Offener Brief an Bayerns Sozialministerin

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Emilia Müller
Emilia Müller
Bild: CSU

München (kobinet) Nach Berichten des Bayerischen Rundfunks, dass geistig behinderte Kinder in Heimen eingesperrt werden, will Sozialministerin Emilia Müller die Recherche des Senders nutzen, "um der Sache jetzt noch intensiver nachzugehen und aufzuklären". In einem offenen Brief an die Staatsministerin hat Rechtsanwältin Martina Buchschuster vom Landesbehindertenrat das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung unterstrichen.

Die Menschenrechtsanwältin ist Mitglied im Vorstand von drei Bayerischen Behindertenverbänden. Sie hat viele Eltern vertreten, die ihre Kinder an Behinderteneinrichtungen verloren haben. "Unser Verband schätzt, dass weit mehr als die Hälfte der behinderten Kinder gar nicht von ihren Eltern selbst untergebracht wurden. Jugendämter in Bayern verstoßen täglich gegen die Menschenrechte behinderter Menschen, indem sie Familien mit behinderten Kindern oder Eltern auseinanderreißen", kritisiert Buchschuster. Es herrschten eklatante Qualifikationsdefizite beim Personal in Bezug auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Es fehle an einer funktionierenden Aufsicht.

"So verlieren in Bayern täglich Eltern ihre Kinder an Heime, obwohl mit entsprechendem sozialrechtlichem Know-How Familien zusammen bleiben und dabei auch noch viel Geld gespart werden könnte", meint die Anwältin. In allen Kinderheimen in Bayern könnten Kinder Gewalterfahrungen machen, ebenso Erfahrungen mit Freiheitseinschränkungen und Zwangsmedikamentierungen. Diese Zwangsmaßnahmen müssten und könnten sofort beendet werden. Das Stichwort laute: Persönliche Assistenz.

Lesermeinungen zu “Offener Brief an Bayerns Sozialministerin” (5)

Von Gisela Maubach

@ Interessierte

Ihre Frage, ob ich damals gegen den Sonderkindergarten vorgegangen bin, kann ich mit "ja" beantworten - allerdings nur auf Kostenträger-Ebene. Hierzu schlummern irgendwo in alten Ordnern (es liegt ja mehr als 20 Jahre zurück) auch noch Schriftstücke.
In der Folgezeit wurde von Fixierungen abgesehen (zumindest wurde mir dies so mitgeteilt), aber kurze Zeit später erhielt ich einen Anruf vom stellvertretenden Schulleiter der Sonderschule für Geistigbehinderte dieses Stadtteils.
Als dieser Mann sich meldete, drückte ich spontan auf den Aufnahmeknopf des Anrufbeantworters, so dass das Gespräch auf einer kleinen Kassette aufgenommen wurde, obwohl dies ohne Kenntnis des Gesprächspartners eigentlich auch damals nicht erlaubt war.
Der Mann erklärte mir, dass er für meinen Sohn das "Sonderschulaufnahmeverfahren" durchführen würde und zu diesem Zweck den Sonderkindergarten aufgesucht hätte und meinen Sohn dort beobachtet hätte (ohne mein Wissen).
Nach seiner Einschätzung sei mein Sohn geistig so schwer behindert, dass für ihn keine (!) Schulform existieren würde!

Glücklicherweise habe ich dann durch Eigeninitiative erreicht, dass die Sonderschule des benachbarten Einzugsbereichs bereit war, meinen Sohn aufzunehmen.

Die gleiche Erfahrung wiederholte sich nach Ende der Schulzeit.
Die letzten drei Schultage seines Lebens verbrachte mein Sohn als "Praktikant" in der zuständigen WfbM, die er in der Folgezeit besuchen sollte. Am Ende der drei Tage erklärte die Gruppenleiterin allerdings, dass mein Sohn nicht werkstattfähig sei, und der Sozialdienstleiter hatte direkt ein Heim benannt, das für meinen Sohn geeignet sei . . .

Heute ist mein Sohn 29 Jahre alt und zeigt viel Lebensfreude, wenn er seinen Bewegungsbedarf ausleben darf und von einer harmonischen Atmosphäre umgeben ist.
Für ihn wäre es eine Katastrophe, wenn irgendein Bürokrat mal entscheiden würde, dass ihm eine Heimeinweisung "zumutbar" sei!!!

