LIGA Selbstvertretung gegründet

Veröffentlicht am von Christian Mayer

Person mit Daumen hoch
Person mit Daumen hoch
Bild: Vincent Plüschow

Berlin (kobinet) Im Vorfeld des Welttages der Menschen mit Behinderungen haben sich heute elf bundesweit aktive Selbstvertretungs-Organisationen behinderter Menschen in Berlin zur "LIGA Selbstvertretung - DPO Deutschland" zusammengeschlossen. Auf internationaler Ebene steht die Abkürzung DPO für "Disabled Persons Organizations" und das unbedingte Prinzip der Selbstvertretung. Das neu gegründete Aktionsbündnis fordert deshalb, dass im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention behinderte Menschen und ihre Organisationen im Mittelpunkt der Weiterentwicklung der Behindertenpolitik stehen müssen.

"Wenn die Unterstützung behinderter Menschen zukünftig personenzentriert erfolgen soll und der Slogan ‚Nichts über uns ohne uns!' ernst genommen wird, dann müssen diejenigen, um die es hauptsächlich geht, auch gleichberechtigt und konsequent an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Die Förderung der Selbstvertretung und Partizipation behinderter Menschen wurde Deutschland beispielsweise in Artikel 4 der UN-Behindertenrechtskonvention und in den Abschließenden Bemerkungen des UN-Fachausschusses zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ins Stammbuch geschrieben. Mit dem neuen Zusammenschluss von Selbstvertretungsorganisationen treten wir dafür ein, dass Leistungen und gesetzliche Regelungen im Sinne behinderter Menschen gestaltet werden und nicht von anderen Interessen dominiert werden", betonte Dr. Sigrid Arnade, Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), die als eine der drei SprecherInnen der LIGA Selbstvertretung gewählt wurde.

Helmut Vogel, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes, der selbst gehörlos ist und ebenfalls als Sprecher der LIGA gewählt wurde, betonte die Wichtigkeit der barrierefreien und inklusiven Gestaltung von öffentlichen Angeboten und forderte, dass Barrierefreiheit nicht nur von staatlichen Stellen, sondern auch von privaten Anbietern öffentlicher Angebote und Güter gewährleistet werden muss. Neben dem Abbau architektonischer Barrieren gelte es auch, kommunikative Barrieren durch den Einsatz von Gebärdensprache und Hörhilfen, aber auch durch eine Leichte Sprache abzubauen.

"Deutschland wurde im Rahmen der Staatenprüfung durch den Fachausschuss der Vereinten Nationen die Hausaufgabe gegeben, Sonderwelten gezielt abzubauen und inklusive Angebote zu schaffen. Dabei wollen wir der Bundesregierung helfen, indem wir als LIGA Selbstvertretung die Sichtweise von Frauen und Männern mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen in die Diskussion einbringen. Um dies konsequent und nachhaltig leisten zu können, ist es wichtig, dass in der Neufassung des Behindertengleichstellungsgesetzes eine gute und unkomplizierte Förderung der Selbstvertretungsorganisationen verankert wird. Hier erwarten wir von der Bundesregierung klare Zeichen und verbindliche Regelungen", erklärte Ottmar Miles-Paul vom NETZWERK ARTIKEL 3, der dritte Sprecher der LIGA Selbstvertretung.

Hintergrundinformationen zur LIGA Selbstvertretung

Die LIGA Selbstvertretung versteht sich als Die Politische Interessenvertretung der Selbstvertretungs-Organisationen behinderter Menschen in Deutschland (DPO Deutschland) und als Ansprechpartnerin von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit, wenn es um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die Stimme der Verbände behinderter Menschen geht. Dies ersetzt nicht die Einzelvertretung der Mitgliedsorganisationen.

Die LIGA Selbstvertretung wirkt offensiv an der Bewusstseinsbildung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention mit und veröffentlicht gemeinsame inhaltliche Stellungnahmen und Positionspapiere zu aktuellen behindertenpolitischen Fragen.

Die Kriterien für eine Mitgliedschaft in der LIGA Selbstvertretung basieren auf den Festlegungen des UN-Fachausschusses aus dem Jahr 2014 und wurden von den Verbänden wie folgt gefasst:
• mindestens 75 Prozent der Mitglieder der Organisation sind behindert
• der gesamte Vorstand der Organisation besteht aus behinderten Personen
• die Geschäftsführung der Organisation wird durch eine behinderte Person wahrgenommen
• mindestens 50 Prozent der Leitungsebene (Abteilungs- oder Referatsleitungen, so vorhanden) sind behinderte Personen
• bei Vertretungsanlässen nach außen sollten behinderte Personen die Organisation repräsentieren

Bislang arbeiten in der LIGA Selbstvertretung folgende Organisationen zusammen:

Bildungs- und Forschungszentrum zum selbstbestimmten Leben Behinderter - bifos e.V. / Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern - bbe e.V. / Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V. / Deutscher Gehörlosen-Bund e.V. / Deutscher Schwerhörigenbund e.V./ Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland - ISL e.V./ Kellerkinder e.V. / NETZWERK ARTIKEL 3 - Verein für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter e.V. / Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz – NITSA e.V. / Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland e.V. / Weibernetz – Bundesnetzwerk von FrauenLesben und Mädchen mit Beeinträchtigung e.V.

