen darstellt. Eine gerechtere Gesellschaft gibt genau denen, die benachteiligt und schwach sind, Mittel in die Hände, dass sie ihre Wirklichkeit nach ihren Maßgaben und Bedürfnissen selbst gestalten können. Eine gerechtere Gesellschaft schickt nicht 500 € nach Afrika, um dort einen Menschen vorm Verhungern zu retten (das ist im akuten Notfall sicher notwendig – unbestritten). Gerechtigkeit entsteht aber erst, wenn Märkte und Finanzströme reguliert werden, sodass die Gefahr von Hunger gar nicht erst entsteht und diese Menschen unsere Mildtätigkeit gar nicht nötig haben, weil sie sich sehr wohl allein ernähren können.
Ich habe es schon einmal gesagt: Für mich ist es widerlich, dass ich mich gezwungen sehe, öffentlich darzulegen, dass mein Leben nicht nur Leid ist, weil ein anderer öffentlich darlegen kann, dass es wahrscheinlich so ist und dass man deshalb Menschen wie mich unter gewissen Voraussetzungen durchaus töten darf. Dass er in großen Zeitungen, Sendern und Portalen darüber hinaus die Möglichkeit bekommt, darzulegen, dass es besser ist, Reservate für große Affen, weitere Hochschulplätze oder Hungerhilfen zu schaffen, anstatt mir ein gleichberechtigtes teilhaben an den Werten unserer Gesellschaft zu ermöglichen, empfinde ich fast genauso erniedrigend.
Am Ende bin ich noch derjenige, der gegen die Regeln der Gesellschaft verstößt, weil ich fordere, dass er so etwas nicht öffentlich sagen darf. Auch das macht mir zu schaffen. Ich bin in der DDR groß geworden und sehr allergisch bezüglich Denkverboten und Zensur. Jetzt sehe ich mich gezwungen, sie zu fordern.
Eigentlich wollte ich am Ende meines Beitrags dem ernst gemeinten Zynismus des Peter Singer den (das sage ich ausdrücklich!) ironischen ganz und gar nicht ernst gemeinten Zynismus entgegensetzen, dass er, wenn er seine Denkwege und Grundansätze ernst nimmt, doch bitte jetzt, also spätestens jetzt, wo er diesen Preis erhält, konsequent handeln möge. Seine Gedanken und die Ehrung seiner als Person löst ja bei ganz vielen Menschen, es stehen ja nur einige wenige davon heute hier, ganz enormes Leid aus! Aber das will ich dann doch nicht tun …

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916
Hallo Lesebrille,
ich dachte immer es ging um die Person Singer über die wir hier zu aller erst debattieren? Was wäre denn gewesen, wenn Singer vor der Tür erschienen wäre, hätte sich dann an seinen Standpunkten etwas geändert? Die Medien hatten doch auch so genug an Erlebnissen zum berichten. Singer hat seinen Preis, die Urania eine strittige Entscheidung und wir konnten wieder mal zeigen was in uns steckt, so sind alle wieder zufrieden.
Der Alltag kann kommen, die Politik und alle Verbündeten sorgen bestimmt wieder davor, dass es uns nicht Langweilig wird, wenn Peter Singer und die Urania nicht mehr das Thema EINS sind.
Wolfgang Ritter
Von Scherfo
Krankheit: das Ende oder ein ANFANG ?
Überall in unserem Leben erzählen uns Ärzte, dass Krankheit (Behinderung, alt sein, ...) eine unerträgliche, terrorisierende Gewalt sei. Der Redebeitrag hier und viele kobinet-Lesermeinungen sprechen von einer anderen Wirklichkeit.
Dies ist umso wichtiger als man überall und inzwischen fast täglich Berichte lesen kann, die uns vom Gegenteil überzeugen wollen. Zum Beispiel die großaufgemachte Story über eine "end-of-life-decision" einer amerikanischen Psychologin, die sich mit Krankheit (Vergeßlichkeit im Alter) konfrontiert sah, kürzlich in der New York Times erschienen. In den Kommentaren dazu findet sich eine wichtige Entgegnung (auf englisch/Zitat):
Illness: an ending or a BEGINNING ?
All over, one can read such stories almost every day: a happy, fulfilled and worthy life, but then a disease, destroying everything, the END – or what the article’s dramaturgy wants to make us believe. The names of the respective persons become interchangeable, it is always the same story.
I ask myself this: Where do such articles take us – emotionally, as society and politically?
And I say: They take us in the completely wrong direction!
Such articles strongly promote the end-of-life-decision instead of strengthening the solidarity between patients, a solidarity fundamentally needed in every moment – see, for example, the young Chilean Valentina Maureira, changing her decision, because other people bolstered her up to go on.
Illness is not the end but the beginning of something new. Everybody knows that from experience and even the article can’t withhold it (e.g. the new kind of relationship to the grand child).
