Teilhabeberatung ist am Bodensee angekommen
Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul
Bild: Thomas Schalski
Oberteuringen (kobinet) Die ergänzende unabhängige Teilhabeberatungsstelle (EUTB) in Oberteuringen am Bodensee unterstützt seit über einem Jahr Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen auf dem Weg zu mehr Teilhabe. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul hat bei Thomas Schalski von der EUTB nachgefragt, welche Erfolge bereits für und mit Kund*innen der Beratungsstelle erzielt werden konnten und welche Herausforderungen noch bestehen, um die Teilhabe behidnerter Menschen zu ermöglichen.
kobinet-nachrichten: Ihre ergänzende unabhängige Teilhabeberatung arbeitet nun ja schon geraume Zeit. Wann haben Sie genau angefangen und wie sind Ihre ersten Erfahrungen?
Thomas Schalski: Wir haben im Mai 2018 mit der Beratung angefangen und konnten bis Dezember 2018 etwas über hundert intensivere Beratungen durchführen. Das ist im ländlichen Raum schon eine ganze Menge gewesen. Wir haben 1 ½ Vollzeitstellen und mussten anfangs zudem neben der Beratung natürlich viel Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit machen, um die EUTB bekannt zu machen. Da sind wir in der Anfangsphase auch schon mal an unsere Kapazitätsgrenzen gekommen. Bisher haben wir bis Juni 2019 die Beratung verdoppelt bis verdreifacht. Das zeigt, das das Beratungsangebot der EUTB im Bodenseekreis gut angenommen wird. Wir mussten aber auch erfahren, dass wir Menschen mit Beeinträchtigung sind und diese Beeinträchtigung sich auch mal melden und uns Grenzen der Leistungsfähigkeit aufzeigen. Das ist die andere Seite der Peer-Beratung. Dieses war für mich eine wichtige persönliche Erkenntnis gewesen. Es ist aber eine sehr befriedigende Arbeit, die viel Spass macht und sehr sinnstiftend ist.
kobinet-nachrichten: Welche Highlights gab es für Sie in der Beratung? Konnten schon Erfolge für die Ratsuchenden erreicht werden?
Thomas Schalski: Wir konnten in einigen Fällen gegen den anfänglichen Widerstand der Sozialämter helfen, Persönliche Budgets und Persönliche Assistenz durchzusetzen. Das war zum Teil nicht so einfach. Viele Erfolge in der Beratung und Begleitung hatten wir bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigung im Bereich des Schwerbehindertenrechts, des Rentenrechts und der Pflegeversicherung. Durch unsere gute Beratung konnten wir die Kund*innen soweit fit machen, dass sie sich gegen die Behörden durchsetzen konnten und die ihnen zustehenden Leistungen bekommen. Inzwischen fragt der Integrationsfachdienst bei uns an, wenn Fragen in diesen Rechtsgebieten bestehen.
Gute Arbeit konnten wir auch im Bereich des Wechsels aus der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in den 1. Arbeitsmarkt leisten. Was wir feststellen mussten ist, dass manchmal Menschen mit Behinderung in einer WfbM landen, für die es Alternativen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gibt und die von den Kostenträgern dort untergebracht wurden, nur weil die Behörden nicht weiter wussten.
kobinet-nachrichten: Welche Rückmeldungen bekommen Sie auf Ihr Angebot von den Kund*innen bzw. anderen Institutionen?
Thomas Schalski: Rückmeldungen zeigen uns, dass viele Kund*innen sehr begeistert von dem Angebot der EUTB sind. Ihnen gefällt insbesondere die unabhängige und parteiliche Beratung sowie die Beratung auf Basis der Erfahrungen der Peer-Berater*innen. Viele von unseren Kund*innen waren zuvor in keiner Beratung, da aus ihrer Sicht für sie kein angemessenes Beratungsangebot da gewesen ist. Vertrauen in Beratungsstellen der Behörden bzw. der Leistungserbringer hatten sie nicht. Insbesondere die Beratung auf der Basis von gemeinsam gemachten Erfahrungen von Berater*innen und Kund*innen ist bei vielen gut angekommen. Wir wurden auch sehr gut von den Institutionen des Gemeindepsychiatrieverbundes Bodenseekreis aufgenommen und arbeiten mit diesen inzwischen eng zusammen, da auch unser EUTB Schwerpunkt Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ist. Zur Zeit stellen wir uns in sämtlichen Selbsthilfegruppen vor und unser Angebot kommt auch dort sehr gut an und wird gut genutzt.
kobinet-nachrichten: Wo hapert es zuweilen, bzw. wo sind Themen oder Punkte, wo die Betroffenen noch nicht zu ihrem Recht auf Teilhabe kommen?
