Inklusion immer noch Fremdwort?

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Margit Glasow
Margit Glasow
Bild: Uwe Klees/thalmannverlag

Rostock (kobinet) Ist Inklusion immer noch ein Fremdwort? Das fragt Margit Glasow im Blog der Aktion Mensch. Die Rostocker Journalistin hatte die Didacta in Stuttgart besucht, die wieder Bildungshochburg für Lehrkräfte, Erzieher, Ausbilder, Personalentwickler, Trainer und Eltern war. Das Thema Inklusion bahnte sich dabei nur mühsam seinen Weg, stellte Glasow fest. Besonders beeindruckt war sie von der Studentin Kathrin Lemler, die in einer offenen Gesprächsrunde auf der Didacta schilderte, wie sie sich gegen Vorurteile durchsetzen musste.

Aufgrund einer Infantilen Cerebralparese funktioniert bei ihr das Sprechen nicht, denn um einen Laut erzeugen zu können, müsste sie eine Vielzahl von Muskeln auf eine bestimmte Weise bewegen. Mit Leuten, die sie gut kennen, benutzt sie deshalb zur Verständigung eine Buchstabentafel. Diese Buchstabentafel funktioniert über ein Blicksystem: Sie wählt innerhalb eines von sechs Blocks den entsprechenden Buchstaben aus, indem sie zwei Bewegungen mit dem Kopf macht: nach oben links, oben Mitte, oben rechts, unten links, unten Mitte, unten rechts.

Mit dem Sprachcomputer erzählte Kathrin Lemler auf der Didacta von dem stolprigen Weg, auf dem sie sich als unterstützt Kommunizierende in der Schule letztendlich behauptet hat. Gegen alle Widerstände und Vorurteile. Wie es ihr gelang, von der Förderschule an eine integrative Gesamtschule zu wechseln und dort die mittlere Reife zu absolvieren. Wie sie schließlich das Gymnasium besuchen und das Abi ablegen konnte. „Häufig trauten mir Leute nicht zu, dass ich mit einer solchen schweren Behinderung in der Lage wäre, einen Abschluss zu erreichen. Von diesen Menschen habe ich mich nie entmutigen lassen. Im Gegenteil, ich dachte dann: So, und jetzt erst recht! Ich habe zum Glück auch immer wieder Menschen getroffen, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben.“ Kathrin Lemler studiert an der Universität Köln Erziehungswissenschaften.

Lesermeinungen zu “Inklusion immer noch Fremdwort?” (3)

Von Uwe Heineker

Hpellmanns Beitrag fügt sich in hervorragender Weise meinen Ausführungen an.

Hierzu passt folgende Anekdote, die sich tatsächlich zugetragen hat:

Talkmaster Dr. Alfred Biolek wurde zu einer größeren Veranstaltung der Essener Arbeitsgemeinschaft von Behindertenverbänden eingeladen.

Ich saß stilecht als Interviewpartner des prominenten Gastes auf dem eigens von Essen Theater bereitgestellten Sofa.

Das Thema "Einstellung und Vorurteile" kam zur Sprache und ich zitierte aus einer entsprechenden Untersuchung von Prof. Dr. Helmut von Bracken von 1976, in der er unter anderem feststellte, dass 90 % der Bundesbürger nicht wissen, wie sie sich gegenüber Körperbehinderten verhalten sollen, woraus ich dann folgenden Schluss zog:

"Demnach sind also 90 % der Bundesregierung verhaltensgestört!"

Der volle Saal tobte lange vor Beifall und Lachen, Dr. Biolek und ich blickten uns fragend an, ehe meine Aussage als Versprecher uns überhaupt bewusst wurde ...