Link zu weiteren Informationen

Lesermeinungen zu “LIGA Selbstvertretung gegründet” (6)

Von Selli

@ nurhessen
Hallo nurhessen,
bei mir setzen Sie sich NICHT in die Nesseln.

Nur eine Idee von mir:
Könnte nicht Fernunterricht (der ja von - freilich Privatschulen - angeboten wird) eine Lösung sein, um Ihrer Tochter zu einer Berufsausbildung zu verhelfen?

Zusammen mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung könnte doch geprüft werden, ob (exemplarisch) bei Ihrer Tochter eine persönlich zurechtgelegte Ausbildung zum Tragen käme. Das persönlich zurechtgelegte an der Ausbildung könnte (meiner Überlegung nach) sein, dass Ihre Tochter Auszubildende und somit Schulmitglied an einem Oberstufenzentrum an Ihrem Wohnort ist, ABER die Berufsbeschulung ist an der Fernschule. Die Schulmitgliedschaft an einem örtlichen Oberstufenzentrum sehe ich als Kontaktbasis zu Gleichgesinnten in der Ausbildung. Eine entfernte Inklusion (Inklusion als 'Satelit',
Die Berufspraxis ist auch als Heimarbeiterin / Zu-Hause-Auszubildende vielleicht möglich(?)

Von Gisela Maubach

@ nurhessen

Also bei mir setzen Sie sich damit in gar keine Nesseln, sondern man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass diejenigen Menschen mit Behinderungen nicht zurückgelassen werden dürfen, die - platt ausgedrückt - nicht "brauchbar" sind . . . und die auch zu (!) behindert sind, um "Selbstvertreter" sein zu können.

Von nurhessen

Setze mich jetzt einmal in alle Nesseln:
Denkt jemand auch einmal an jene jungen erwachsenen Menschen mit Behinderung, die einen hohen/sehr hohen Unterstützungsbedarf besitzen, ein Ausschlusskriterium, HORROR für jeden Arbeitgeber „mehrfach“, d.h. seh-, oder hörbehindert oder blind UND „schwer“ körperbehindert sind- und an ihre Traumatisierungen sowie Mehrfachtraumatisierungen, wenn sie von jeder, aber auch jeder Arbeit/Schule aufgrund der Mehrfachbehinderung ferngehalten werden? Für die auch eine WfbM vergleichbar ist mit einer Art „Zwangsunterbringung“?- Diese jungen erwachsenen Menschen gibt es auch. Sie leben „inklusiv“ zu Hause ohne Kontakte nach außen, da: siehe oben… Lobby haben sie auch keine… Außer Enttäuschungen…
Grüße

Von Selli

geflügelter Satz:
'Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ' ich einen Arbeitskreis.'
In Anlehnung an Myflower 1968:
Selbstzerfleischung in etablierten Behindertenkreisen.
Und dabei 'raus kommt nüscht Jescheitet.

Von Wolfgang Ritter__deleted__033916

Hallo Mayflower1968,

hatten Sie jemals etwas anderes erwartet? Das Motto ist doch immer dass gleiche, jeder ist sich selbst der Nächste!!! Wenn wir auf unsere Gegner schimpfen, dann sollten wir aber auch eingestehen, jeder ist sich selbst der Nächste, nur die Methoden sind etwas anders.

Wolfgang Ritter

Von Mayflower1968

Ich finde es echt erschreckend wie viele Selbstvertretungs-organisationen es gibt. Jede von Ihnen (selbst hier in Deutschland) kämpft primär um ihre eigenen Interessen, die sich zum Teil so heftig wiedersprechen, das es selbst auf nationaler Ebene noch nicht einmal zu einem Minimalkonsenz kommt.
Das hilft natürlich der etablierten Politik und den bevormundenden Politiker/innen um so mehr denn dann können diese immer behaupten '"... mit denen kann man ja nicht zusammen arbeiten, weil die sich ja selbst untereinander nicht grün sind, also warten wir erst einmal ab bis die sich einigen ... " was nie geschehen wird. Dementsprechend sind wir Lichtjahre vom bedingungslosen Grundeinkommen oder von der Unantastbarkeit eines gewissen Grundeinkommens und Vermögens entfernt.
Und dann wollt ihr noch eine neue Vernetzung Gründen. Diese ganzen Netzstrukturen fressen Unmengen an Geldern, bringen politisch überhaupt nichts, und sind im großen und ganzen doch nur dazu da, das sich einige privilegierte "Behindis" die Eier schaukeln lassen, und dafür noch Geld (zum Teil sogar aus EU Töpfen) einstreichen. Pfui schämt Euch !!!