Dennoch behindertenpolitischer Meilenstein

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Düsseldorf (kobinet) Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat ein Interview mit Matthias Löb, dem Direktor des LWL, zur Kritik am Gesetzesentwurf zum Bundesteilhabegesetz veröffentlicht. "Unsere Kommunalpolitiker haben den Entwurf begrüßt, sehen aber berechtigte Erwartungen der Betroffenen nicht erfüllt. Ich halte den Gesetzesentwurf trotz der Kritik für einen behindertenpolitischen Meilenstein", erklärte dabei Matthias Lob.

Im folgenden dokumentieren die kobinet-nachrichten einen Auszug aus dem vom LWL verbreiteten Interview:

Hat Sie die teilweise herbe Kritik überrascht?

Schon aufgrund des Diskussionsprozesses war klar, dass dieses Gesetz nicht alle Erwartungen erfüllen und nicht alle Befürchtungen würde ausräumen können. Trotz der Kritik: Das Glas ist mehr als nur halb voll.

Warum?

Der Gesetzentwurf enthält wichtige Weichenstellungen: Menschen mit Behinderung sind für ihre Teilhabeleistungen nicht mehr auf die Sozialhilfe angewiesen, es wird deutliche Freistellungen von Einkommen und Vermögen geben. Alle Leistungsträger müssen zusammenarbeiten - Hilfen wie aus einer Hand. Richtig ist auch, dass gesellschaftliche Teilhabe nicht bei den Themen Wohnen und Arbeiten aufhört. Auch Kultur, Freizeit oder Mobilität sind wichtige Themen.

Waren die Weichen früher denn falsch gestellt?

Nein, wir haben für Menschen mit Behinderungen in der Vergangenheit auch viel erreicht: Menschen mit Behinderungen werden älter in dieser Gesellschaft, mehr Menschen mit geistigen Behinderungen schaffen es heute, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten, ambulante Hilfen sind stark ausgebaut worden, immer mehr Menschen erhalten Unterstützung in Schule und Studium, Inklusion hat große Fortschritte gemacht,. Aber es gab auch Fehlentwicklungen.

Zum Beispiel?

Das Bundessozialministerium hat ein wichtiges Problem aufgegriffen: Menschen mit Behinderungen, vor allem solche mit psychischen Behinderungen, landen häufig deswegen in der Sozialhilfe, der so genannten Eingliederungshilfe, weil andere Sozialleistungsträger, wie z. B. die Arbeitsverwaltung oder die Rentenversicherung zu wenig geleistet haben. Da soll es jetzt Modellprojekte geben, die zeigen, dass es anders geht.

Keine Kritik von Ihnen am Gesetzesentwurf?

Doch. Menschen mit Behinderung werden nach wie vor in der Pflegeversicherung schlechter gestellt als nichtbehinderte Menschen. Oder - wichtig für die Kommunen, die das alles bezahlen müssen: Weil es einen neuen Begriff geben soll, was Behinderung heißt, sind die finanziellen Folgen für die Kommunen nur schlecht abschätzbar. Es gilt aber das Wort des Berliner Koalitionsvertrages, dass für die Kommunen keine neue Ausgabendynamik entstehen darf. Dort, wo neue Leistungsansprüche verankert wurden oder Leistungsansprüche ausgeweitet wurden, ist der Bund in der Pflicht. Das Gesetz muss vorher auf die Kosten geprüft werden. Wenn sich die jetzigen Kostenkalkulationen als falsch herausstellen, muss der Bund zahlen.

Muss das Land NRW nichts tun?

Das Land soll sich aktiv dafür einsetzen, dass Menschen mit Behinderung in der Pflegeversicherung gleichgestellt werden. Und wir brauchen das Engagement des Landes, um den Bund an seine Pflicht zum Kostenausgleich zu erinnern.

Lesermeinungen zu “Dennoch behindertenpolitischer Meilenstein” (9)

Von Alexander Drewes

Lieber Sven,

ich habe gar keine Veranlassung, Fr. Gottschalck in irgendeiner Hinsicht anzuschreiben. Sie und ich sind ja noch nicht einmal Partei"freunde".

Mit bestem Gruß

Alex.

Von Sven Drebes

Lieber Alex,
wenn Frau Gottschalck das geschrieben hat, ohne dass du sie direkt angeschrieben hast, gebe ich dir Recht.

Von Alexander Drewes

Lieber Sven,

man _kann_ das sicherlich so sehen wie Du; mit Verlaub, ich tue es nicht.
Es ist durchaus nicht Aufgabe einer fachfremden Politikerin, sich ungefragt auf ein Posting von mir auf Facebook zu melden und zu konstatieren, es handele sich um ein gutes und fortschrittliches Gesetz, wenn sie, wie sie hinterher schreibt, davon zum einen keine Ahnung hat und sich noch nicht einmal bei Lösekrug-Müller und Tack schlau gemacht. Sie schreibt ja auf Facebook lediglich, dass sie deren Sachverstand vertraut, nicht, dass sie darauf auch zurück gegriffen hat.
Das Vorgreifen darauf, eine politische Maßnahme müsse schon deswegen werthaltig sein, nur weil sie aus der eigenen Partei komme, ist nach meiner Einschätzung eher das Pfeifen im Walde denn substanzielle Sachaussage im politischen Diskurs. Und: Nur weil das im Grunde jede/r macht, kann man es deswegen ja trotzdem für kritikwürdig halten.