Thomas Schalski: Im Bereich der Teilhabeplanung bei der Deutschen Rentenversicherung Bund gibt es einige Probleme. In drei Fällen, die von der EUTB betreut werden, wurden keine Teilhabeplanungen trotz Antrages des Betroffenen durchgeführt. Inzwischen überprüft das Bundesversicherungsamt die Praxis der Deutschen Rentenversicherung in diesen Fällen. Das Behörden Ping-Pong bei der Zuständigkeitsklärung der Reha Träger findet bei uns leider weiterhin statt. Das haben wir beim Integrationsamt des KVJS in Baden-Württemberg mit unseren eigenen Mitarbeiter*innen leider selbst erleben müssen.
Auch das Thema Assistenz ist generell schwierig, insbesondere aber bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen besonders schwierig. Da müssen noch dicke Bretter gebohrt werden. Die Frage der Bedarfsermittlung in Baden-Württemberg ist noch nicht endgültig geklärt, so dass jeder Landkreis zur Zeit sein eigenes Ding macht.
Allgemein stelle ich fest, dass das der Paradigmenwechsel von der Einrichtungszentrierung zur Personenzentrierung in den Behörden und in den Köpfen der Sachbearbeiter noch nicht angekommen ist.
kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche für die EUTB frei hätten, welche wären das?
Thomas Schalski: 1. ein Wunsch wäre mehr Befugnisse in der Begleitung der Kund*innen, um diese stärker unterstützen zu können. Dieses sowohl im rechtlichen Bereich als auch in der psychosozialen Begleitung in Rechtsverfahren. 2. eine schnelle Entfristung der EUTB, damit Kund*innen und Mitarbeiter*innen eine gute Perspektive haben.
kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview
Kontakt: EUTB Bodenseekreis/Oberschwaben, Tavernengasse 4, 88094 Oberteuringen
http://eutb-bodensee-oberschwaben.de/ Tel: 07546 / 9299901
Links zu weiteren Berichten über die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)
Berlin: Erfolge unabhängiger Teilhabeberatung - kobinet-nachrichten vom 6.6.2019
Düsseldorf: Beratung durch Selbstbetroffene - kobinet-nachrichten vom 24.4.2019
Bad Kreuznach: Markus Igel im Gespräch mit Jürgen Dusel - kobinet-nachrichten vom 18.4.2019
Berlin: Teilhabeberatung langfristig verankern - kobinet-nachrichten vom 18.4.2019
Hameln: Teilhabeberatung traf Leistungserbringer und Kostenträger - kobinet-nachrichten vom 7.3.2019
Kassel: Ein Jahr Teilhabeberatung in Kassel - kobinet-nachrichten vom 27.2.2019
Oberteuringen: Besuch des Sozialministers in Beratungsstelle - kobinet-nachrichten vom 25.2.2019
Mannheim: Guter Tipp der Teilhabeberatung für kobinet - kobinet-nachrichten vom 13.2.2019
Oberteuringen: Besuch aus der Schweiz in Teilhabeberatungsstelle - kobinet-nachrichten vom 5.2.2019
Kaiserslautern: Zu Gast beim Bundespräsidenten - kobinet-nachrichten vom 14.1.2019
Kiel: Zwangsanordnung einer Therapie unzulässig - kobinet-nachrichten vom 3.1.2019
Kaiserslautern: Seelentröpfchen auf der roten Couch - kobinet-nachrichten vom 17.12.2018
Köln: WDR mit Jose Jokic auf dem Weg zur Arbeit - kobinet-nachrichten vom 14.12.2018
Bremen: Türkisch-Deutscher Abend zum Schwerbehindertenrecht - kobinet-nachrichten vom 13.12.2018
Köln: Teilhabeberatung bei Veranstaltung in Köln dabei - kobinet-nachrichten vom 30.11.2018
Hameln/Mannheim: Spontanes EUTB-Gedichtchen - kobinet-nachrichten vom 5.11.2018
Halle: Von der Schwierigkeit, Bilder zu beschreiben - kobinet-nachrichten vom 3.11.2018
Essen: Wolfgang Biermanski nun als Peer Berater tätig - kobinet-nachrichten vom 31.10.2018
Kassel: Teilhabeberatungsstelle weitet Angebot aus - kobinet-nachrichten vom 30.10.2018
Stuttgart: Teilhabeberatungsnetz in Stuttgart komplett - kobinet-nachrichten vom 29.10.2018
Köln: Tag des Persönlichen Budgets in Köln - kobinet-nachrichten vom 27.10.2018
Kassel: Schwungvoll in die Teilhabeberatung - kobinet-nachrichten vom 13.10.2018
