Der etwas andere Messebesuch

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

 Daniel Blatt probiert den neuen Barcode-Scanner
Daniel Blatt probiert den neuen Barcode-Scanner
Bild: SightCity

Frankfurt am Main (kobinet) Einen etwas anderen Messebesuch konnten die Besucher der SightCity in Frankfurt am Main erleben wenn sie mit einem Blinden über die größte Blindenmesse Deutschlands in Frankfurt schlenderten.

„Folgen Sie uns einfach“, hatte Daniel Blatt gesagt, der den Arm von Gert Rockwitz, Reha-Lehrer bei der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, hält und steuert den vom ihm ausgewählten Messestand an. Blatt war vor zwei Jahren in Folge einer Tumorerkrankung erblindet als ausgebildeter Koch und studierte Lebensmitteltechnologe im Grunde ein ganz neues Leben erlernen. Gemeinsam mit der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte machte er sich auf den Weg, die Welt neu zu entdecken. In der Blindentechnischen Grundausbildung (BTG) der Stiftung lernt Blatt seit dem letzten Sommer alles, was für seinen Alltag, aber auch für eine berufliche Wiedereingliederung wichtig ist: Lesen und Schreiben von Blindenschrift, Orientierungs- und Mobilitätstraining, das blindenfreundliche Organisieren des Haushaltes sowie weitere alltagspraktische Fähigkeiten. „Am schwierigsten war es, die Geduld nicht zu verlieren“, erzählt er. „Es ist nicht leicht, gewohnte Abläufe Schritt für Schritt durchzugehen und neu zu entdecken. Doch durch die Schulung gemeinsam mit Leuten, die das Gleiche durchmachen, ist es einfacher.“ Außerdem sei das ausschließlich ambulante Schulungsangebot einzigartig – so könne man abends heimkehren und das neu Erlernte direkt im eigenen Alltag anwenden.

Den ersten Halt macht Daniel Blatt an einem Stand, der ein kleines praktisches Hilfsmittel anbietet: einen Barcode-Scanner für die Hosentasche. „Stellen Sie sich einmal mit verbundenen Augen vor ein Supermarktregal und versuchen den Überblick zu behalten“, scherzt Blatt. Den Supermarktbesuch zieht der Bad Camberger noch in Begleitung seiner Frau vor – doch für das Zurechtfinden im eigenen Kühlschrank und in den eigenen Regalen findet Blatt das neue Gadget interessant. Inzwischen kocht er auch wieder. Mithilfe der Stiftung hat er das Einrichten seiner Küche und auch einige Alltagskniffe wie das Beschriften von Salz- und Pfefferstreuer mit Blindenschrift gelernt. „Am Anfang war Essen sehr frustrierend“, erzählt Blatt. „Nichts hat mehr so geschmeckt wie früher – dass das Auge mitisst, ist nicht einfach nur ein Spruch. Und meine Leidenschaft das Kochen schien quasi unmöglich.“ Inzwischen kocht der 45-jährige wieder gerne – auch für Familie und Freunde.

Über die am Boden angebrachten Orientierungslinien geht es weiter zu einem Stand, der Blinden-Brillen vorstellt. Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist durchaus hochtechnologische Realität: Am Rahmen der Brille ist eine Kamera integriert, die mit einer Schrifterkennungssoftware läuft. Über Kopfhörer wird dem Blinden der Text automatisch vorgelesen. Auch eingespeicherte Gegenstände und Personen kann die Brille erkennen. „Spannend, was neue Technologien für tolle Möglichkeiten bieten“, findet Blatt. Wenn die Technik etwas ausgereifter ist, will er darauf zurückkommen.

Zuletzt hält Blatt an einem Stand für berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten für Blinde. Dass er diesen zum Abschluss seines Messebesuchs ansteuert, scheint fast symbolisch: Noch ist er in der Grundausbildung, lernt unter anderem den Umgang mit Computer-Sprachprogrammen und Blindentastaturen, doch langfristig soll es wieder in die Arbeitswelt zurück gehen. Seinen ursprünglichen Beruf, das Leiten der Großküche eines Krankenhauses, kann Blatt nun nicht mehr ausüben. „Wenn ich den Schritt in einen ganz anderen Job wage, dann will ich ihn auch richtig machen und voller Überzeugung“, so Blatt. Darum ist ihm umfassende Information sehr wichtig. Anregungen zu Umschulungen zum Beispiel als Bürokaufmann, Masseur oder Physiotherapeut lässt er sich deshalb gerne geben und manifestiert: „Nach meiner beruflichen Findungsphase starte ich ganz neu durch.“

Die SightCity, die größte Blindenmesse Deutschlands, findet noch zum 5. Mai im Sheraton Frankfurt Airport Hotel statt. Es gibt also morgen noch eine letzte Möglichkeit in diesem Jahr, mehr über das Leben von sehbehinderten und blinden Menschen zu erfahren und die Akteure dieser Messe kennen zu lernen.