Mit bestem Gruß

Alex.

Von Sven Drebes

Dass Frau Gottschalck und ca. 495 andere Abgeordnete von CDU/CSU und SPD sich bei einem Gesetzentwurf von knapp 400 Seiten, der noch nicht mal als Bundestagsdrucksache veröffentlicht ist, auf die Aussagen der zuständigen Kollegen verlassen, ist nicht verwerflich, sondern ganz normal, Die behindertenpolitischen Sprecher verlassen sich bei anderen Gesetzen umgekehrt auf das Urteil der zuständigen Kollegen, bis sie vom Gegenteil überzeugt werden.
Es ist unsere Aufgabe, das zu tun!

Von nurhessen

Wenn ich schon dabei bin zu schreiben…

… erklärte dabei Matthias Lob. (schöner Druckfehler, der passt) Herr Löb/Lob erklärte dann weiter:
„…Menschen mit Behinderungen werden älter in dieser Gesellschaft,…“
Mir stellt sich im Zusammenhang mit dem Älterwerden von Behinderten die Frage:
1. Ist das „Älterwerden von Behinderten“, das habe ich seit ca. 29 Jahren gehört: (medizinischer Fortschritt usw. usw.) überhaupt gewollt und erwünscht?
2. Ist das ein Verdienst von Herrn Löb/Lob?
3. Wünscht man sich vielleicht nicht doch die „gute alte Vergangenheit“ zurück…?

Von Alexander Drewes

Wie man uns diese Entwicklung als Fortschritt verkaufen kann?
Das ist nicht das erste Mal, dass Politik versucht, ein politisches Umpendeln um 180°, das einen evidenten Rückschritt selbst gegenüber den bestehenden Regelungen bedeutet, als Fortschritt zu verkaufen. So frech, so unverhohlen, so bar jeder Notwendigkeit des Verständnisses für eine Gesetzesmateire (man erinnere sich nur des Umgangs von Fr. Nahles mit den behinderten Menschen, die sie sich ins Ministerium eingeladen hat, nachdem der Protest überhaupt erst anzuheben begann; da wurde der völlig verfehlte Versuch unternommen, vorgebliche oder tatsächliche "Speerspitzen" der Behindertenbewegung in ein Boot zu holen, das schon zu diesem Zeitpunkt im Sinken begriffen war und auf dem die Bordkapelle vermutlich auch schon nur noch "Näher mein Gott zu Dir" gespielt hat). Der Versuch darf als gründlich misslungen betrachtet werden, hat ja wohl Fr. Nahles nicht einmal verstanden (ich unterstelle: nicht einmal verstehen wollen), worin die Fundamentalopposition begründet liegt. Ähnlich ging es mir übrigens vor wenigen Tagen, als ich mit der im Haushaltsausschuss beisitzenden SPD-Abgeordneten Ulrike Gottschalck auf Facebook eine Spiegelfechterei ausgetragen habe; auch Fr. Gottschalck - zugegeben: keine ausgewiesene Sozialpolitikerin, aber man muss den Entwruf ja nur "sehenden" Auges lesen, um zu merken, was für ein Schrott das ist, hat überhaupt nicht verstanden, worin die Kritik begründet liegt. Will heißen: Die Haushälter beschweren sich zwar, dass gegen das Gesetz Front machen und barmen ob der zwei Mrd. Euro, die haushaltsrelevant sind, sind aber wohl durchaus bereit, den Entwurf "durchfallen" zu lassen, wenn die Proteste weiter in dieser Intensität anhalten. Auch Fr. Gottschalck meinte allen Ernstes, es handele sich um einen guten Entwurf und sie habe volles Vertrauen zur Parlamentarischen Staatssekretärin Lösekrug-Möller und zur behindertenpolitischen Sprecherin der SPD-BT-Fraktion, Tack. Ich habe Tränen gelacht

Von Gisela Maubach

Und ein anderes Zitat aus dem Beitrag sollte mal mit Zahlen ergänzt werden:

" . . .mehr Menschen mit geistigen Behinderungen schaffen es heute, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten, . . ."

Der Direktor des LWL möge bitte erklären, wie hoch die Prozentzahl ist, die von den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden. Ich weiß, dass vor dem Komma eine Null steht, aber hinter dem Komma?

Wie kann man uns diese Entwicklung als Fortschritt verkaufen?

Von Sven Drebes

"Menschen mit Behinderung sind für ihre Teilhabeleistungen nicht mehr auf die Sozialhilfe angewiesen,"

Wenn ich eine Rindswurst in eine Verpackung für Sojawürstchen stecke, bleibt es eine Rindswurst und wird nicht vegan. Genauso bleibt das BTHG der Sozialhilfelogik treu, auch wenn auf der Verpackung "Teilhabe" und SGB IX steht.

Von Sven Drebes

"Menschen mit Behinderung sind für ihre Teilhabeleistungen nicht mehr auf die Sozialhilfe angewiesen,"

Wenn ich eine Rindswurst in eine Verpackung für Sojawürstchen stecke, bleibt es eine Rindswurst und wird nicht vegan. Genauso bleibt das BTHG der Sozialhilfelogik treu, auch wenn auf der Verpackung "Teilhabe" und SGB IX steht.