Inklusion auf leisen Sohlen
Veröffentlicht am von Franz Schmahl
Bild: omp
Neumarkt (kobinet) In der Kaiser Franz-Josef Schule in Neumarkt in Südtirol tragen die Schüler Pantoffeln während des Unterrichts. Für kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul ist dies ein Symbol dafür, dass die schulische Inklusion in Südtirol auf leisen Sohlen, aber ohne Wenn und Aber umgesetzt wird. Sowohl beim Besuch der Grundschule und der Mittelschule in Neumarkt als auch beim Gespräch in der Fachstelle für Inklusion in Bozen zeigten sich die 35 TeilnehmerInnen der rheinland-pfälzischen Inklusionstour tief beeindruckt.
Der gestrige Tag stand dabei ganz im Zeichen der inklusiven Bildung, denn bereits in den 70er Jahren wurden in Südtirol per Gesetz Sonderschulen und Sonderklassen abgeschafft. 1987 wurde dann auch die Inklusion in der Oberstufe gesetzlich verankert. Daher ist die Frage, ob ein behindertes Kind doch nicht besser an einer Förderschule untergebracht wäre, in Südtirol kein Thema. Denn es gibt keine Sonderschulen mehr und die Schulen vor Ort sind dafür verantwortlich, sicher zu stellen, dass behinderte Kinder an ihrer Schule die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
Dass dies nicht nur Theorie, sondern gelebte Praxis ist, war beim Schulbesuch im ca. 5.000 Einwohner zählenden Neumarkt zu erfahren. Was als erstes auffiel war, dass der noch vielen bekannte Frontalunterricht nur noch eine von vielen Methoden ist. In der Freiarbeit beschäftigten sich beispielsweise die Klassen 4a und 4b der Grundschule mit individuellen Arbeitsblättern, Matherätseln und -spielen allein oder in kleinen Gruppen. Im Hintergrund lief im Matheraum sogar leise Musik, was möglich war, weil es sehr ruhig war trotz offener Türen.
Kinder mit verschiedenen Behinderungen sind selbstverständlicher Teil der Klasse und werden zum Teil von Integrationslehrern bzw. Integrationskräften dezent unterstützt. Auch wenn an dieser Schule nicht alles perfekt ist, ist eines klar: Behinderte Kinder gehören selbstverständlich dazu und Inklusion bedeutet für alle individuelle Förderung und individuelle Lernziele.
Dr. Veronika Pfeiffer von der Fachstelle für Inklusion in Bozen beeindruckte durch ihre klaren Worte in Sachen Inklusion. Was hierzulande viele nicht einmal zu fordern wagen, wurde in Südtirol bereits in den 70er und 80er Jahren beschlossen: nämlich die Abschaffung der Sonderschulen und Sonderklassen. Bereits 1971 wurde gesetzlich geregelt, dass die Beschulung in Sonderklassen nur für SchülerInnen mit schweren geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen vorgesehen ist. Am 4. August 1977 wurde dann kurz vor der Sommerpause gesetzlich geregelt, dass es zukünftig auch keine Sonderklassen mehr geben darf. 1987 wurde diese Regelung dann auf die Oberschulen ausgeweitet. Worüber hierzulande mit großem Widerstand der Gymnasiallehrer gestritten wird, ist in Südtirol also schon seit 1987 gesetzlich geregelt, dass behinderte Jugendliche ganz selbstverständlich auch in der Oberschule inklusiv unterrichtet werden. Dass es auch in Südtirol noch viele Herausforderungen gibt, daran ließen die Gesprächspartner keinen Zweifel. Aber in Sachen Inklusion ist man dort auf einem guten Weg. Und wie es eine Schulleiterin so schön formulierte: "Manchmal muss es auch etwas weh tun, damit man sich weiter entwickelt.
Klasse 4a und 4b der Kaiser Franz-Josef Grundschule in Neumarkt
