Handlungsfähigkeit durch praxisbasierte Forschung

Veröffentlicht am von Jens Wegener

Ilja Seifert
Ilja Seifert
Bild: Privat

Berlin (kobinet) Im April dieses Jahres hatte der Allgemeine Behindertenverband "Für Selbstbestimmung und in Würde" (ABiD) gemeinsam mit der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin das ABiD-Institut Behinderung & Partizipation (IB&P) gegründet, welches inzwischen als An-Institut der ASH anerkannt ist. Kobinet-Korrespondent Hartmut Smikac hat mit dem Ehrenvorsitzenden Dr. Ilja Seifert über die Gründe zur Bildung dieser Verbindung von Selbstvertretungsorganisation und staatlicher Hochschule in diesem Institut sowie zu den Perspektiven dieser Arbeit gesprochen.

In diesem Gespräch verwies Ilja Seifert in diesem Zusammenhang auf das gemeinsame Projekt "AltWerden mit Behinderung - mittendrin, ein Leben lang". Dieses Projekt lief vom Dezember 2014 bis zum Dezember 2016. Es wurde unter Einhaltung des Finanzrahmens durchgeführt und beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) fristgerecht mit Übergabe eines inhaltsreichen Abschlussberichtes abgeschlossen. Bei diesem Projekt hatte es, so Seifert, überraschende und durchaus bittere Erkenntnisse gegeben. Dazu gehört in erster Linie, wie Seifert berichtet, die bittere Erkenntnis, dass viele Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen vor wesentlich schwerwiegenderen Problemen stehen als vor der Frage, wie intensiv sie am öffentlichen Leben teilhaben können. Häufig geht es darum, wenigstens aus dem Bett zu kommen. Oder überhaupt das (eigene) Bad benutzen zu können. Eine barrierefreie Wohnung zu finden und dann auch beziehen zu können, erscheint manchen, so berichtet Ilja Seifert mit Hinweis auf die Befragungen, so unwahrscheinlich wie ein Lottogewinn. Viele beschäftigt demgegenüber: "Kommt der Pflegedienst pünktlich? Kommt er überhaupt? Was ist, wenn meine Eltern beziehungsweise Partnerin / Partner nicht mehr helfen können?"

"Dabei wollten wir eigentlich", sagt Seifert "über Kino-, Theater- oder Sportveranstaltungsbesuche reden. Über (ehrenamtliches) Engagement in Selbstvertretungsorganisationen, Gewerkschaften, Kirchen oder politischen Parteien. Über Konzepte zur Selbstertüchtigung oder Vorschläge für Gesetzesänderungen. Über Familienleben, Partnerschaft und – bitteschön: selbstverständlich auch – über Sex im Alter".


Natürlich wurden in den Interviews auch danach Fragen gestellt und dazu verwertbare Aussagen erfasst. "Umso wichtiger ist uns jetzt, diese existenziellen Nöte laut zu benennen und zu versuchen, sie abzumildern oder sogar abzuschaffen. Das wiederum ist eine der ureigensten Funktionen des ABiD, unserer behindertenpolitischen Interessenvertretung" betont der ABiD-Ehrenvorsitzende.

"Bei der Übergabe der Ergebnis-Dokumentation wurde mit Lob nicht gegeizt. Wir waren stolz auf das Erreichte. Wir sind es sogar immer noch", betont Ilja Seifert im Gespräch mit kobinet und fährt fort:  "Aber wir sind inzwischen auch ernüchtert. Denn direkt erkennbare Folgen hat unser Projekt nicht. Weder im Bundesteilhabegesetz (BTHG) noch im Behinderten-gleichstellungsgesetz (BGG) noch in den diversen Pflegestärkungsgesetzen oder gar im alltäglichen Verwaltungshandeln vor Ort findet sich auch nur ein Quäntchen unserer Anregungen wieder. Das ist bitter. Aber für uns kein Anlass zu resignieren, sondern unsere Anstrengungen zu verstärken und weiter zu professionalisieren."

Es sollte also nicht bei einem einmaligen Projekt bleiben, so berichtet Ilja Seifert. Vor allem sollten die gewonnen Erfahrungen, wie die Tandem-Methode bei den Interviews, institutionalisieren werden.  Gezeigt hat sich ebenso, dass Betroffenensachverstand zur Grundausstattung wissenschaftlicher Arbeit gehört.

Mit einer Machbarkeitsstudie, die von Juni 2017 bis Januar 2018 lief, wurde sowohl der Abschlussbericht dieses ersten Projektes wie die dabei gesammelten Erfahrungen aufbereitet und zur Bildung dieses An-Institutes "Behinderung & Partizipation" geführt.

Für alle, die sich für Einzelheiten dieses Projektes und weitere Details dieses Institut interessieren gibt es unter diesem Link die Machbarkeitsstudie und den Abschlussbericht als PDF-Datei nachzulesen und im Bedarfsfall kostenfrei herunter zu laden.