Von nurhessen

Das Fatale an der ganzen Sache ist, dass es immer wieder dubiose „Gutachter“, auch Psychiater usw. gibt, die diese und andere„Therapieformen“ gegenüber Auftraggebern legitimieren. Ich erinnere mich an eine zweifelhafte Methode der „Festhaltetherapie“ der Irina Prekop, die in den 70-ern, 80-ern kursierte und in Mode war. Auch bei psychisch Kranken, nicht nur Kindern werden und wurden die Eltern und besonders gern die Mütter als Verursacher „schuldig“ gesprochen, mit der Folge, dass die Kinder den Eltern "weggenommen werden/wurden", Besuchsverbote ausgesprochen werden usw. Im Buch von Klaus Dörner „Freispruch der Familie“ wird vor Augen führt, wie Behörden bei Behinderten falsche Entscheidungen treffen und rechtfertigen.

Von Interessierte

Zitat:

Auch in der Folgezeit, als er mit den Beinen an den Stuhlbeinen festgebunden wurde, damit er beim Essen sitzen bleibt, war ich wieder "uneinsichtig", als ich auch dieses Fixieren wieder ablehnte

@Frau Maulbauch: Sind Sie damals gegen den Kiga vorgegangen?

Von Dagmar B

Zitat:

Sie hat viele Eltern vertreten, die ihre Kinder an Behinderteneinrichtungen verloren haben. "Unser Verband schätzt, dass weit mehr als die Hälfte der behinderten Kinder gar nicht von ihren Eltern selbst untergebracht wurden. Jugendämter in Bayern verstoßen täglich gegen die Menschenrechte behinderter Menschen, indem sie Familien mit behinderten Kindern oder Eltern auseinanderreißen", kritisiert Buchschuster. Es herrschten eklatante Qualifikationsdefizite beim Personal in Bezug auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Es fehle an einer funktionierenden Aufsicht......
Zitat Ende

Na, das kann ja dann demnächst, wenn es die Große Lösung gibt, nur noch schlimmer werden.
Eltern unter Generalverdacht , Eltern grundsätzlich ein Fall für die Erziehungshilfe, Eltern, die Missstände kritisieren grundsätzlich überbehütend und Eltern die für gewaltfreie Erziehung sind ,werden mit Gewalt gegen Kinder und Eltern von selbiger überzeugt.....Im Jahre 2016 und man hat den Eindruck, man lebt vor 70 Jahren.

Von Gisela Maubach

" . . . will Sozialministerin Emilia Müller die Recherche des Senders nutzen, "um der Sache jetzt noch intensiver nachzugehen und aufzuklären" . . ."

"NOCH" intensiver hieße doch, dass man der "Sache" bisher bereits intensiv nachgegangen sei. Wenn man diesen Fernsehbericht verfolgt hat, bekommt man allerdings den genau entgegengesetzten Eindruck!

Eltern wird unterstellt, dass sie uneinsichtig wären.
Genau diese Erfahrung habe auch ich in vergangenen Jahren immer wieder gemacht.
Als mein Sohn im Sonderkindergarten bei einer "Festhaltetherapie" verzweifelt gebrüllt hatte, wurde mir ebenfalls Uneinsichtigkeit unterstellt, als ich diese Form der Fixierung ablehnte. Auch in der Folgezeit, als er mit den Beinen an den Stuhlbeinen festgebunden wurde, damit er beim Essen sitzen bleibt, war ich wieder "uneinsichtig", als ich auch dieses Fixieren wieder ablehnte. Und wenn jetzt diejenigen Zeiten in der Werkstatt, in denen keinerlei Betreuung stattfindet (so dass die geistig schwerstbehinderten Menschen sich selbst überlassen sind), "Pausen" genannt werden, wird mir unterstellt, dass ich meinem Sohn keine "Pause" gönnen würde (Pause wovon?), wenn ich auf die fehlende Betreuung hinweise.

Wenn ein schöngeredeter Mangel kritisiert wird, kann man davon ausgehen, dass die kritisierenden Eltern in die "uneinsichtige" Schublade gesteckt werden - und genau davor haben viele Eltern Angst, weil sie ja "nur" Eltern sind und keine Chance gegen die geballte Kompetenz der Sonderwelt haben.