Naturparks in Estland
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
Bild: Hartmut Smikac
Von kobinet-Korrespondent Hartmut Smikac
Viljandi (kobinet) Was wir als "unberührte Natur" ansehen, das beginnt in Estland nicht weit von den Städten entfernt. So wird bereits 30 Kilometer nach der Stadtgrenze von Tallinn die vierspurig ausgebaute Fernstraße zweispurig. Der Blick aus dem Fenster zeigt nun Wiesen und Wälder sowie kleine Dörfer und einzelne Gehöfte. Und wer sich zu einem Besuch in einem der fünf Naturparks entscheidet, oder eines der anderen von den insgesamt dreizehn Gebieten, welche von der Forstverwaltung für die Erholung freigegeben sind, kommt dann in Regionen, in denen man tatsächlich einen ganzen Tag über keinen anderen Menschen treffen könnte. Dafür kann man hier in Mitteleuropa selten gewordene Orchideen finden, Vögel beobachten, die man bei uns nur aus dem Zoo kennt, oder auch Elche, Wölfe, Luchse und sogar Braunbären in ihrem natürlichen Umfeld sehen.
Mobilitätseingeschränkte Reisende sollten sich für einen Besuch des zwischen den Städten Viljandi und Pärnu gelegenen Naturpark Soomaa entscheiden. Dieser Naturpark wird von Hochmooren und kleinen Flüssen geprägt. Etwas Besonderes ist die "fünfte Jahreszeit", die Zeit der Frühjahrshochwasser, welche die Landschaft hier überschwemmt und so insgesamt in ein natürliches Feuchtgebiet verwandelt. Das alles macht den Park zu einem Naturgebiet in dem mehr als 185 unterschiedliche Vogelarten beobachten kann, darunter seltene Störche und ganzjährig hier lebende Habichtskauze. Wenn dann im Juni auf den Auen wieder Wiesenpflanzen wachsen, dann fallen die grellblauen Sibirischen Schwertlilien am meisten ins Auge.
Das Besucherzentrum dieses Naturparks ist ebenerdig zugänglich. Neben Estnisch wird hier von den Naturparkführern auch Englisch und Deutsch gesprochen. Faktisch gleich hinter dem Besucherzentrum beginnt ein Bohlenweg auf dem man auch mit Rollstuhl in das "Revier der Biber" eindringen kann. Angenagte Baumstümpfe und Biberbaue sind Beleg dafür, dass hier der Bokert zu Hause ist und mit etwas Glück kann man ihn auch selbst antreffen.
Eine weitere Begegnung mit einzigartiger Natur ist auch einem Besucher mit Rollstuhl ganz in der Nähe dieses Besucherzentrums möglich: Am westlichen Rand des Soomaa-Naturparks bietet der Riisa-Moor-Weg in einem Hochmoor die Möglichkeit, das Gelände auch mit Rollstuhl zu besichtigen. Der Weg selbst ist mehrere Kilometer lang und auf 1.220 Meter Länge als breiter Bohlenweg ausgebaut, der mit Kinderwagen, wie auch mit Rollstuhl ohne Barrieren genutzt werden kann. Am Beginn des Weges gibt es Toiletten, die ebenfalls durch Rollstuhlfahrer nutzbar sind.
Nach all diesen Erlebnissen sollte man sich auch Zeit für einen Kanu-Trip auf dem Raudna-Fluss nehmen. Für Rollstuhlnutzer gibt es einen Anleger von dem aus man in ein Kanu oder gar in einen Einbaum (Nachbau eines Bootes wie es früher hier genutzt wurde) umsteigen kann. Voraussetzung dafür ist ein gewisses Maß an Mobilität. Das gilt jedoch nicht für ein Picknick im Naturpark - das kann jeder genießen: Speisen, so wie sie in Estland auf dem Lande gegessen werden. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.