This BEGINNING is what it is all about, illness as a force to turn everything upside down, giving us the opportunity to change our lives to the better.
This new approach is called Iatroclasm.
For a start, you can find an introduction on the website of the PF/SPK(H): www.spkpfh.de The secret of illness is human species. How to apply the concept of illness.
So weit der Kommentar. Die Website von Patientenfront / Sozialistisches Patientenkollektiv kann ich nur empfehlen. Der angegebene Text findet sich auf deutsch übrigens hier:
http://spkpfh.de/Das_Geheimnis_der_Krankheit_ist_die_Menschengattung.htm
Aus Krankheit stark!
Von Inge Rosenberger
Die Diskussion um diese Art "Sterbehilfe" ist eigentlich nur die zynische, aber logische Konsequenz aus den immer wieder forcierten Diskussionen in einer auf Leistung fixierten Gesellschaft. Diskussionen um teure und schlechte Versorgung in Krankenhäusern und Pflegeheim, in den Diskussionen um den demografischen Wandel, die Wirtschaftskrise, die Altersarmut und die sinkenden Renten.
Als Mutter einer schwerstbehinderten Tochter bekomme ich immer etwas Bauchschmerzen, wenn die Möglichkeit für den "selbst"(?) bestimmten Tod, die Sterbehilfe und das Töten von schwerstbehinderten Säuglingen zu Zeiten einer bewussten und gewollten Verknappung finanzieller Mittel so stark propagiert wird.
Dieses "Recht" auf den eigenen Tod (oder den Tod von Angehörigen) könnte so irgendwann zur inoffziellen bzw. empfundenen Pflicht werden ...
Und was passiert mit den Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können? Wird es dann ein (ärztliches oder gerichtliches) Gremium zur "Entscheidungsfindung" geben? Wird dieses Gremium beschließen können, dass dieser Mensch "so" ganz bestimmt nicht leben will? Wer setzt da wo, wann und warum die Grenze?
Die Aussagen von Singer treiben diesen Irrsinn auf die Spitze. Kurz gefasst könnte er auch fragen "lohnt sich das, oder kann das weg?"
Von Lesebrille
Wie hübsch, dass Herr Singer Hungernden und Flüchtlingen genügend Geld zur Verfügung stellen möchte. Theoretisch ein guter Ansatz. Aber Peter Singer wäre nicht Peter Singer, würde er auch behinderte Hungernde oder Flüchtlinge meinen... . Ein "Altruismus" mit hässlicher Fratze!
Von Lesebrille
@Wolfgang Ritter:
Sehr geehrter Herr Ritter,
das ist ganz einfach: Niemand von den VerantstalterInnen, wie auch den DemonstrantInnen wollten eine kurze Redezeit, als medienwirksames Pseudo-Goodwill der Urania, nur um dann wieder brav zu verschwinden.
Und es wäre ein Leichtes gewesen, mit Herrn Vernaldi und anderen vor dem Gebäude zu sprechen. Wir waren weder zu übersehen, noch zu überhören. Daher geht auch Ihr implizierter Vorwurf, wir hätten unsere Chancen nicht genutzt, ins Leere.
Von Wolfgang Ritter__deleted__033916
Kann mir mal einer ernsthaft erklären, dass wenn, egal mit welchem Hintergrund die Möglichkeit für einen Beitrag von 10 min. eingeräumt wurde, dann keiner es nutzt?
Wir wollen Beachtung und nutzen sie nicht?
Ist es dass was wir wollen, mit der Instrumentalisierung von Themen und Personen vom wesentlichen abzulenken, da ja vielleicht morgen uns der Diskussionsstoff ausgehen könnte, wenn wir mal zeigen, wer und was wir sind?
Wenn wir so weiter machen, verspielen wir immer mehr Möglichkeiten für dass, was man die Würde des Menschen nennt und um diese kämpfen wir ja, zumindest behaupten wir es.
Wolfgang Ritter
Von nurhessen
Danke, Matthias Vernaldi!
Von Gerti
Es ist an der Zeit, dass sich die Grünen von P. Singer klar und laut und deutlich und öffentlich von der Öko- und Menschenfreund-Schimäre und dem Hetzer P. Singer distanzieren!
Weshalb gegen den nunmehr als politisch als rechts bezeichnet werden könnenden Verein Urania e.V. und den Geschäftsführer des Urania e.V., der einem Hetzer gegen Behinderte das Wort gegeben hat, hätte kurzfristig geklagt werden müssen.
Aus einer Göbbels-Rede im Volkspalast wurde mehr und mehr Hetze gegen Andersdenkende und Behinderte und jüdische Menschen.
Am Anfang stand das Wort (P. Singers). Nein, mehr als ein Anfang wurde gemacht: Singer greift öffentlich auf die Gelder Behinderter zu. Also ist der Schwenk hin zu faschis*oiden gesellschaftlichen Verhältnissen schon einen Schritt weiter.
Singer geht es auch um die Enteignung Behinderter.