Rette sich, wer kann

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Bild mit Karin Kien auf Feuerwehrtrage bei Rettungsübung
Bild mit Karin Kien auf Feuerwehrtrage bei Rettungsübung
Bild: Klaus D. Tolliner

Graz (kobinet) "Rette sich, wer kann", so lautet ein bekanntes Sprichwort. Wie es jedoch zum Beispiel in einem Brandfall um diejenigen bestellt sein könnte, die sich nicht selbst retten können, bzw. um diejenigen, die aufgrund ihrer Behinderung Unterstützung brauchen, das wurde ganz praktisch mit einer Feuerwehrübung beim Sommercamp zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen im Jugendgästehaus in Graz eingeübt. 

Klaus Tolliner und Monika Hirschmugl-Fuchs hatten mit der Grazer Betriebsfeuerwehr verabredet, eine realistische Feuerwehrübung im Gästehaus durchzuführen. Ausgangspunkt war dafür ein fiktiver Feueralarm, der am vergangenen Donnerstag um 14:00 Uhr aus dem Jugendgästehaus in Graz an die Feuerwehr abgesetzt wurde. Es dauerte dann auch nur wenige Minuten, bis vor dem Gästehaus die Feuerwehr mit ihrem Löschfahrzeug und 23köpfiger Besatzung vorfuhr. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Sommercamps hielten sich zu diesem Zeitpunkt in ihren Zimmern auf. Zwei RollstuhlnutzerInnen waren zwischenzeitlich auf den Gang des 1. Stocks geflüchtet, da in ihrem Zimmer ein fiktiver Brand ausgebrochen war. Die Aufgabe der Feuerwehr bestand nun darin, die Lage möglichst schnell auch unter dem Gesichtspunkt einzuschätzen, dass im Gästehaus Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen untergebracht sind. Ein Szenario, dass man sich zwar nicht wünscht, aber das im Ernstfall nicht unrealistisch sein könnte. 

Nach der Sondierung der Lage und der Rettung der beiden RollstuhlnutzerInnen entschied sich die Grazer Betriebsfeuerwehr unter Leitung von Ingenieur Ingo Mayer in diesem Falle dafür, nicht das gesamte Jugendgästehaus zu evakuieren, sondern lediglich den begrenzten Brandherd zu bekämpfen und die direkt Betroffenen zu evakuieren. Dabei wurden vor allem die Gäste mit Behinderungen gezielt auf ihren Zimmern aufgesucht und über die aktuelle Situation informiert, beziehungsweise dabei unterstützt, das Gästehaus zu verlassen. Im Anschluss an die Übung nutzte die Gruppe das Gespräch mit den Feuerwehrleuten über Vorkehrungen und mögliche Rettungsszenarien im Brandfall, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen betroffen sein können. Dabei wurde deutlich, dass dem Thema der Notfall- und  Katastrophenhilfe von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen bisher noch viel zu wenig Raum eingeräumt wurde und sich jeder Einzelne überlegen muss, wie man sich in einer solchen Situation verhalten kann. Der Tipp von Ingo Mayer überraschte dabei einige. Wenn im Zimmer kein Brand und Rauch ist, dann ist man dort meist erst einmal am sichersten und soll die Türen geschlossen halten und dort bleiben. Am Fenster solle man nach Möglichkeit sichtbar machen, dass hier jemand ist. 

In diesem Fall klappte alles wie am Schnürrchen und Karin Kien wurde von ihrem Elektrorollstuhl auf eine Trage umgebettet und mit der Leiter aus dem Fenster des ersten Stocks auf sicheren Boden gebracht. Nach diesem Stress begaben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Sommercamps wesentlich entspannter ins Grazer Rathaus, wo am Abend der Bürgermeisterempfang zum Abschluss des diesjährigen Sommercamps stattfand.