Bei weiteren Recherchen über weitere entsprechende Forschungen stieß ich auf folgenden lesenswerten Aufsatz von Prof. Dr. pead. Hans Wocken, Mitglied der deutschen UNESCO-Kommission "Inklusion":

http://www.hans-wocken.de/Texte/Zeitgeist.htm

Von Hpellmann

Als Beirat für Menschen mit Behinderung und Kommunalpolitiker ist mir der Themenbereich in seiner Umsetzung und Betrachtung mehr als peinlich. Gerade auf kommunaler Ebene kann ich das Mär der nicht "inkludierbaren Mehrfachbehinderten" täglich betrachten. Es herrscht vielerorts Unkenntnis von Einschränkungen, die körperliche Einschränkungen wie im Text beschrieben mit geistigen Einschränkungen gleichsetzt. Jemand, der sich nicht problemlos ausdrücken kann, ist für Regelschulen angeblich nicht geeignet. Als Interessenvertreter verzweifle ich beinahe täglich vor soviel Unkenntnis und Ignoranz.
Wer sich die offiziellen Zahlen ansieht, wie viele Menschen in Deutschland eine Schwerbehinderung haben oder von ihr akut bedroht sind, der wundert sich wie eine so große Gruppe der Bevölkerung so wenig Einfluss haben kann.
Immer wieder muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, dass wir Interessenvertreter mit der UN-BRK Dinge durchsetzen, die nicht angemessen oder unsinnig sind. In den Köpfen vieler Politiker, ob auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene, sind "Behinderte" eine kleine Randgruppe die in den Strategien eben keine Rolle spielen. Es wird Zeit, dass Inklusion kein Reizthema mehr ist, sondern endlich in der Gesellschaft ankommt. Und damit sind natürlich alle Menschen in der Gesellschaft gemeint, Inklusion ist kein Konzept für Menschen mit Behinderung, sondern für alle. Auch das Wissen die meisten Politiker nicht. Für die gilt immer noch: Inklusion = Behinderte Kinder in Regelschulen
Dieses Verhalten und die Sichtweise kann ich nur mit einem anderen Wort mit "I" am Anfang beschreiben: IGNORANZ

Von Uwe Heineker

Zitat aus dem angesprochenen Blog:

"Doch insgesamt konnte man sich auf der Messe des Eindrucks nicht erwehren, dass Inklusion immer noch ein Nischenthema ist, dass man eben – aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention – auch besetzen MUSS. Da erschreckt es immer wieder, wenn man Vorträge verfolgt, in denen man – wieder einmal – davon erfährt, was alles nicht geht, wer alles nicht inkludiert werden kann. Da fallen auch schon mal Worte wie „mehrfach Gestörte“, für die es besser ist, auf der Förderschule in einem geschützten Raum versorgt zu werden."

Hier wird vor allem deutlich:

Menschen mit Behinderung und Inklusion (als richtungsweisende Grundphilosophie und Vorgabe der UN-Behindertenrechtskonvention) sind tatsächlich nach wie vor Nischenthemen:

denn es offenbart sich hier hintergründig ein Verdrängungsmechanismus, der dazu dient, sich nicht mit dieser "unbequemen" Thematik auseinander zu setzen zu müssen.

Bereits Mitte der 1970er Jahre bezeichnete der Frankfurter Publizist Ernst Klee in seinen "Behindertenreport" an angesprochenen Personenkreis als Deutschlands größte und am meisten vernachlässigte Randgruppe.

Somit spiegeln sich insgesamt die (negativen) Ergebnisse sozialpsychologischer Einstellungsforschung zum gesellschaftlichen Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung (http://bidok.uibk.ac.at/library/cloerkes-einstellung.html) wider, die tief und starr verwurzelt sind und sich offenbar hartnäckig halten.

1974 (!) verkündete zudem Bundesarbeitsminister Walter Arendt (SPD):

„Die Qualität des Lebens für die Behinderten in unserer Gesellschaft ist ein Spiegel der Qualität der Gesellschaft“.

Fazit:

wir sind faktisch auf den Erkenntnisstand von 40 (!) Jahren stehen geblieben - ein weiteres Indiz und Bestätigung meiner oft eingebrachten These, dass eine nachhaltige Änderung der gesellschaftlichen Situation von Menschen mit Behinderung wohl ein mehrere Generationen überdauernder Prozess sein wird.

Die UN-BRK ist also in der Tat der Gesellschaftsentwicklung sehr weit voraus und somit als Husarenstück internationaler Behindertenbewegung zu bezeichnen!